Das Gericht der Tiere |
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Vor langer Zeit gab es einen Metzger, einen rohen Gesellen, der seinen Beruf mit großer Leidenschaft ausübte, da er Freude am Töten hatte. Damit nicht genug, fügte er den Tieren auch unnötig Schmerzen zu bei dem Geschäft, da ihm die Qualen anderer nichts galten, außer dem Vergnügen, das er daran hatte. Mit seinen Pferden sprang er so übel um, dass es die Menschen erbarmte und so mancher kopfschüttelnd die Nähe des Mannes mied. Sein Gespann trug Narben auf dem Rücken, sein Hund hinkte meist, da er die großzügig verteilten Tritte seines Herrn aushalten musste, wenn dieser schlechter Laune war oder einfach in übermütiger Stimmung. Bedauernswert mager waren Hund wie Pferde, denn ihr Herr hielt es nicht für notwendig, ihnen mehr als das Allernötigste zukommen zu lassen. Was er sparte an ihnen, rechnete er um in fröhliche Zechereien im Wirtshaus. Da hielt er sich und seine Bewunderer so manchen Abend großzügig frei, mit Bier und mit derben Späßen. Dass es nur eine Handvoll roher und übler Gesellen waren, die sich zu ihm an den Tisch setzten, kümmerte den Mann nicht. Die waren ein sehr dankbares Publikum und fanden so richtig Geschmack an den Geschichten aus dem Schlachthaus, die der Metzger gröhlend und schenkelklopfend erzählte. Der Hund, der zitternd unter dem Tische lag, bekam statt einer Schüssel Wasser so manchen Tritt, der der guten Laune der Runde entsprang. Eines späten Abends, nach einer besonders wüsten Runde, verließ der Schinder leicht schwankend das Wirtshaus und bestieg sein Fuhrwerk. Das Gespann bekam einige aufmunternd gemeinte Schläge mit der Peitsche noch im Stand, dann zogen die müden und hungrigen Tiere mühsam an. Mit dem hinterdrein hinkenden Hund ging es nun langsam die Straße entlang am Waldrand, der Metzger saß schnarchend auf dem Sitz. Die Tiere kannten ja den Weg zu ihrem zugigen und erbärmlichen Stall, und so ließ der Mann sich ruhig schaukeln, die Zügel lose in den Händen. Plötzlich erwachte er jäh von einem harten Ruck. Der Mann konnte sich gerade noch halten, bevor er vom Sitz herunterfiel, denn der Wagen bog nach links ab, wo ein Weg in den Wald führte. Noch vom Schlaf benommen, versuchte er die Pferde auf die Landstraße zurückzulenken, und nahm auch sogleich die Peitsche zu Hilfe - aber das Gespann reagierte nicht. Da half kein Fluchen und kein Schlag - es war, als wäre er gar nicht vorhanden auf dem Wagen.
Das Fuhrwerk wurde nun schneller, und er hatte Mühe, sich auf dem Wagen zu halten, da es über Wurzeln und Steine ging. Die Zügel hatte er fahren lassen mittlerweile, und hielt sich dann mit beiden Händen am Sitze fest, als er bemerkte, dass es vor ihm heller wurde. Der Wagen hielt auf das Licht zu, erreichte eine Waldlichtung und blieb dann abrupt stehen, so dass der Mann kopfüber vom Sitz fiel und auf dem Waldboden landete. Als er sich aufrappelte, fand er sich von einem sonderbaren Leuchten umgeben, dessen Quelle er nicht ausmachen konnte. Ihm war, als bewegten sich Gestalten in diesem diffusen und verwirrenden Licht. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können und schaute sich um. Da fuhr er mit einem grauenvollen Schrei zurück und wollte von der Lichtung flüchten, aber hinter ihm versperrte ihm das Pferdegespann mit dem Fuhrwerk den Weg - und vor diesem stand zähnebleckend und grollend sein Hund. Und obwohl er doch dieses Tier an jedem Tag seines Lebens getreten und geschlagen hatte, wagte er jetzt nicht einen Schritt. So furchterregend erschien ihm jetzt das Tier. Da schluchzte er auf und drehte sich herum, wie von fremdem Willen bezwungen, und starrte auf die Lichtung. Da waren Tiere, viele Tiere - Schweine, Kälber und Pferde, Hunde und Katzen. Aber die hatten tiefe Wunden, durchschnittene Kehlen oder fehlende Augen und verdrehte Glieder. Und kamen näher und näher, bildeten einen Kreis. Die Augen aufgerissen wie ein Irrer drehte sich der Metzger langsam im Kreis. Es wurden mehr und mehr, grausam verstümmelte Kreaturen, die ihn ansahen, wenn sie Augen hatten oder ihre leeren Augenhöhlen auf ihn richteten. Stetig rann Blut aus ihren Wunden auf das Moos, ein nie endender Strom. Er wollte die Hände vor sein Gesicht reißen, um sie nicht mehr sehen zu müssen, seine Opfer. Denn die waren gekommen, sie waren es alle. Jedes geschundene Pferd, jedes zu Tod gequälte Schwein, jeder erschlagene Hund. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht mehr - er stand unter einem Bann, war wie gelähmt. Nicht einmal die Augen konnte er schließen.
Da löste sich der Bann, der Mann sank in die Knie. "Ihr… ihr… bitte… vergebt… vergebt doch." Das Flüstern war kaum vernehmbar, doch es wurde gehört. Als man ihn fand, war er mehr tot als lebendig. Drei Tage hatte er im Wald gelegen, übel zugerichtet von Insekten und anderem kleinen Getier und fast verdurstet. Es dauerte viele Wochen, bis der Mann genesen war und sich wieder sehen ließ. Sein altes Leben nahm er nicht wieder auf, er wandte sich der Landwirtschaft zu. Sonntags sah man ihn zur heiligen Messe fahren auf seinem Fuhrwerk, das von einem gut genährten und glänzenden Pferdegespann gezogen wurde. Neben ihm auf dem Wagen saß für gewöhnlich sein fröhlich hechelnder und etwas molliger Hund. Das Wirtshaus betrat er nicht wieder, nur sah man ihn hin und wieder an der Bank vor der Pforte stehen, wo er die alte gestreifte Katze streichelte. Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet Lesen Sie auch Die Legende vom versteinerten Watzmann
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