Kirche in Bewegung - Aus Freude und zu Ehren Gottes

Die Echternacher Springprozession

Kreuzweg Prozession

Prozessionen gehören für die Gläubigen untrennbar zum spirituellen Leben, das war in der Antike nicht anders als heute. Wo es große Tempel mit einflussreicher Priesterschaft gab, wurden zu hohen Festtagen ein Abbild der jeweiligen Gottheit oder auch die ihr zugehörigen Symbole durch die Straßen getragen.

Von vielen Gläubigen begleitet, endete ein solcher Zug meist im Tempel, wo feierliche Handlungen, wie zum Beispiel Opfer, zelebriert wurden. Es gab auch in der vorchristlichen Zeit feierliche Aufzüge, die ein Mysterienspiel beinhalteten - meist wurden gewisse Legenden, die die Gottheit betrafen, aufgeführt. Das hat sich bis heute bewahrt, denn bei christlichen Festen werden Heiligenfiguren oder in prachtvolle Monstranzen gebettete Reliquien durch die Straßen getragen und von vielen Menschen begleitet.

Bei kirchlichen Anlässen, wie am St. Martinstag, gehört zur obligatorischen Prozession mit den vielen Lichtern immer auch eine kleine Spielszene dazu. Die zeigt, wie der Heilige einem armen frierenden Bettler half, indem er seinen Mantel mit dem Schwert zerteilte und eine Hälfte dem Armen gab. Je nach Gebiet variiert das Brauchtum - so gibt es viele Prozessionen, bei denen die Teilnehmer historische Kostüme tragen oder bei denen, je nach Anlass, Haustiere mitgeführt werden, was mit einer feierlichen Segnung vor der Kirche endet.

Spezielle Reiter- oder Fackelzüge bilden mancherorts eine große Prozession, bei anderen wiederum tragen die Teilnehmer ein Blumengebinde oder etwas anderes mit sich, das bezeichnend für den Anlass ist.

Durch die Jahrhunderte hindurch haben sich somit viele verschiedene Bräuche etabliert, aber einer der interessantesten ist bei der Springprozession, zum Gedenken an den heiligen Willibrord, zu beobachten. Diese Prozession findet an jedem Dienstag nach dem Pfingstfest statt, und zwar im luxemburgischen Echternach. Die Stadt ist mit dem angelsächsischen Bischof Willibrord eng verbunden, der hier in den Jahren 697/698 ein Kloster gegründet hatte, in dem er auch begraben wurde, was er ausdrücklich testamentarisch verfügt hatte. Nach seinem Tod im November 739 wurde er als Heiliger verehrt und sein Kloster wurde zum Wallfahrtsort.

Der britische Gelehrte Alkuin schrieb die Lebensgeschichte des hl. Willibrord nieder, aus der wir erfahren, dass es viele spontane Heilungen vor dem Sarkophag des Toten gegeben habe - so berichtet er unter anderem von einer gelähmten Frau und einem epileptischen Mann, die beide die Kirche geheilt verlassen konnten. Der Bischof wurde mit der Zeit zum Schutzpatron und Helfer für Menschen, die an Lähmungen oder anderen Einschränkungen der Beweglichkeit litten. Das an sich ist noch keine wirkliche Besonderheit, denn solche Wallfahrtsorte gibt es sehr viele in Europa - was diese hier so einzigartig macht ist ... das Springen.

Die Menschen bewegen sich sozusagen zu entsprechender Musik im hüpfenden Tanzschritt vor- und seitwärts, wobei sie sich an den Händen oder auch den Zipfeln eines weißen Tuches halten, dessen andere Seite jeweils vom Nebenmann gehalten wird. Warum das so und nicht anders gemacht wird, ist nicht schlüssig, aber es gibt einige Erklärungsversuche. Da in alten Texten, die sich auf das Kloster beziehen, von einem "Dreisprung aus Freude und zu Ehren Gottes" die Rede ist, führen manche das Springen darauf zurück.

Einige stellen auch einen direkten Bezug zu den Leiden her, für die Echternach als Wallfahrtsort diente. So als würde das Springen gewissermaßen als Kontrapunkt zu dem vorherigen Zustand dienen und symbolisch die Gesundung darstellen. Dem steht allerdings entgegen, dass es sehr viele andere bekannte Orte gibt, an denen Heilungen von gelähmten Menschen stattfanden, ohne dass sich eine solche Eigenheit gebildet hätte. Es gibt sogar eine Theorie, die mit einer Mutterkornvergiftung zu tun hat, denn in früheren Zeiten kam das nicht selten vor. Einige Symptome einer solchen Vergiftung sind dem des sogenannten "Veitstanzes" nicht unähnlich: Betroffene können schreien und umherspringen, als stünden sie unter Drogen. Das ist auch in gewissem Sinn so, denn einige Bestandteile sind die gleichen, wie die in dem Rauschmittel LSD enthaltenen.

Das kann allerdings als unwahrscheinlich gelten, denn es ist nicht nachvollziehbar, wieso ein solches Ereignis als permanenter Brauch Eingang finden sollte. Es sein denn, das Springen soll in symbolischer Form ein Krankheitsbild der Heilungssuchenden darstellen - so wie der Epilepsie oder gewisser spasmischer Störungen. Die ebenso naheliegende wie einfache Erklärung, dass das hüpfende Tanzen - denn so könnte man es am ehesten beschreiben - mit freudiger Dankbarkeit zu tun hat, ist ebenso logisch wie verständlich. Außerdem kommt sie dem sehr nahe, was man empfindet, sieht man der Prozession zu. Aber wahrscheinlich steckt doch etwas mehr dahinter, denn in allen Zeiten wurde der Tanz, die Bewegung, eingesetzt, um spirituelle Erlebnisse zu unterstützen oder sogar herbeizuführen.

Die tanzenden Derwische, die durch ständige Drehung in eine Art Trance verfallen, sind ein bekanntes, wenn auch etwas extremes Beispiel dafür. Aber die schönen alten Rund- und Springtänze, die noch heute gern von Folkloregruppen vorgeführt werden, gründen alle im Religiösen. Tänze stellten symbolisch Geschichten dar, sie zeigten in ritualisierter Form Gottheiten oder Dinge, die in Bezug zu ihnen standen. Wir wissen, dass gewisse Töne und Tonfolgen bestimmte Stimmungen hervorrufen können. In der Antike war das ebenso bekannt wie heute und wurde im sakralen Bereich genutzt. Das gleiche gilt aber auch für Bewegungen und Tänze.

Durch bestimmte Tänze bereiteten sich Krieger auf die Schlacht vor oder feierten einen Sieg, durch sie wurde um Fruchtbarkeit für Menschen, Tiere und Felder gebeten, und natürlich gab es auch Opfertänze. Bei manchen Völkern hat der darstellende und erzählende Tanz noch heute einen hohen Stellenwert - in Indien ist er nicht wegzudenken und die berühmten Filmproduktionen tragen dem Rechnung. Die Tradition, die Musik und Tanz mit allem verbindet, mit allem und nicht zuletzt mit dem Göttlichen, ist so präsent, dass ohne sie gar nichts geht. Gleiches kennen wir aus Afrika und Asien.

Wer jemals den Darbietungen irischer Folkloregruppen zugesehen hat, weiß, dass Europa keine Ausnahme war. Der Riverdance hat seine Wurzeln mit Sicherheit im Spirituellen. Die Gefühle, die bei dessen rhythmischen Bewegungen und Klängen aufkommen, sind genau dieselben, die der Betrachter der Springprozession hat. Und darin wird wohl auch der Sinn liegen, denn ein ganz wichtiger Aspekt des sakralen bzw. spirituellen Tanzes ist die Zusammengehörigkeit. Ob man nun Christ ist oder sonst einer Religion zugehörig - die gesamte Atmosphäre bei der Echternacher Prozession verfehlt auf keinen Fall die Wirkung.

Es ist, als wird man "von weit her" angerührt - von etwas, das man irgendwie kennt und versteht, aber dennoch nicht benennen kann. Die uralte Magie tut dem Glauben keinen Abbruch, denn ebendiese Art von Zauber wirkt immer da, wo viele Menschen aus einem gemeinsamen Grund zusammenkommen und für eine Zeit auf "gleich zu gleich" miteinander stehen - ob sie sich nun kennen oder nicht, oder wie auch immer ihre Stellung sein mag.

Davon spricht auch die Bibel, denn "wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen". Springprozession

© "Die Echternacher Springprozession - Kirche in Bewegung" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Beachten Sie auch den Buchtipp: Mein Wundertütenhund

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt