Eine Frage der Zuordnung?

Gedanken zur Rede von Christian Wulff

"Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland." (Bundespräsident Christian Wulff, 03.10.2010)

Das sind die Sätze, die deutsche Gemüter erhitzten, welche die christlich-jüdische Tradition verteidigt sehen wollen. Nun ist es erfreulich, dass die jüdische Kultur mittlerweile als ebenso wichtig wie die christliche gesehen wird, was sie zweifellos auch ist. Die Anerkennung dieser Tatsache ließ lange auf sich warten, sehr lange.

Die deutschen Juden waren nie etwas anderes als deutsche Bürger, wenngleich diese Tatsache nicht unbedingt in den Köpfen etabliert war. Die Soldaten jüdischen Glaubens, die sich im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet hatten, waren für ihr Vaterland im Krieg gewesen. Und das war Deutschland, ihre Heimat. Das hielt niemanden davon ab, sie auszugrenzen und ihnen ihre Verdienste abzuerkennen, in den späteren Jahren dieses Jahrhunderts. Tapfere Soldaten jüdischen Glaubens wollte man nicht wahrhaben, das Reckentum kam nur deutschen Helden zu. Aber das ist vorbei, und dass Christen- und Judentum die gleichen Wurzeln haben, wird einigermaßen wahrgenommen und wohl auch von den allermeisten als Tatsache akzeptiert.

Natürlich kamen die Juden ursprünglich auch aus einem anderen Land und mussten sich hier erst einmal akklimatisieren. Ihre Sitten und Traditionen wurden äußerst misstrauisch beobachtet und ihnen auch immer wieder in regelmäßigem Turnus zum Verhängnis. Die Auslegung ihrer Schriften hatte zu Regeln geführt, die den Christen erst einmal unverständlich waren - so wie das Trennen von Milchprodukten und Fleisch, das Feiern des Sabbats und einigen Absonderlichkeiten, die einfach anders waren als von den Einheimischen gewohnt. Ihre Leugnung einiger Passagen, was die Grundsätzlichkeiten der christlichen Lehre anbetrifft, brachte ihnen Feinde in der Liga der römisch-christlichen Fundamentalisten ein. Und so erscholl - war man unzufrieden mit irgendetwas oder brauchte einfach wieder ein Ventil - der Ruf: die Juden schlachten Christenkinder. Wie es dann weiterging, blieb durch die Jahrhunderte gleich.

Nebenbei bemerkt hatte sich auch Martin Luther in diesen Chor eingereiht, nachdem er die jüdischen Gemeinden umsonst um Unterstützung für seine Projekte angegangen war, da seine Auslegung der Heiligen Schrift in vielen Punkten der jüdischen ähnlich war. Wie dem auch sei, dieser große Mann wurde zeitweilig von seinem Genius verlassen und gab sich Rachegelüsten hin - er wusste es nämlich sehr wohl besser als der ungebildete Mob. Der Schöpfer war für Christen und Juden derselbe, Abweichungen gab es - grob gesagt - in der Bewertung der göttlichen Verwandtschaftsverhältnisse, und was die Rituale betraf.

Bei unzufriedenen Menschen reicht in der Regel weit weniger aus, um sich zu einem Mob zusammenzurotten - wenn man dazu noch den Segen der Kirche hat, waren es in gewisser Hinsicht schöne Zeiten für die ewig Unzufriedenen. Nun kamen sie ursprünglich aus dem Orient, die Juden der mittelalterlichen Städte. Ihre Sicht der Dinge, was zum Beispiel die Stellung der Frauen betraf, war eine zwiespältige - einerseits genoss die jüdische Frau mehr Ansehen als die christliche - doch war sie durch die Tradition gezwungen, nach ihrer Heirat eine Perücke zu tragen. Ihr eigenes Haupthaar musste forthin verborgen sein, und zwar aus Gründen der Sittsamkeit oder auch, um ihre Unverfügbarkeit zu dokumentieren. Die Ehefrau war eine Person, die zwar wichtig, aber nicht öffentlich war.

Frauen war zu vielen Zeiten das Hebräische verboten, ihre Schriften waren in jiddisch abgefasst. Das Studium war ihnen ebenfalls nicht gestattet. Wie bei den Christen auch wurde Tradition oft zum Gebot und dann zum Zwang, obwohl sich dafür keine Entsprechung in den Schriften fand. So in etwa stand es zwischen den beiden Religionen, was die Zeit des Mittelalters betraf - aber tatsächlich waren es Glaubensfragen, die eine Kluft bildeten. Das Fremde ist immer beängstigend, und Angst ist die Wiege des Hasses.

Von diesen Unterschieden konnte später kaum noch die Rede sein, als Juden und Christen gemeinsam im Krieg gegen "die Feinde des Vaterlands" kämpften. Jeder übte seine Religion aus, wie er es für richtig hielt und belästigte niemanden damit. Das galt für beide Fraktionen. Der spätere Völkermord bezog sich nicht auf den Glauben, sondern auf die Genealogie.

Und jetzt sollten wir zurückkehren in das Jahr 2010 und die Dinge sehen, wie sie nun einmal sind. Die Kinder von orientalischen Einwanderern schreien im breitesten Dialekt der jeweiligen Region über den Schulhof, haken sich bei deutschstämmigen Freunden unter oder treffen sich bei Müllers zum Computerspielen. Sie sprechen besser deutsch als die Sprache ihrer Eltern, sei diese nun arabisch, türkisch oder afrikanisch. Für die allermeisten von ihnen trifft zu, was genau so auf Christen und Juden auch zutrifft: man gehört einer Religion an, aber zelebriert sie nicht unbedingt.

Es ist so oder so schwer, Tradition und Glaubensgebote auseinanderzuhalten. In wie vielen Haushalten wird traditionell freitags gegen den Widerstand der maulenden Kinder Fisch gegessen, obwohl keiner der Familie seit der Kommunion eine Kirche von innen gesehen hat? So, wie man früher glaubte, dass Juden jede Woche Christenkinder für den Sabbat schlachten, so glaubt man heute, dass jeder Muslim ein blutdürstiger Extremist sein muss. Und eines ist so hanebüchen wie das andere.

Natürlich kommt der "Identität-in-der-Fremde-Faktor" hinzu, der dafür sorgt, dass man sich eher auf traditionelle Verhaltensmuster besinnt, wenn man nicht in der gewohnten sozialen Gemeinschaft sein kann. Muslime bestätigen das Phänomen. Die Juden wanderten ein und brachten vieles mit, das heute zu unserer Kultur gehört und selbstverständlich als zu Deutschland gehörig gesehen wird. Das taten auch andere Völker wie Spanier oder Italiener (böse Zungen behaupten, dass in Deutschland mehr Pizza gegessen wird als in Italien). Tatsache aber ist, dass der Islam in diesem Land gegenwärtig ist, ebenso wie das Christentum und viele andere Religionen, und zwar schon ziemlich lange.

Es mag den Einwand geben, dass keine großen Vergleiche gezogen werden können zwischen Judentum und Islam, weil der Islam kriegerischere Wurzeln habe. Nun, wer das so sieht, lese einmal das Alte Testament und überlege sich das dann noch einmal. Allerdings waren die Juden im Gegensatz zu den Christen und Muslimen nie besonders auf das Missionieren erpicht und in dieser Hinsicht wohl toleranter, wenngleich auch elitärer in ihrem Selbstverständnis.

Wie immer man es sehen will - tatsächlich ist der Islam deutsche Realität, heute ebenso wie vor dreißig oder vierzig Jahren. Es sind nicht die Gläubigen, die zur Gefahr werden, sondern die Fehlgeleiteten, die denjenigen verfallen, welche die heiligen Schriften ihrer Religion in ihrem Sinne verfälschen. Und das gilt für alle Religionen, denn immer bilden Fanatiker den Schatten jeder Lehre. Warum also sollte es so schwierig sein, den Islam in diesem Lande zu akzeptieren? Es gibt ihn nun einmal, und kaum ein Muslim ist ein Terrorist - ebenso wenig wie ein Christ ein Kreuzritter.

Hier im Land ist auch der Buddhismus Realität oder die New Age Bewegung. Die neuen Heiden, Wicca und viele andere haben eine starke Präsenz. Letztendlich nicht zu vergessen die Neo-Germanen, die eine Art neu aufgelegten Asenkult betreiben. Wer sich ein wenig auskennt in der Religion der Germanen, weiß, dass uns dies auf jeden Fall Angst machen sollte. PR

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© "Eine Frage der Zuordnung? Der Islam. Gedanken zur Rede von Christian Wulff" - ein Textbeitrag von , 2010.

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