Der Tag der Lilie - Die Vorbereitung auf das Frau-Sein

Die Lotosfüße der Mädchen

Spezialschuhe für Lotosfüße

Dies sollte eigentlich ein Artikel über die verkrüppelten Füße der chinesischen Frauen werden. Aber dann wurde eine Geschichte daraus.

Der "Tag der Lilie" bezeichnet den Tag, an dem die Füße dieser Frauen gebrochen und eingebunden werden. Die Personen sind fiktiv, aber was hier beschrieben ist, hat sich tausende Male tatsächlich abgespielt ...

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Das kleine Mädchen ist etwa fünf Jahre alt, gestern ist sie auf dem Hof umhergelaufen, sie hat mit ihrem älteren Bruder gelacht und getanzt. Ihre Amah hat sie milde getadelt dafür, aber in liebevoller Weise. Der morgige Tag, das weiß die alte Kinderfrau, wird alles verändern ... und die kleine Blüte wird nie mehr schnell laufen. Die Großmutter hat es gesagt und alles vorbereitet. Es wird schlimme Nächte geben, viele Tränen und zerbissene Lippen, aber es muss nun einmal geschehen.

Die Binden sind bereitgestellt, die besonderen Kräuter und manch andere Zutat fehlen nicht. Es wird ein besonderer Tag werden. Denn von diesem Zeitpunkt an ist die Kinderzeit endgültig vorbei und die lange Vorbereitung auf das Frau-Sein beginnt. Wenn die ersten körperlichen Anzeichen der sich entwickelnden Weiblichkeit sich zeigen in einigen Jahren, wird die hübsche Blüte schon in höchster Vollendung stehen, denn dann sind ihre Füße so klein, wie es sich schickt für ein Mädchen aus gutem Hause.

Sie wird in winzigen Seidenschuhen umhertrippeln, ihr leicht schwankender Gang entspricht dem allerhöchsten erotischen Ideal. Zwar ist jetzt schon erkennbar, wie hübsch sie werden wird, die zukünftige vornehme Braut - doch danach wird die Familie des Gatten nicht fragen. Ihr Augenmerk gilt den Lotosfüßen, dem sichtbaren Zeichen guter Herkunft. Je kleiner sie sind, die zarten Stummelchen der Mädchen, desto höher wird ihre Familie eingeschätzt. Schlecht eingebundene Füße bezeichnen kein gutes Haus, sie bringen Schande über die Brautfamilie. Hier droht keine Gefahr, denn die Mutter des Kindes ist hochgeschätzt ihrer kleinen Füßchen wegen, ebenso wie die Großmutter.

Die ehrwürdige alte Dame hat schon seit vielen Jahren keinen Schritt mehr getan, denn ihre "Lilien" sind abgestorben seit langer Zeit. Sie sitzt in ihrem Sessel über den Tag und hat ein Auge auf die Dienerschaft, jeden Morgen erweisen ihr die Söhne ebenso wie die Schwiegertöchter allerhöchsten Respekt. Ihr reich geschnitzter Stuhl ist ein Ehrenplatz, den sie nur verlässt, um ihr Bett aufzusuchen. Da sie nicht mehr gehen kann, wird sie von zwei kräftigen Dienerinnen getragen.

Die Amah weiß, wie oft sie des Nachts vor Schmerzen aufwacht und ihre Stümpfe sachte massiert werden müssen, damit sie weiterschlafen kann. Sie hat Teile ihrer Lotosfüße schon verloren, das faulende Fleisch wird regelmäßig abgezupft und die Bandagen müssen sehr oft erneuert werden. Ihre gemarterten Füße ruhen auf einer Fußbank unter einer seidenen Decke, die verschwenderisch parfümiert ist, um den Geruch zu überdecken.

Die Schwiegertochter geht noch ein wenig umher - sie ist noch jung, die Mutter der beiden Söhne und des Mädchens. Ihre winzigen Füßchen sind das Entzücken ihres Ehemannes und sein Stolz. Darum ertragen die Frauen die Tortur, damit sie geschätzt werden im Hause ihres Gatten. Eine andere Zukunft hat keine Frau aus guter Familie als die Verbindung mit einem guten und großen Haus. Das aber garantieren ihre Tugend und vor allem ihre gebundenen Füße. Keine Ehefrau, die auf sich hält, wird sich auf der Straße zeigen ... das ist in höchstem Maße unschicklich.

Die alte Kinderfrau seufzt auf, sie stammt vom Land und ihre Füße sind so, wie sie gewachsen sind - die Bauern brauchen Frauen, die auf den Feldern arbeiten und Kinder und Vieh versorgen. Die von der Sonne braungebrannten Bäuerinnen müssen auf gesunden Füßen gehen können, sie verbringen ihre Tage nicht auf Polstern und geschnitzten Stühlen. Arm ist ihre Familie und ihre Töchter rackern ebenso wie ihre Männer es tun. Doch wenn morgen der Bottich vorbereitet wird mit dem heißen Wasser, den Beigaben und dem Tierblut, um darin die Füße der kleinen Blüte aufzuweichen, wird sie im Stillen dem Himmel danken. Sie ist eine gute Seele, die Alte, und der Gedanke, dass sie ihren Töchtern die Schmerzen hätte zufügen müssen, die der kleinen Blüte für die nächsten Jahre bestimmt sind, bestürzt sie noch jetzt. Denn die schönen und lustigen Augen der Kleinen werden lange Zeit nicht mehr so klar sein wie heute. Das Weinen wird sie röten und schwellen.

Das Kind weiß, was geschehen wird, sie streicht manchmal verstohlen über die bestickte Seide der Schuhe, die ihre Mutter trägt. Sie bewundert die schönen Farben und den Schmuck der besonderen Fußbekleidung. Das ist etwas, das man die jungen Bräute lehrt, das Schmücken der jämmerlichen Stümpfe, die vom jahrelangen Binden übrig bleiben. Niemand weiß, dass die Kinderfrau solche Gedanken hat, aber sie hat in diesem Hause schon viele kleine Mädchen heranwachsen und leiden sehen. Es kam vor, dass die Schmerzen so schlimm wurden, dass man Opium verabreichen musste, und manchmal gar starben Mädchen am bösen Blut, wenn ihre Lilien plötzlich aufschwollen und brandig rochen. Manchmal starben die Zehen nicht einfach ab oder wurden völlig taub, sondern sie schwollen und platzten auf. Kam es erst einmal soweit, konnte man nicht mehr sehr viel tun als reinigen und massieren - manchmal ging es gut und manchmal trug man einen Sarg aus dem Haus.

Die Frauen mussten sich behelfen mit Kräuterwissen und alten Rezepten, denn kein Mann - also auch kein Arzt - durfte die unbedeckten Lilien einer Frau sehen. Der eigene Ehemann kannte die Füßchen seiner Gattin oder Nebenfrauen nur mit parfümierten Binden geschützt oder mit kostbarer Seide bedeckt. Aber sie galten ihm ebenso viel wie der unberührte Schoß einer Braut - mehr noch, denn die Glut eines Mannes entzündete sich zuerst an ihrem winzigen Fuß. Aufrecht gehen war etwas für Dienerinnen, Weiber aus dem niederen Volk - die Gattin eines Mannes von Rang war hilflos und zart.

Die Amah seufzt wiederum und wünscht, sie müsste morgen nicht das Händchen der kleinen Blüte nehmen und sie in den Baderaum führen, wo man sie vorbereiten würde. Die jetzt noch so kleinen Füße würden eingeweicht werden und lange massiert - sanft erst, dann kräftiger bis es wehtat. Sie, die Kinderfrau, würde die Zehennägel so kurz schneiden wie es eben nur ging, damit sie sich nicht in das zarte Fleisch graben würden. Dann kamen biegen und brechen, letzteres mit einem Stein. Die gebrochenen Zehen kamen auf der Fußsohle zu liegen und wurden dann mit feuchten Binden fixiert. In einem bestimmten Rhythmus dann wurden die Binden gewechselt und jedes Mal strenger angezogen.

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Diese ersten Monate waren so fürchterlich schmerzhaft, dass - so glaubte die Amah - die Seele der Mädchen sich nach innen zurückzog und sich niemals wieder völlig zeigte. Vor die verquollenen Augen der Mädchen hielt man Seidenschühchen, um die Eitelkeit anzustacheln, und man erzählte von den berühmten "Lotosknospen" der Töchter aus anderen Häusern. So bei der Ehre gepackt, widmeten sich die Bedauernswerten ihrem einzigen Ziel, das sie in diesem Leben haben konnten: Einen passenden Gatten finden und ihm Söhne gebären ... und vor allem gehorchen. Der Schatz einer Frau bestand aus ihrer Tugend und ihren Lilienfüßen.

Die Alte wird durch ein helles Lachen aus ihren Gedanken aufgeschreckt - das kleine Mädchen spielt mit ihrem jüngeren Brüderchen. Die Abenddämmerung senkt sich langsam über den Hof, und während die Amah zu den Kleinen geht, um sie in das Haus zu bringen, denkt sie an das kräftige und fröhliche, nie versiegende Lachen ihrer Enkelkinder. Tag der Lilie

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© "Der Tag der Lilie: Die Vorbereitung auf das Frau-Sein" - ein Textbeitrag von , 2010. Die Abbildung zeigt Spezialschuhe für Lotosfüße, Urheber: Vassil, Lizenz: Public domain

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