Das Salzmännchen von Zittau |
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Zwar hatte er nicht wirklich etwas einzuwenden gegen den Gesellen, im Grunde mochte er ihn sogar. Doch einem Hungerleider und Namenlos wollte er seine Tochter nun einmal nicht zur Frau geben, und damit hatte sich das. Trotzdem litt er den Jungen wohl in der Schankstube, wenn er auch gut aufpasste, dass der dem Mädchen nicht allzu nahe kam, denn die Neigung der Maid zu dem armen, aber freundlichen Schneider hatte er wohl bemerkt. Und da der Wirt im Grunde seines Herzens ein guter Kerl war, standen an einem Abend ein oder zwei Krüglein Freibier vor dem liebeskranken Schneidergesellen, der tapfer versuchte, seinen Kummer in der goldenen Flüssigkeit zu ertränken. Das aber war ein recht ungewohntes Unterfangen, und so stieg mit dem Biergeistpegel auch die Verzweiflung. Auf unsicheren Beinen begab er sich in schönster Rührseligkeit auf die Straße hinaus, nach einem langen Blick auf seine Angebetete und einem durchaus nicht unfreundlichen Schubser des Wirtes. Auf dem düsteren und kalten Weg überkam ihn so recht das Heulen, und er ließ den Mond, die Bäume, die streunenden Katzen, und überhaupt die ganze nächtliche Welt an seinem Herzeleid teilhaben. Dass hier und da ein Laden geöffnet wurde und eine barsche Stimme Ruhe einforderte, bekam der in Tränen aufgelöste Jüngling nicht mit. Aber da Tränen salzig sind, müssen sie wohl das Salzmännchen angezogen haben, von dem behauptet wurde, dass es über jedes Gran der weißen Kostbarkeit Bescheid wusste. Die Verschwendung dieses Gutes, der sich der Bursche befleißigte, musste dem Kobold wohl Stiche versetzt haben, denn plötzlich stand er neben dem Jungen und fragte, was es zu klagen und zu heulen gebe.
Nun meinte das Salzmännlein, in diesem Falle nütze weder weinen noch jammern viel - die Angelegenheit verlange nach einer tapferen oder findigen Tat, die dem Jungen einen Namen machen würde. Dies wäre wohl geeignet, den Wirt die Sache noch einmal überdenken zu lassen. Denn mit Gold könne es nun nicht dienen, sein Metier wäre nun einmal das Salz und nichts anderes. Aber - hier machte der Gnom eine bedeutsame Pause - über das Salz wüsste er nun alles, was es zu wissen gäbe. Und er wisse, dass der dicke Kaufmann, der im Wirtshaus nächtige, die Salzverordnung umgehen werde, indem er mehrere Truhen davon als andere Waren deklarieren wolle. Dazu muss man wissen, dass die Stadt Zittau zu dieser Zeit das Salzstapelrecht verliehen bekommen hatte, welches unter anderem besagte, dass jeder Händler sein Salz, das er mit in die Stadt brachte, dieser zuerst zum Kauf anbieten musste. Der schlaue Händler hoffte wohl anderswo ein besseres Geschäft zu machen und wollte kein Risiko eingehen. Dem Burschen leuchtete die Sache trotz seines umnebelten Verstandes ein, und er begriff die Chance, die in dieser Information lag. Nachdem das Salzmännchen ihm nun noch einige gute Ratschläge ins Ohr geflüstert hatte, verschwand es so plötzlich, wie es gekommen war. Der Geselle nun machte sich auf, sein Strohlager zu finden, was ihm auch recht gut gelang. Am nächsten Morgen nun in aller Frühe, als ein Kaufmann sich eben auf den Bock seines Fuhrwerkes schwingen wollte, um die Stadt zu verlassen, wurde ihm der Aufbruch in Gestalt eines blassen aber entschlossen dreinschauenden Jünglings verwehrt. Dieser nämlich hatte sich genau vor das Gespann postiert und wollte durchaus den Weg nicht freigeben. Nach kurzem aber lautem Wortwechsel kamen die Männer der Stadtwache angelaufen, um nach dem Grund für den Lärm zu fragen. Als sie gerade den abgerissenen Burschen aus dem Weg stoßen wollten, rief der mit lauter Stimme, dass man doch eher nach dem versteckten Salz in den Truhen auf dem Wagen hinten suchen solle, anstatt ihn grob anzufassen. Und obwohl der Händler fürchterlich in Zorn geriet, bestanden die Wachen auf einer Durchsuchung und wurden rasch fündig. Der in aller Öffentlichkeit entlarvte Kaufmann wurde abgeführt, und unser junger Schneider auf den Schultern der Menge durch die Hauptstraße getragen. Das kam sehr schnell dem Wirt zu Ohren, der tatsächlich seine Entscheidung noch einmal überdachte und zum Schluss kam, ein solch guter und pflichtbewusster Bürger wäre wohl doch keine so schlechte Partie - besonders da diesem eine Karriere als Wachsoldat offen stand. Denn man hatte ihm aufgrund seines Handelns eine Stelle bei der Stadtwache angeboten. So hatte das Salzmännlein alles zum Besten gewendet, und es heißt, dass die glückliche junge Ehefrau, so lange sie lebte, einen Stuhl am Esstisch für den hilfsbereiten Gnom freihielt, in der Hoffnung, ihm durch gute Bewirtung und Gastfreundschaft seine gute Tat zu vergelten. Der hat sich aber nie mehr blicken lassen, denn selbstlose Taten fordern keinen Lohn. Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, © Pressenet Lesen Sie auch Die Legende vom stummen Abt
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