Das Brandmal: In Freiheit

Erzählung (2. Teil)

Junge Frau und Sterne

Jerssa fühlte sich etwas besser, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen und die taube Kopfseite prickelte etwas, weil das Gefühl zurückkehrte. "Wohin könnte ich gehen? Man würde mich suchen." Da lachte die Alte auf und meinte: "Wer sucht ein Lumpenkind, wenn so viele hier herumlaufen, dass man sie nicht zählen kann. Wer fort ist, ist nicht mehr da. Und die alte Kraisa kann niemanden suchen gehen. Sie weiß nicht, wo welches Mädchen im Wald in eine Schlucht gestürzt ist beim Kräutersuchen."

Die trüben Augen Kraisas verengten sich zu Schlitzen, als sie zahnlos lachte, und Jerssa richtete sich auf. "Aber wer wird dir helfen, wenn ich fort bin?" Kraisa wurde ernst und flüsterte: "Ich gehe auch bald fort, sehr bald werde ich gehen. Ich habe es gesehen in meinen Träumen, das und mehr. Deine Zeit bei mir ist vorbei."

Das Mädchen wusste sofort, was die Alte meinte, und obwohl ihr deren Worte Kummer machten, fühlte sie doch etwas wie Hoffnung aufsteigen. Doch dann stiegen ihr Tränen in die Augen, und sie nahm die knotige Hand der alten Frau und legte sie sich auf die Schulter, gerade auf die Stelle, wo die wulstige Brandnarbe war, die sie als Eigentum ihres Herrn auswies. Dieses Zeichen fesselte zuverlässiger als Ketten aus Eisen, denn ein so Gezeichneter konnte nirgends als freier Mensch leben.

Aber Kraisa streichelte die Schulter mit zittrigen Händen und begann von ihrer Zeit als Heilerin zu erzählen, von früheren Zeiten, als es hier noch keine hochfahrenden Herren gab und die Menschen das Land noch achteten und nicht nur nahmen, was sie konnten.

Die Vornehmen hatten nicht nur die Burg gebaut, sondern auch neue Altäre. Sie opferten Räucherwerk und Stahl, ihre Götter waren blutrünstig und strebten nach immer neuen Kriegen. Sie kannten die Kräfte nicht, die vor langer Zeit hier gewirkt und das Land beschützt hatten. Noch immer gab es verborgene Stätten der Kraft, wenngleich die Menschen sie vergessen haben mochten. Und leise sagte die Alte einen Namen und beschrieb einen Ort, dann löschte sie das Feuer und beide - Mädchen und Greisin - schliefen ein.

Noch vor Morgengrauen verließ Jerssa den Hof. Ihr Sackleinenbeutel für die Kräuter baumelte von ihrer Schulter - und das war Ausweis genug für die Torwachen. Aber diesmal schlug sie einen anderen Weg ein als sonst. Sie umging die Feldraine und Wiesen, und strebte eilig den Wäldern zu, die sich am Fuße der Berge ausbreiteten. Vereinzelte Wachtürme schauten über das Land, aber sehen würde man sie nicht. Nicht unter den Bäumen und nicht zu dieser Stunde. Kraisa hatte ihr den Weg sehr gut beschrieben, und so verlor das Mädchen keine Zeit. Der Weg stieg stetig an, wurde schmaler und schließlich zu einem kaum erkennbaren Pfad, der sich unter uralten Bäumen dahinschlängelte. Aber als die Sonne den Zenit erreichte, stand Jerssa an dem Ort, den ihr die Heilerin beschrieben hatte.

Unverhofft war eine Lichtung aufgetaucht, in deren Mitte ein kleiner See war, gespeist von einem Gebirgsbach. Am Ufer stand ein schmaler Fels, etwa so hoch wie zwei Männer und von Ranken überwuchert. Jerssa schob sachte die Ranken zur Seite und legte ein flaches Steinbecken am Fuß des Felsens frei. Auf der Vorderseite des Steines befanden sich eingravierte Zeichen, sonderbar und geheimnisvoll. Das Mädchen schöpfte mit den Händen Wasser aus dem Weiher in die Steinschale, dann fuhr sie mit feuchten Fingern die Runen nach und murmelte die Worte, die Kraisa ihr viele Male vorgesagt hatte:

"Der Kosmos, die Melodie der Ewigkeit, wiegt alles, was jemals war und sein wird. ES war in den Schwingungen der Sterne, im großen Allsein aufgegangen und war EINS. Dann drang ein fremder Ton in das Gewebe des Seins, ein silbriger dünner Faden schlängelte sich durch die Maschen und es gab eine Ahnung von Form. Was sich gewiegt hatte, verharrte und erwachte, etwas richtete seine Aufmerksamkeit auf den Silberfaden und folgte ihm zu seinem Ursprung. Er kam von ... den Elementen, von der Sphäre, die vor langer Zeit die erwählte gewesen war. Ein erwachtes Bewusstsein glitt an dem Faden, dem Ruf entlang, bis die Stofflichkeit sich zu Bildern verdichtete. Eine Welt, IHRE Welt und ein Name der genannt wurde. JERANA ... das war der Name, dem der Ruf galt. Wasser, Erde, Pflanzen, Menschen. Ein bestimmter Mensch, der rief. Die Präsenz entschied sich für eine Form."
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Jerssa konzentrierte sich völlig auf die Worte, die sie immer und immer wieder sprach. Sie verstand nicht deren Bedeutung, aber Kraisa hatte gesagt, dass "Jerana" die Beschützerin der Wälder gewesen war. Die Mädchen und Frauen des Volkes hatten sich immer an sie um Schutz gewandt, oder wenn sie eine Bitte hatten. Sie war die Hüterin der Seen und Quellen und alles Lebendigen.

Jerssa kam es vor, als sage sie schon seit Stunden die Gebete auf und schöpfe Wasser. Entmutigt hielt sie inne, als sie ein Prickeln zwischen den Schulterblättern verspürte. Langsam drehte sie sich um und sah eine Frau, die in lässiger Haltung am Ufer saß und auf das Wasser blickte. Ohne den Kopf zu wenden, winkte die Unbekannte Jerssa zu sich heran. Ängstlich und zögernd folgte sie der Aufforderung, bis sie neben der Gestalt stand. Es war irgendwie unmöglich, die Frau genau anzuschauen. Langes schwarzes Haar, schlanke Glieder und ein grünes Gewand vielleicht. Jerssa war sich nicht sicher, aber dann drehte die Gestalt den Kopf und dann sah das Mädchen nur noch diese Augen. Riesig und silbrig grau schienen sie bis in ihre Seele zu schauen.

Jerssa konnte sich nicht bewegen, sie versank völlig in diesem Blick, der sie erforschte bis in den kleinsten Winkel ihres Selbst. Dann fühlte sie die Worte der Fremden mehr, als sie die Laute hörte. "Das Wasser reinigt, mein Kind. Es nimmt weg, was dich bindet. Dein Weg führt über die Berge, geh frei und ledig dahin, wo dein Schicksal auf dich wartet."

Jerssa war kraftlos auf die Knie gesunken, doch als sie wieder aufschaute, war sie allein. Wie im Traum streifte sie ihren zerlumpten Kittel ab und ging in das kühle Wasser des Sees. Der feine Sand des Ufers diente ihr als Reinigungsmittel, und wonnevoll schrubbte sie ihren Körper endlich sauber. Einige Striemen fingen an zu bluten und alter Schorf löste sich, doch Jerssa genoss es geradezu. Sie legte mit dem Schmutz endlich das Gewand ihrer Knechtschaft ab.

Als sie endlich aus dem Weiher stieg, streifte sie mit beiden Händen das Wasser von ihrer Haut, und als sie über ihre Schultern streifte, fühlten sich beide glatt und sauber an. Benommen und ungläubig fuhr sie immer wieder über die Stelle, an der sich das Brandmal ihrer Knechtschaft befunden hatte - aber die Stelle war völlig frei von Narben. Das Mal war verschwunden, so als wäre es nie dagewesen.

"Das Wasser reinigt, mein Kind. Es nimmt weg, was dich bindet." Jerssa erinnerte sich an die Worte Jeranas, denn diese war es gewesen, die ihr hier erschienen war. Dann lachte sie, laut und schallend, wie sie es niemals vorher gewagt hatte zu tun. Dann beschritt sie den Pfad, der sie über die Berge in die Heimat ihres Volkes führen und den sie als freier Mensch betreten würde. PR

Zum ersten Teil der Erzählung Das zerlumpte Mädchen

© "Das Brandmal: In Freiheit" - eine Erzählung von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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