Das Brandmal: Das zerlumpte Mädchen

Erzählung (1. Teil)

Junge Frau im Wald

Der Schlag warf das Mädchen um, und einen Moment lang war ihr schwarz vor Augen. Sie sah sonderbare Blitze, die durch die Dunkelheit zuckten, hörte nur noch das schrille Fluchen des Stallmeisters und hob schwach die Arme, um sich zu schützen. Es war ein Reflex, nicht mehr.

Sie wusste, dass mehr Schläge kommen würden, und so ließ sie los, um tiefer zu fallen in die Schwärze, die sie umgab, um nichts mehr zu fühlen. Doch da klatschte ein Schwall stinkenden Wassers in ihr Gesicht, und sie öffnete die Augen, krampfhaft Atem holend.

Der Stallmeister war verschwunden, aber der grinsende Knecht stand breitbeinig über ihr, den leeren Wassereimer noch in den Händen. Dann wandte er sich mit einem unflätigen Lachen ab. "Die Raufen, Srieta" zischte er ihr dann noch über die Schulter zu, als er den Gang entlang zum Ausgang schlenderte.

Mühsam stemmte sich das Mädchen auf die Knie, Übelkeit stieg in ihr hoch und sie versuchte, so tief wie möglich Atem zu holen. Die Seite ihres Kopfes, wo der Schlag sie getroffen hatte, fühlte sich taub an, und als sie die Hand hob, um ihre Wange zu berühren, fühlte sie nichts. Nur die Haut unter ihren Fingern fühlte sich ziemlich geschwollen an. Das war nichts Neues, aber so schwindlig war ihr noch nie gewesen nach den Prügeln.

Sie hatte nichts getan, um die Wut des Stallmeisters herauszufordern, aber das war auch nicht notwendig. Er mochte sich anderswo geärgert haben oder noch einen Brummschädel vom gestrigen Abend haben, vielleicht hatte der Herr auch den Stall besucht und seine Unzufriedenheit ausgedrückt. Was immer auch den fetten, stiernackigen Kerl störte - er gab seine Wut sofort weiter. Die Pferde waren sicher vor ihm, denn die Herrschaft hätte Misshandlungsspuren sehr übel vermerkt. Bei den Leibeigenen und Hörigen suchte keiner nach blauen Flecken und Knochenbrüchen.

Der etwas einfältige Knecht, der ihr das Wasser übergegossen hatte, war fast ebenso oft der Sündenbock wie Srieta selber. Sie wusste sehr wohl, dass der Junge deshalb so schadenfroh und hinterhältig war. Sie nahm es ihm nicht wirklich übel, aber den Stallmeister hasste sie aus tiefster Seele. "Srieta" - das war nicht ihr Name, sondern eine Beschimpfung. Das Wort bezeichnete etwas ziemlich Dreckiges - es war das Wort für das Frauenfleisch, dessen sich jeder bedienen konnte, der Lust dazu hatte.

Die Herren hatten kaum einen Blick für die zerlumpten Mädchen und Frauen, die tagtäglich die schweren Arbeiten auf dem großen Hof der Burg verrichteten. Die holten sich die hübschen Töchter der Bauern und Gutsbesitzer, um den Damen aufzuwarten, und zur Bedienung bei den großen Festen. Die Stellen waren begehrt, denn wenn einer der Junker ein Auge auf eine frische Schöne geworfen hatte, ging sie nicht ohne Geschenke nach Hause zurück und konnte sich gut verheiraten. Aber diejenigen, die man Srieta nannte, die Kinder der Allerniedrigsten, die wurden von den "kleinen Herren" in die dunklen Ecken gezerrt. Kellermeister, Bäcker, bessere Diener und Gardisten nahmen sich, was sie wollten. Und sie fragten nicht immer nach dem Alter und auch nicht nach dem Geschlecht.

Ihr war das noch nicht passiert, denn obwohl sie so um die fünfzehn Sommer gesehen hatte, war sie sehr dünn und sehr unansehnlich. Nicht dass das irgendjemanden abgehalten hätte, der volltrunken nach einem Gelage ein Opfer suchte - aber der Schmutz und der Gestank schon. Und niemals verließ sie bei Sonnenaufgang ihre Schlafstelle aus altem Stroh und Lumpen, ohne sich mit mehreren Handvoll Ruß und einigen übel riechenden Sachen "zurechtzumachen".

Das Mädchen lebte in einer Hütte, wenn man den Verschlag aus faulenden Brettern so nennen konnte, mit der alten Kraisa. Die Alte hatte ihr zu den Maßnahmen geraten, um sich zu schützen, und bis jetzt hatte Jerssa damit auch Erfolg gehabt. Nur leider hielt es keine Schläge ab. Kraisa war so etwas wie eine Heilerin, und wenn sie auch halb blind war, so waren ihre Salben und Tränke für Mensch und Tier hochbegehrt auf der Burg. Ob ein Kind nun einen bösen Husten hatte oder ein Pferd kranke Hufe - Kraisa wusste meist ein Mittel. Aber da sie kaum gehen konnte, brauchte sie jemanden, der nach ihren Beschreibungen die Kräuter holte, die sie benötigte.

Die Kräutersuche bedeutete eine gewisse Freiheit für Jerssa, die nur im Stall arbeiten musste, wenn die Heilerin keine Aufträge für sie hatte. Sie hatte einen besonderen Status, die Alte ... sie wurde niemals geschlagen. Und sogar die Hebamme der Fürstenfamilie war schon gekommen, um sich Hilfe zu holen. Aber das war auch alles, nur das Mädchen hatte sie sich ausbedingen können. Denn niemand konnte sich so gut merken, was ihr aufgetragen wurde, und kannte sich so gut aus in den Wäldern und Lichtungen um die Feste. Und von Kraisa wusste sie auch, wie sie in Wirklichkeit hieß. Denn die Alte Kräuterkundige hatte ihre Eltern gekannt, die vor vielen Jahren als Gefangene in die Elendshütten der Hörigen gekommen waren. Sie stammten aus dem Land jenseits der Berge, wo es Krieg gegeben hatte mit den Fürsten dieses Reiches. Sie kannten die Sprache nicht, aber je mehr Peitschennarben sie auf dem Rücken trugen, umso besser verstanden sie die Befehle. Die Frau war schwanger gewesen, als man sie herbrachte, und sie gebar ihr Kind in der Hütte Kraisas. Und bevor sie starb, nannte sie noch den Namen, den das Neugeborene haben sollte: Jerssa. In ihrer Sprache hieß das "Freude".

Der Vater überlebte nicht viel länger, er begleitete eine Jagd als Treiber und kehrte nicht zurück. Ihren Namen behielt das Mädchen für sich, wie etwas Kostbares - das Einzige, das ihr allein gehörte. Die zerlumpten Arbeitstiere brauchten keine Namen, man nannte sie "he du", Tölpel oder eben Srieta. Kraisa war die einzige Person, die Jerssa mit Namen kannte. Und sogar bei der Heilerin gab es kaum jemanden, der wusste, wie sie hieß. Die Herrschaft nannte sie "Alte".

Als das Mädchen mühsam die Raufen gefüllt hatte - wobei sie sich immer wieder irgendwo abstützen musste, weil sie schwankte - kroch sie in die winzige Hütte. Kraisa hatte schon gehört, was geschehen war und einen Sud vorbereitet. Niemand fragte danach, wenn ständig etwas auf dem Feuer köchelte - schließlich konnte es einem ja selber zugutekommen. Unter mitleidigem Murmeln machte die Kräuterfrau dem Mädchen einen Umschlag und flößte ihr dann etwas ziemlich Bitteres ein. "Du musst fort, Kind, sonst wird er dich noch totschlagen", nuschelte sie. "Das hier war nahe daran, es hätte dir den Schädel brechen können." PR

Zum zweiten Teil der Erzählung In Freiheit

© "Das Brandmal: Das zerlumpte Mädchen" - eine Erzählung von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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