Das neue Drehbuch: Mutter und Sohn

Schreiben mit der Feder

Ein neues Drehbuch solle ich schreiben, sagten sie mir heute Nachmittag. Ein neues Drehbuch. Aha. Mache ich mich also an die Arbeit und greife zur Feder für das Exposé. Zwei Hauptdarsteller, vier für die Nebenrollen sowie einige Komparsen sind schnell notiert. Ein Pärchen soll diesmal den Ton angeben. Nein, diesmal bitte kein Liebespaar. Eher ein Mutter-Sohn-Gespann; so wie bei "Psycho".

Er, nennen wir ihn Axel, ein verklemmter Programmierer, der oft in der einzigen Kneipe seines kleinen Heimatortes herumhängt, ist einer meiner Akteure. Es ist offensichtlich, dass er noch nie eine Frau hatte. Seine gierigen Blicke haften wie Klebstoff an jeder Schönheit, die zwei schlanke Beine ihr Eigen nennt. Axel, 36, jünger aussehend, blond, blauäugig und unbedarft wie ein Kleinkind, ist ein Naturtalent im Zeit verbummeln. In einer rastlosen Welt scheinen für ihn die Stunden stillzustehen. Seine Stadt hat er nur für Schule und Universität verlassen und vor über zehn Jahren die letzte Reise unternommen.

Johanna, Axels Mutter, ist sein totales Gegenteil. Agil, eher rastlos, kaffee- und nikotinsüchtig. Ihre Erscheinung erinnert an eine Hexe, wie man sie aus alten Büchern kennt. Schwarzhaariges, zotteliges Haar, ein durchdringender Blick und Hakennase. Mit ihrer bissigen Schlagfertigkeit macht sie sich nicht nur Freunde, und ihre Unnachgiebigkeit beeinflusst auch Wind und Wetter: Wenn Johanna meint, es solle regnen, dann regnet es sofort. Axels Phlegma gibt ihr stets Anlass, ihn zu kritisieren, egal was er tut. Aber er hat sich schon lange in eine Traumwelt zurückgezogen, die ihm ausreichend Schutz bietet.

Eine unattraktive Psychotherapeutin namens Michelle, die sich für Axel interessiert, und auch seine Mutter kennt, verwickelt ihn eines Abends in seiner Stammkneipe in ein Gespräch. Dabei zeigt sie Axel auf, dass es nun Zeit für ihn sei, auf die Suche nach seiner Identität zu gehen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Sie versucht ihm in den wenigen Stunden des Zusammenseins Orientierungshilfe zu sein.

Axel erkennt, als er am nächsten Morgen in den Spiegel blickt, dass er eine Station verlassen hat und auf einem neuen Weg ist. Ihm ist bewusst geworden, dass er sein Leben in einem Dämmerzustand verbracht hat. Er beschließt zu handeln. Ein weiterer Stillstand kommt für ihn nicht in Frage. Motiviert durch diese neue Erfahrung setzt er eine Maschinerie in Gang, die sein Leben verändern soll. Axel ist klar, dass er den Gehorsam gegenüber seiner Mutter verweigern muss, jedoch hat er die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Johanna wittert Verrat, als Axel ihr beim Frühstück erklärt, dass er sofort aus dem kleinen Zimmer im ersten Stock auszieht. Die Frau mit dem Bösen in sich bekommt einen Tobsuchtsanfall und rastet vollkommen aus, bevor er das Haus verlässt.

Johanna, in gutem Glauben, sie sei ihrem Sohn verpflichtet, ihn vor der Welt dort draußen zu beschützen, erkennt nicht, dass sie nur über ihn verfügen will. Sie sinnt darüber nach, was passiert sein könnte, und wendet sich in besorgtem, eher scheinheiligem Ton an Axels Gefährten aus dem Wirtshaus. Die aber lassen Johanna abblitzen. Die Männer halten zusammen.

Es wird nicht dramatisch; kein Spannungsaufbau. Johanna geht in sich und gibt nach. Sie erkennt, dass sie Axel freigeben muss. Ja, sie unterstützt ihn beim Auszug, zieht sich danach zurück, um Axel seinen Freiraum zu ermöglichen. Sie gibt ihm sozusagen sein Leben zurück. Ob er es annimmt, bleibt, wie in so vielen Filmen, offen.

© "Das neue Drehbuch: Mutter und Sohn": Ein Textentwurf von , 2010. Bildnachweis: Schreiben mit der Feder, CC0 (Public Domain Lizenz)

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