Allein die Liebe zählt

Kurzgeschichte von Heidrun Böhm

Liebe Herz Apfel

Es ist schwer diese Geschichte zu erzählen. Vieles ist nachvollziehbar. Das aber, darf man nur mit dem Herzen sehen. Bei manchen Dingen verstehe ich nicht, wie sie sich ereignen konnten. Der gesunde Menschenverstand spricht dagegen. Keiner konnte wissen, dass es auf diese Art enden würde, und keiner wollte es.

Die Beteiligten waren betroffen, als es passierte. Mit einer solchen Reaktion rechnete kein normal denkender Mensch. Man vermutete, Rüdiger habe nicht mehr klar denken können. Stand er am Rande des Wahnsinns, als er die Pistole zog? Seine Augen sollen starr gewesen sein, und seine Hand habe nicht gezittert.

Irmgard, die das miterlebt hatte, ist der Meinung er war nicht normal. In seinem Innern war ein wunder Punkt. Irmgard sagte, sie habe nichts davon bemerkt. Ihr gegenüber sei er zurückhaltend gewesen. Er habe sie nicht mit seinen Sorgen belastet.

Trotz ihrer Verletzung hatte sie die Beerdigung organisiert. Es war eine Trauerfeier im großen Stil. Der Sarg war aus Eichenholz und mit Gold beschlagen. Die Trauergäste kamen aus den besten Kreisen. "Ich hätte das nicht organisieren müssen, ich war ihm nichts schuldig", fügte sie hinzu.

Rüdiger war mein Freund. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Er wohnte in S. ich in K. Uns trennten fünfhundert Kilometer Entfernung, andere Lebensumstände und andere Erfahrungen. Nach zehn Jahren in K. zog ich zurück nach S.

Es gelang mir schnell, nach meiner Scheidung Fuß zu fassen. Gute Gynäkologen sind überall Mangelware. Frauen wollen von einem Gynäkologen nicht nur untersucht werden. Was sie erwarten, ist menschliche Wärme, und Verständnis.

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Da ich wusste, wie man mit Frauen umgeht, hatte Irmgard sich mir als meine Patientin schnell anvertraut. Sie erzählte mir woher die Verletzung kam. Sie zog sich von der Schläfe über die Backe und verzerrte ihr Gesicht. Irmgard litt darunter, sie war eine attraktive Frau. Ich sagte, dass die Schramme ihr nichts von ihrer Schönheit nähme. Sie errötete leicht und dankte mir für das Kompliment. "Es tut gut, einen charmanten Arzt kennenzulernen", stellte sie fest. Nun schlug sie die wohl geformten Beine übereinander. Ihr Rock rutschte höher.

Ihre großen rehbraunen Augen waren weit aufgerissen und drückten maßloses Erstaunen aus, als ich ihr sagte, dass ich ein Freund von Rüdiger gewesen war. Ich erzählte ihr meine Jugenderlebnisse mit Rüdiger und kam dann auf seine Eltern zu sprechen. "Seine Eltern waren rechtschaffene und bescheidene Leute. Wie haben sie seinen Tod aufgenommen? Er war der einzige Sohn ..."

Irmgard kramte verlegen in ihrer Handtasche. Nach längerem Suchen fand sie ihr Parfümfläschchen. Mit eleganten Bewegungen tupfte sie sich Chanel Nr fünf hinter die süßen Ohrläppchen. Dann beugte sie sich vor und während sie antwortete, konnte ich von meinem Platz hinter dem Schreibtisch in ihren Ausschnitt sehen. "Stellen Sie sich vor", stöhnte sie. "Er hat seine Eltern in sein Büro bestellt und sie kaltblütig erschossen. "Was haben sie ihm getan?", entfuhr es mir. "Ich weiß es nicht", stöhnte Irmgard. Ihre Augen glitzerten, der süße Duft ihres Parfüms stieg mir in die Nase.

Da saß diese attraktive Frau, Tränen rannen ihr über die Wangen, sie brauchte meinen Beistand. Blind vor Mitleid tastete ich nach ihrer schweißnassen Hand. Sie öffnete den ersten Knopf ihres Kleides.

"Es muss schrecklich gewesen sein." Meine Hand strich zärtlich über ihre. Sie hatte eine samtweiche Haut. "Es ist heiß hier", sagte sie, ohne auf meine Bemerkung einzugehen.

"Ich werde Ihnen eine kleine Erfrischung bringen." Beflissen stand ich auf. "Es ist wunderbar, dass ich mich aussprechen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass sie mit Rüdiger befreundet waren. Sie sind ein feiner Mensch. Er war grob. Seine Eltern haben alles versucht um ihm zu helfen. Sie hatten die finanziellen Mittel nicht."

"Es ging ums Geld?", fragte ich, während ich ihr ein großes Glas Wasser hinstellte. Ihr Busen wogte, als müsse sie tief durchatmen um weiter zu sprechen. Ich goss mir ein Glas Martini ein. Meine Hände begannen zu zittern. Beherrsche dich, sagte ich mir. Hier sitzt die schönste Frau die du jemals gesehen hast und klagt dir ihr Leid. Lass sie sich aussprechen. Irmgard war nicht die erste Patientin die mir ihr Herz ausschüttete, doch sie hatte eine Ausstrahlung, die das Blut in mir zum Kochen brachte.

"Als ich Rüdiger kennengelernt habe, war er einsam, ich musste ihm weiterhelfen. Seine erste Frau hatte sich von ihm getrennt. Er hatte eine kleine Firma. Es gab Steuerhinterziehungen, über die seine Frau Bescheid wusste. Deshalb konnte sie ihn bei der Scheidung skrupellos ausnehmen. Übrigens, Rüdiger hat sie erschossen." "Mein Gott", sagte ich, "und Sie mussten das alles miterleben ... schrecklich." Sekunden später lag die schönste Frau die ich jemals gesehen hatte schluchzend in meinen Armen und ich fühlte ihren warmen Körper an meinem.

Die darauf folgenden Ereignisse sind mir nicht zur Last zu legen. Irmgard war eine anziehende Frau, und ich ein Mann. Ich nehme es ihr nicht übel, dass sie nach unserem ersten Beisammensein fragte, ob ich ihr Geld leihen könne. Nach diesem furchtbaren Ereignis stand sie ganz alleine da. Sie hatte bei Rüdiger gearbeitet. Das Haus in dem sie mit ihm gewohnt hatte, wurde versteigert, weil er hoch verschuldet gewesen war. Irmgard hatte keine Arbeit und keine Wohnung.

Die schönste Zeit meines Lebens brach an. Irmgard und ich konnten nicht voneinander lassen. Da war es unumgänglich, dass sie bei mir einzog und wir heirateten. Ich konnte dieses hilfsbedürftige Geschöpf nicht sich selbst überlassen.

Es störte mich nicht, dass sie mir ab und zu in die Brieftasche griff. Sie stand noch unter Schock und konnte nicht arbeiten gehen. Ich gebe zu, sie kaufte sich zu viel Schmuck. Ich nahm ihr nicht übel, dass sie gerne verreiste. Wir hatten herrliche Urlaube. Irmgard war zufrieden mit mir. Vor allen Dingen liebte sie mich intensiver als Rüdiger.

Im Laufe der Zeit hatte ich weniger Patientinnen. Es fiel mir schwer, auf sie einzugehen. Oft musste ich an Irmgard denken, und daran, was sie von meinem Geld kaufte. Sie sah entzückend aus in jedem neuen Kleidchen.

Da wo ich jetzt wohne ist es gemütlich. Hier muss ich nicht mehr arbeiten und Damenbesuche sind verboten. Die Zuständigen meinen, es sei besser. Sie nehmen Rücksicht auf mich. Sie halten es für möglich, dass mich der Anblick einer Frau erschreckt. Ich verzeihe Irmgard, dass sie mich finanziell ruiniert hat. Hier brauche ich kein Geld.

Rüdiger fragte mich, ob sie es wert war. Irmgard hat seine Eltern und seine erste Frau auf dem Gewissen. Ganz zu schweigen von ihm selbst, den sie aus der Mitte seines Lebens gerissen hat. "Ich wäre auf die Beine gekommen, wenn sie mich nicht erschossen hätte", behauptet er. Er bedenkt nicht, dass Irmgard in Panik war, als sie alle erschoss. Sie musste an das Geld aus der Lebensversicherung kommen. Rüdiger hatte nichts mehr. Sie war verzweifelt. Dass sie sich die Schramme an der Backe alleine beigebracht hat, glaube ich Rüdiger nicht. Ich denke, er war brutal zu ihr.

Mir tat es nicht weh, als ihre Kugel mich traf. Die Zuständigen sagen, ich sei sofort tot gewesen.

© "Allein die Liebe zählt" - eine Kurzgeschichte von Heidrun Böhm; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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