Klappe zu - Der Ethikrat und die Realität

Das Aus der Babyklappen und der anonymen Geburt?

Eltern Kind Symbol

Im November 2009 gerieten die Babyklappen in das Visier des deutschen Ethikrates. Dieser forderte die Abschaffung dieser Einrichtungen, da die Inanspruchnahme derselben "das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzen". Dieser Satz klingt, spaltet man ihn von der betreffenden Thematik ab, recht gut.

In der Praxis allerdings spielt es für einen Säugling kaum eine Rolle, wer seine Eltern sind. Er hat nämlich durchaus andere Probleme, auch wenn er es nicht weiß. Vielleicht hängt sein Leben an einem seidenen Faden, obwohl der Ethikrat diesen Argumentationspunkt schon im Vorfeld zu schwächen sucht, indem er darauf aufmerksam macht, dass Mütter, bei denen die Gefahr einer Kindstötung besteht, das Angebot der Babyklappen nicht in Anspruch nehmen. Das zeige die Erfahrung, so der Ethikrat.

Sehr interessant wäre es, wenn auf diese Erfahrungen näher eingegangen werden würde, denn glaubhaft klingt dies nicht unbedingt - ist es wohl eine Tatsache, dass eine Kurzschlusshandlung direkt nach einer Geburt niemals auszuschließen ist. Man halte sich vor Augen, dass eine Frau, die - durch welche Umstände auch immer - eine Geburt alleine durchstehen muss, nicht unbedingt rationell reagieren wird. Zudem kommt es auch auf weitere Umstände an.

Die Babyklappe ist keine Garantie dafür, dass Neugeborene nicht mehr ausgesetzt oder getötet werden, aber mit Sicherheit reduziert sie das Risiko beträchtlich. Diese barmherzige Einrichtung hat lange Tradition. Schon im Mittelalter gab es sie, in Städten waren Armenhäuser damit versehen und viele Klöster. Die abgelegten Kinder wurden aufgenommen, da der Klerus immer Bedarf an Zöglingen hatte. Und es war gang und gäbe, dass sich des Nachts Frauen mit Bündeln zu den Klappen schlichen und, nachdem sie das Kind abgelegt hatten, die Glocke läuteten, bevor sie im Dunkel verschwanden. Man sah das nicht als spektakulären Einzelfall, sondern als die Normalität. Denn wenn man die Situation der ärmeren Leute zu jenen Zeiten besieht, wird das Ganze zu einem integralen sozialen Faktor.

Knechte und Mägde waren auf Gedeih und Verderb von ihren Brotgebern abhängig, nicht viel anders als vorher die Leibeigenen. Die Entlohnung für den Dienst war nicht sehr üppig, und die Hoffnung auf eine eigene Familie bei den meisten praktisch null. Eine Schwangerschaft war mit Sicherheit keine gute Idee, obwohl es mancher Herrschaft vielleicht sogar gleichgültig war, solange die Arbeitsleistung stimmte und kein Säugling in Erscheinung trat. Zumindest wurden wohl keine Fragen gestellt, nachdem der Umfang der einen oder anderen Magd plötzlich radikal abgenommen hatte.

Die Alternative zu der Klappe wäre meist gewesen, mitsamt dem Kind auf dem Arm aus dem Hause verjagt zu werden. Für ledige Mütter gab es zu manchen Zeiten und in manchen Gegenden auch recht unangenehme Strafen, so wie das Prangerstehen und andere öffentliche Demütigungen - die Väter der Kinder waren davon nicht betroffen, weil es sich wohl öfter um den Hausherrn selber gehandelt haben mag.

In Arbeit und Brot zu stehen war lebensnotwendig. Für Frauen aus den unteren Schichten kam sonst nicht viel anderes als die Prostitution infrage. Die Sterblichkeitsrate war hoch, bei den Müttern wie bei den Säuglingen damals, und Mangel sowie Krankheiten taten ein Übriges, um viele Kinder die ersten drei Lebensjahre nicht überleben zu lassen. Die öffentliche Hand ernährte die Klappenfindlinge wenigstens, und die Klöster waren wahrscheinlich die beste Alternative.

Ein so ausgesetztes, oder besser gesagt "übergebenes Kind" hatte zumindest eine bessere Chance für das Überleben als mit der fortgejagten Mutter. Da diese Praktik gang und gäbe war, dürfte die Frage nach der elterlichen Herkunft keine so dringende für das Kind gewesen sein.

In der heutigen Zeit sieht es nur auf den ersten Blick anders aus, denn viele Kinder leben in Armut, wenn auch bei ihrer Familie. Wenn man den Blick nicht gewaltsam davor verschließt, dann wird man feststellen, dass viele Kinder nicht der Gleichgültigkeit ihrer Eltern wegen schlecht ernährt sind, sondern der wirtschaftlichen Lage wegen. Und viele Kinder werden psychisch und körperlich misshandelt, weil die Eltern schlicht mit der Situation überfordert sind.

Es mag sein, dass Kinder darunter leiden, wenn sie ihre Eltern nicht kennen, aber mindestens ebenso viele leiden unter dem Gegenteil. Die nämlich, die ungewollt geboren sind oder im Nachhinein abgelehnt werden. Oder die, die ihren Eltern schlichtweg völlig gleichgültig sind. Wenn Mangel oder Prügel, oder beides zusammen, das tägliche Erleben sind, wird das Wissen um die Herkunft die Kinder nicht glücklicher machen. Die Zeiten, in denen man dringend einen Abstammungsnachweis erbringen musste, um überhaupt als Bürger anerkannt zu werden, sind glücklicherweise vorbei.

So wie es aussieht, hat der Ethikrat den Blick für die Realität verloren. Es wäre in höchstem Maße unethisch, diese Möglichkeit für verzweifelte Mütter abzuschaffen. Die Konsequenzen, die sich - wenn auch nur in einigen Fällen - durch das Fehlen dieser Option ergeben, sollten auf keinem Gewissen lasten. Auch nicht auf dem von Mitgliedern des Ethikrates. Babyklappen

© "Das Aus der Babyklappen und der anonymen Geburt?" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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