An den Haaren herbeigezogen:
Der Einfluss der Mode

Schaufensterpuppen mit Haaren

Der Einfluss der Mode erfuhr eine gewaltige Verstärkung, vom Menschen der Vorzeit bis heute, aber so richtig lustig wurde es an den Höfen Europas, als Könige wie Ludwig XIV. regierten. Es gibt die Geschichte der Herzogin von Fontanges, einer Favoritin des Sonnenkönigs, der sich bei einem Jagdausflug die Frisur löste. Kurzerhand nahm die pragmatische Dame ihr Haar mittels eines Bandes auf dem Scheitel zusammen und ritt weiter.

Der König fand diese Verlegenheitsfrisur ungemein attraktiv und löste damit eine wahre Hysterie aus. Denn schon nach kürzester Zeit war diese neue Art, das Haar zu tragen, allerhöchste Mode. Die Damen des Hofes wetteiferten um die höchste Frisur ... die "Fontange", denn der Stil wurde nach der Erfinderin benannt. Endlich, als so ein Ungetüm mehr als einen Meter messen konnte und von Stangen gestützt werden musste (man bediente sich dabei eines begleitenden Pagen), wuchs dem König die Sache über den Kopf und er verbot die Fontange.

Überhaupt waren Perücken das Übliche, denn die mangelnde Hygiene führte zu mancherlei Gästen, die sich im Kopfschmuck tummelten. Haarewaschen wurde vermieden, so gut das eben ging, weshalb man sich eine komplette Frisur überstülpte. Das Verbot war allerdings nur schwer durchzusetzen und Ludwig wird sich vielleicht des Öfteren die Haare gerauft haben. Aber es geschah ein Wunder und die Fontanges verschwanden praktisch über Nacht.

Das Wunder, das dazu führte, kam aus England, war eine bildhübsche junge Frau und trug das Haar in kurzen und gepuderten Locken. Was der König nicht durchzusetzen vermochte, vollbrachte mühelos eine schöne Frau mit einem neuen Stil. So ging es weiter, Knoten und Dutts wechselten mit hohen Rollen und um den Kopf gelegten Zöpfen, bis der erste Bubikopf erschien.

Nebenbei bemerkt wurden die Allongeperücken, die von den vornehmen Herren getragen wurden, ebenfalls üppiger und höher, so dass sie gefährlich in den Bereich der Lächerlichkeit traten. Diese wurden später von einfachen Haarbeuteln oder Nackenzöpfen abgelöst. Die Männermode, was die Frisuren betraf, wechselte danach eher selten und blieb lange Zeit recht langweilig.

Der kurze Schnitt der Flapper-Mode in den 1920er-Jahren brachte neuen Schwung für die Damen ... sie schnitten die sprichwörtlichen alten Zöpfe ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich für einige Zeit bei den Frauen eine Art "Minifontange" durch, die so genannte Hochfrisur. Allerdings weitaus hygienischer und recht hübsch anzusehen. Dauerwellen waren das Gebot der Stunde, und in den siebziger Jahren trugen auch Männer sie.

Die 68er-Bewegung brachte eine gewisse Freiheit und Gleichheit, denn lange Mähnen mit Scheitel waren die Einheitsfrisur bei beiden Geschlechtern. Viele Mädchen zogen sich damals verrenkte Rückenwirbel zu beim Bügeln der Haare, denn lang, glatt und glänzend war gefragt. Die legendäre Marsha Hunt machte den wilden Lockenkopf im Afro-Stil kommunenfähig, welcher von den Männern gern mit buschigen Koteletten und Bart variiert wurde. Haare waren zu jener Zeit überaus wichtig, denn sie waren ein Symbol für Freiheit. Damit wiederholte sich eigentlich die Geschichte, denn bei unseren Vorfahren war langes Haar ein Zeichen für freie Geburt. Nur Leibeigene und Verbrecher trugen die Zierde des Hauptes kurz. Der Ausdruck "Gscherter" bezeichnet noch heute einen eher sinistren Menschen niederer Herkunft.

Interessant ist in diesem Sinne auch Standardmode bei gewissen politischen Gruppen, die sich auf das Germanentum - oder was sie dafür halten - beziehen, denn sie tragen sich "geschert" und zeigen sich damit als Knechte ... nicht als Herren. Jedenfalls, was die tatsächliche Historie betrifft.

Heutzutage ist im Großen und Ganzen erlaubt was gefällt, und das Stadtbild bietet von langen Wallemähnen bis interessanten Kreationen in Grün und Pink einen Querschnitt durch die Mode der Jahrhunderte. Haarteile, Perücken, Pagenköpfe, aufgestellte Strähnen ... eigentlich hat es alles schon einmal gegeben. Jeder kann seinen eigenen Stil tragen und damit seine Persönlichkeit unterstreichen ... oder vielleicht auch verschleiern.

Für die Pflege des Persönlichkeits-Aushängeschildes bietet die Industrie Tausende von Produkten, die Unglaubliches versprechen. Man wäscht sich nicht nur das Haar, man repariert es oder macht es geschmeidiger, dichter und gesünder ... und die Hersteller reicher. Ohne Vitamine im Shampoo geht gar nichts, und Da Vinci hätte glänzende Augen bekommen bei der verfügbaren Vielzahl der Farbtöne, die zur Verfügung stehen.

Wie das Haar getragen wird, kann als interessantes Accessoire betrachtet werden - vorschnelle Schlüsse auf die Persönlichkeit sollte man als das sehen, was sie sind: an den Haaren herbeigezogen. Unsere Haare

© "Unsere Haare: Der Einfluss der Mode" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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