Bildungspolitik - Gleiche Chancen sind keine Gleichmacherei

Schule und Bildung

Unter dem Titel "Gerecht ist nicht gleich" wurde 2010 in der FAZ ein Artikel von Heike Schmoll veröffentlicht. Auf den ersten Blick eine bildungspolitische Auseinandersetzung mit dem Thema Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit. Wie gesagt, auf den ersten Blick.

Bei vertiefter Lektüre und ein bisschen Hintergrundwissen zur und Interesse an der Thematik, entpuppt sich das Ganze aber als völlig undifferenzierte Zusammenwürflung von Theorien, Namen und Thesen, die ganz offensichtlich nur ein Ziel verfolgt: Die Barrieren, die bildungsbedingte Aufstiege verhindern, zu betonieren und hierfür durch die Hintertür, die Unterstützung der Bevölkerung dafür zu bekommen. Und das Beängstigende an der Sache ist, dass es funktioniert.

Scheinbar als neutrale Kritik wird angeführt, dass beim Streit um mehr Bildungsgerechtigkeit "nicht selten sozialpolitisches und bildungspolitisches Handeln vermischt würde" - und schon hier fehlt der weiteren Auseinandersetzung jedes Fundament. Wie bitte schön soll denn etwas verbessert werden, wenn nicht sozial- und bildungspolitisch? Es gibt doch inzwischen ausreichend empirisch belegtes Material über den Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft.

Weiter geht es mit einem Zirkelschluß: Schule könne Allgemeinbildung nicht allein leisten, die Verantwortung läge bei jedem Einzelnen und mündige Individuen müssten das Ziel von Bildungsmaßnahmen sein. Interessant: Um Verantwortung wahrnehmen zu können, die für den Erwerb von Bildung nötig ist, muss man mündig sein, was wiederum das Ziel der Bildung in den Schulen ist - was genau dem Leser damit gesagt werden soll bleibt offen.

Wichtigste Aufgabe des Bildungssystems sei "die Benachteiligten dazu zu ermutigen Ihre Chance zu ergreifen" ... Hallo? Wenn sie so offensichtlich benachteiligt werden, welche Chance?? Und wie schaut es mit der Aufgabe aus, Benachteiligungen zu beseitigen? Aber auch hierauf gibt es eine Antwort: "Gerechtigkeit sei zu einem Schutzschild gegen Erfahrung und Tradition geworden" - klar, die Erfahrung, dass es sich bewährt, einen Großteil der Menschen klein zu halten und die Tradition Bildungsprivilegien gut zu schützen, die würden unter Gerechtigkeit leiden.

Es wird unterstellt, dass die Auslese in "Wahrheit" aufgrund von Begabungsunterschieden stattfände und daraus dann auf soziale Ungerechtigkeit geschlossen würde. Niemand wird heute mehr ernsthaft daran glauben, dass es in 80 Prozent der Bevölkerung größtenteils nur weniger begabte und weniger intelligente Kinder als in den anderen 20% gibt.

Aber das "Begabungsmärchen", wo dann auch gerne geistige Entwicklungsmöglichkeiten auf Gene reduziert und soziale Einflüsse darauf negiert werden, wird immer wieder gerne eingesetzt, um Änderungen an diesem System zu verhindern - denn mehr Chancengerechtigkeit heißt natürlich ganz klar auch weniger Chancen (durch mehr Konkurrenz) für die 20 Prozent, die es bisher ziemlich leicht haben.

Studien haben gezeigt, dass etwa 70% der Kinder, deren Vater Abitur hat, nach der vierten Klasse eine Gymnasialempfehlung bekommen, aber nur 17% der Kinder unterer sozialer Herkunftsgruppen - und zwar selbst dann, wenn sie in den Aufnahmeprüfungen sehr gute Ergebnisse haben. Die erste Gruppe bekommt die Empfehlung mit guter Chance selbst bei schlechten Testergebnissen.

Die erste Gruppe erwächst aus einer Schicht, die einen Bevölkerungsanteil von ca. 20 Prozent hat.

Aus der ersten Gruppe wiederum erreichen dann 84% die Oberstufe und studieren später 72%. Aus der zweiten Gruppe sind es dann gerade mal 8% die studieren.

Und nach dem Studium haben immer noch die Kinder der ersteren Gruppe eine wesentlich höhere Chance, in Führungsetagen aufzusteigen, als Kinder der zweiten Gruppe mit gleichen Studienleistungen.

Immer öfter fällt mir auf, dass solche Artikel Leserbriefe und Kommentare nach sich ziehen, bei denen einem sozial denkenden und kritisch mit der Thematik Bildung und Demographie befaßten Menschen die Haare zu Berge stehen müssten. Gegenargumente werden als "Gutmenschtum", linke Utopien oder Kommunismus abgewertet. Noch bedenklicher als die Ansammlung ausdrücklicher Zustimmung zu solchen Artikel finde ich aber, dass es auch gelingt, Menschen die selber betroffen sind und Menschen die sich durchaus kritisch mit der Thematik befassen, zu blenden.

Auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu stellte sich die Frage, wieso es immer wieder gelingt, dass die von Ungerechtigkeit Betroffenen, diejenigen die darunter leiden, so ein System sogar mittragen, den Begründungen für die Ungerechtigkeit zustimmen und die Fehler schließlich in sich selbst suchen. Diese Fragestellung führte ihn zu seinem Konzept der Symbolischen Gewalt und ich finde, passender kann man das, was derzeit in Politik und Medien geschieht, gar nicht bezeichnen. Man spielt mit den Menschen, man spielt sie gegeneinander aus. Arme gegen Wohlhabende, Akademiker gegen Ungelernte, Alte gegen Junge.

Für wirkliche Gerechtigkeit aber muss ein gesundes Gleichgewicht gefunden werden, zwischen der Ermöglichung von Individualität und der Ermöglichung gleicher Chancen. Und individuelle Unterschiede sprechen meiner Überzeugung nach überhaupt nicht gegen Chancengleichheit - im Gegenteil, erst wenn die Chancen gleich sind, kann sich Individualität wirklich entwickeln. Ohne Chancengleichheit bleibt die Individualität eines großen Teils der Bevölkerung auf der Strecke - bleibt Potenzial, das keine Chance hat sich zu entwickeln.

Gerechtigkeit hat nichts mit Gleichmacherei zu tun - gerecht ist, wenn Individualität gefördert wird (Ungleiches ungleich behandelt wird) und gleiche Chancen für alle gelten (Gleiches gleich behandelt wird) - und das ist ohne den sozialen Aspekt nicht zu leisten. Bildungspolitik

© "Bildungspolitik - Gleiche Chancen sind keine Gleichmacherei" - ein Textbeitrag von Sabine Siemsen; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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