Jahr der Demenz: Das Vergessen in der Politik

Jahr der Demenz

Vor uns liegt noch der größte Teil eines neuen Jahrhunderts und hinter uns ziemlich bittere Zeiten. Dieses Jahr sollte "Jahr der Demenz" heißen. Nicht weil diese Krankheit mehr Menschen als sonst befallen würde, sondern weil in wissenschaftlichen wie politischen Kreisen das Vergessen rapide um sich greift.

Es sei an dieser Stelle ein kleiner Zeitsprung in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erlaubt. Ab dem Jahr 1900 etwa verstärkten sich die antisemitischen Strömungen unmerklich in Deutschland, es gab mehr und mehr Publikationen der besonderen Art. Marktschreierische Veröffentlichungen von Menschen, die sich der Erhaltung des deutschen Volkes verschrieben hatten, wurden von kleinen Verlagen gedruckt und fanden trotz ihrer absolut unwissenschaftlichen Art begeisterte Leser.

Das richtete sich in den Zielen durchaus nicht nur gegen Juden - es richtete sich gegen das Schmarotzertum im Allgemeinen und im Besonderen. Die Hasspostillen quollen über von Leserbriefen, in denen begeistert in jedes hingehaltene Horn gestoßen wurde. Nun hat es dergleichen immer gegeben an schmutzigen Straßenecken, wo es wohl auch hingehört. Nur blieb es durchaus nicht dabei, denn die Wissenschaft vertrat dieselben Meinungen und begründete diese auch ... mit Beweisen, die uns heute ziemlich lächerlich vorkommen und die allerdings auch dazumal nicht haltbar waren.

Das allerdings störte niemanden, denn Schädelvermessungen wurden zum Hobby eines jeden fehlgeleiteten Volkssauberhalters, und so mancher könnte sich wohl an Unterrichtsstunden erinnern, wo allerlei Kurzweil mit dem Maßband geboten war. Der unerhörte Begriff des "unwerten Lebens" etablierte sich auf jeden Fall und half mit, die breite Straße zum Völkermord zu bauen. Was nun unwert war, bestimmte die Wissenschaft - die wiederum fand genau das heraus, was gewünscht war. Also Behinderte oder beeinträchtigte Menschen - solche, die bei den Vermessungen irgendwie nicht so ganz dem geforderten Standard entsprachen, chronisch Kranke, und so weiter und so fort. Minderbegabte wahrscheinlich auch, obwohl gerade in diesen Zeiten hohe Intelligenz nicht allzu gerne gesehen war, jedenfalls nicht bei der breiten Masse. Mit einigen Abstrichen ist das auch heute noch zu beobachten.

Nun zurück in die Gegenwart, in der das alles lange vorbei ist und nicht wieder geschehen kann. Jedenfalls sollte man das denken - allerdings ist es gerade wieder dabei zu geschehen. Die Debatten zu der Hartz-IV-Problematik werden zunehmend polemischer, und ein Beitrag eines deutschen Professors für Sozialpädagogik an der Universität Bremen, Gunnar Heinsohn, lässt tatsächlich an die schlimmen alten Zeiten denken.

Dieser gebildete Mensch sieht die Gefahr für Deutschland in den minderbegabten Kindern von Bezugsempfängern, die sich angeblich schlimmer vermehren als weiße Mäuse, während sich die gebildete Oberschicht das Kinderkriegen entweder erspart oder es bei einem bis zwei belässt. Der Professor sieht die Gefahr auch in den Müttern aus der "Unterschicht", die in der großen Anzahl ihrer Nachkommen so etwas wie Kapital sehen.

Gut, die Intellektuellen nehmen sich bei der Vermehrung mit nachvollziehbaren Gründen zurück, das mag stimmen. Anderswo macht man sich vielleicht weniger Gedanken über die Fortpflanzung und scheint die Konsequenzen nicht unbedingt zu kalkulieren - das ist wohl eine Tatsache. Aber auf durchweg unintelligente Kinder und Eltern zu schließen, sprich: die Kinder aus diesen Familien sind durchweg dumm, faul, kriminell und werden dem Staat auf der Tasche liegen, dies ist ein Rückschritt der schlimmsten Art.

Herr Heinsohn rechnet penibel vor, wie viele Kinder es sein werden, die darangehen, durch ihr Stigma der Armut unser wundervolles Land zu zerstören. Die "Leistungsträger", wie er Menschen mit geregeltem Einkommen nennt, vermehren sich also nicht genug. Wohl aber die Schmarotzer, die durch die Hilfe vom Staat dazu in der Lage sind, tun das allerdings. Was muss also geschehen? Man muss diesen die Grundlage entziehen, indem man die Sozialhilfe abschafft. Wer kein Geld zum Leben hat, zeugt keine Kinder. Dann werden die Sozialschmarotzer, sofern sie nicht im Gefängnis sitzen, oder in der mittlerweile legalen Halbsklaverei eingebunden sind, praktisch verschwinden. Es wird also wieder ein wunderschönes Deutschland geben, mit Jobs für jeden und vielen sehr klugen kleinen Kindern, die gute Schulen besuchen - und niemand wird mehr vom Anblick armer Menschen belästigt.

An dieser Stelle überkommt einen ein leichtes Kribbeln - man hat erstaunlicherweise den Wunsch, diesen Herrn Professor in die Realität zurückzuschütteln. Er scheint nicht begriffen zu haben, dass dieses Deutschland, das er so fürchterlich bedroht sieht, auf diejenigen angewiesen ist, die er zur Unterschicht und zu den Schmarotzern zählt. Durch die unglückselige Verquickung von Wirtschaft und Sozialwesen läuft ohne die Leiharbeiter aus den Reihen der Hartz-IV-Empfänger nichts mehr bei vielen Kommunen.

Der Professor vergisst auch, dass Erwerbslose - und dadurch auf Dauer Arme und Mittellose - regelrecht hergestellt werden. Aber diesen Gedankensprung schaffen sowieso nicht sehr viele und es wäre kaum der Rede wert. Was wirklich beängstigt, ist die kaum noch versteckte Polemik in der Stellungnahme Heinsohns. Es gab zu anderen Zeiten ähnliche Schriften, sie läuteten weit Schlimmeres ein.

Was heute ein Ärgernis für einen sozial denkenden Menschen darstellt, könnte morgen ein Aufruf zur Hatz sein. Die Weichen dazu werden gerade gestellt. Im Übrigen sollte man sich vor Augen halten, dass Intelligenz auch bei Menschen mit Hochschulstudium oder solchem mit einem sicheren Job in der Politik oder anderswo nicht unbedingt zur Ausstattung gehört, wie figura zeigt. Es wird, wenn es denn so weit kommt, nicht heißen: entzieht Menschen, die es schwer haben, die Existenzgrundlage. Es wird heißen: Vernichtet das Ungeziefer. Und jetzt soll es heißen: Wehret den Anfängen. PR

© "Jahr der Demenz: Das Vergessen in der Politik" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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