Ausverkauf im Warenhaus

Kurzgeschichte von Elisabeth Zimmerer

Warenhaus

Riesige leere Räume starren dir entgegen. Deine Schritte klingen hohl auf den Kunststofffliesen. Die roten Augen der Überwachungskameras blinken zweckentfremdet. Deckenspiegel werfen Zerrbilder. Leere Schubfächer gähnen mit offenen Mündern.

Nutzlos gewordenen Regale reihen sich an gelblich fahlen Wänden. Kleiderständer stehen in gerader Linie, als würden sie vor dem, der das Kaufhaus schließen wird, stramm stehen. Er wollte keine noch so geringe Umsatzeinbuße oder Mietminderung hinnehmen.

Das Warenhaus war gut frequentiert. Viele Leute mit schmalem Geldbeutel kauften hier ein. Doch die Geldbeutel waren in letzter Zeit noch schmaler geworden, die Kaufkraft war zurückgegangen, und der Umsatz geschrumpft. Er nagt ja nicht am Hungertuch, der Herr mit seinen vielen Millionen.

Mit einer good will Aktion wäre man bestens über die Runden gekommen. Aber mit gutem Willen und Gefühlen hat er seine Millionen nicht gescheffelt. Er entlässt Leute, die jahrelang im Betrieb beschäftigt waren in die Ungewissheit. Er hat nichts zu verschenken, er will Profit machen. Er hat eine ganze Kette von Kaufhäusern, die gewinnbringender arbeiten.

Im unteren Stockwerk drängt man sich um übrig gebliebene Süßigkeiten und Parfümpackungen. "Schleuderpreise!" schreit ein Plakat. "Alles muss raus!"

Und während trotz der großspurigen Werbung zu durchaus handelsüblichen Preisen die letzten halb zerdrückten Schokoriegel und eingedellte Haarspray Flaschen verscherbelt werden, befördert die Rolltreppe noch Käufer nach oben. Dort gibt es noch Plastikblumentöpfe mit künstlichen Maiglöckchen zu kaufen. Auch die übrigen Päckchen mit Reißnägeln werden einige Liebhaber finden.

Indessen sitzen oder stehen die Angestellten mit grauen Gesichtern auf ihren Plätzen. Man wird sie hinaus katapultieren ins Nirgendwo. Sie sind noch nicht im Rentenalter, und die Aussicht auf einen anderen Arbeitsplatz ist fern wie der Mond. Zu alt, nicht mehr flexibel genug. Junge Kräfte arbeiten billiger. Keiner wird sie fragen wie man sich fühlt, wenn man im besten Alter abgeschoben wird und zum alten Eisen gehört.

Dann verkaufen sie die letzte Rolle Geschenkpapier, das letzte Päckchen Kaugummi, und legen das Geld pflichtbewusst in die Kasse. Sie schließen zum letzten Mal die Schwingtür und lesen zum letzten Mal das an der Scheibe befestigte Schild: "Wir danken Ihnen für das uns entgegengebrachte Vertrauen, und wünschen Ihnen alles Gute."

© "Ausverkauf im Warenhaus" - Kurzgeschichte von Elisabeth Zimmerer; mit freundlicher Genehmigung von Heidrun Böhm; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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