Eine Frage der Anpassung

Fremdsprachen auf politischem Parkett

"Es ist Deutschland hier", sagte Herr Westerwelle und weigerte sich, eine Fremdsprache zu benutzen. Das war seine Antwort auf die höfliche Anfrage eines Journalisten, der eine Frage in englisch stellen wollte.

Zwar ist die intelligente Aussage des vermutlich künftigen deutschen Außenministers inhaltlich nicht zu bestreiten - der Mann weiß schließlich wo er steht - aber politisch gesehen war das der erste kleine Schritt zum Pardauz auf internationalem Parkett. Und lässt auf goldene Zeiten für Satireschreiber hoffen, und zwar nicht nur für inländische. Hätte man ihn auf Kisuaheli angesprochen, wäre eine freundliche und mit Charme unterlegte Weigerung verständlich gewesen. Sogar im vorliegenden Fall hätte er auf diese Weise vielleicht einen Fauxpas vermeiden können.

Es stellt sich aber die Frage, wieso um alles in der Welt glaubte Herr Westerwelle diesen Satz sagen zu müssen? Selbst wenn er zu nervös gewesen wäre, um korrekt in englisch zu antworten, hätte er dies auf andere Weise händeln können. Es hätte Hunderte von Möglichkeiten gegeben, um eine Klippe zu umschiffen. Dieser Journalist sprach englisch - die Sprache, die in der ganzen Welt, in der geschäftlichen wie in der politischen, verstanden und gesprochen wird. Wenn man aber auf eine bestimmte Sprache besteht, sollte diese völlig beherrscht werden - übrigens kann man sich in deutsch gut und weniger gut ausdrücken, nicht wahr Herr Westerwelle?

Sollte man sich eigentlich peinlich genau den Gegebenheiten des Landes anpassen? Wie wird dann der künftige Außenminister bei einem Besuch in - sagen wir: Japan - reagieren, wenn ihn ein dortiger hochrangiger Politiker in der Landessprache zurechtweist, da man sich schließlich in Japan befinde. Mit zerknirschtem Gesicht eine Verbeugung machen und ernsthaft Harakiri in Betracht ziehen? Oder würde er auf die Toleranz der Gastgeber bauen?

Umgekehrt nämlich outen sich viele Deutsche als absolut intolerant, wenn sie ihren Ruhestand auf Mallorca genießen wollen und sich darüber aufregen, weil die Einheimischen sich absolut weigern, deutsch zu sprechen und partout an ihrer Muttersprache festhalten, stur wie sie sind. Hier greift der Grundsatz des Anpassens an die Landessprache eher nicht.

So wird man auch (erprobt in vielen Gesprächen mit Urlaubern) immer dieselbe Antwort erhalten, wenn man fragt, warum deutsche Urlauber in Ländern islamischen Glaubens für die dortigen Verhältnisse praktisch nackt auf der Straße herumlaufen müssen. "Ich bezahle für meinen Urlaub, und deshalb zeige ich mich, wie ich es für richtig halte." Die nächste Frage wäre dann, ob die Einheimischen sich ihr Gefühl für Schicklichkeit so einfach abkaufen lassen wollen.

Es wäre wohl keine allzu große Einschränkung, sich die Shorts und das Bikinioberteil für die Strände zu reservieren und sich sonst ein klein wenig anzupassen. Man sieht die Kleiderordnung bei Touristen nicht ganz so eng, aber zur Gänze entblößte Beine und postkartengroße Oberteile sind für Muslime einfach zu viel - oder zu wenig, wie man es sehen möchte. Es kommt der Verdacht auf, dass die betreffenden Touristen nicht einfach gedankenlos sind, sondern provozieren wollen.

Was sie erreichen, ist nichts weiter als Abscheu und einige Minuspunkte für ihr Heimatland. Aber von der alltäglichen Peinlichkeit abgesehen ... er sollte sich nun anpassen - Besucher oder Gast? Ist es einfach eine Frage des Stils, oder steckt eine unbewusste Angst, Schwäche zu zeigen, dahinter? In diesem Fall sollte sich Herr Westerwelle für einen anderen Posten innerhalb der Regierung bewerben und nicht für einen, der Fingerspitzengefühl und Toleranz verlangt. Vielleicht für eine Aufgabe in Heeresnähe.

Bleibt zu hoffen, dass man in Europa und auch global über diese Peinlichkeit hinwegsieht, und der Außenminister in spe nicht etwa vom Teutonenbonus profitiert. Das hieße nämlich, man gäbe Pardon, weil man nichts anderes als undiplomatisches Verhalten bei einem deutschen Politiker erwartet.

Die Gespenster des vergangenen Jahrhunderts sind nämlich noch längst nicht gebannt und sollten nicht beschworen werden. PR

© "Eine Frage der Anpassung: Fremdsprachen auf politischem Parkett" - ein Textbeitrag von , 2010.

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