Die Macht der Angst - Nur ruhig, seien Sie locker!

Kurzgeschichte von Monika Schüler

Angst vor dem Zahnarzt

Es war gerade sechs, als Anna die Augen aufschlug. Ihr Blick fiel auf das Dachfenster, das mit Eisblumen bedeckt war.

Anna wollte noch nicht aufstehen, sie kuschelte sich in ihre Decke. Doch sie konnte nicht mehr so richtig schlafen, irgendetwas lag doch heute an - dachte sie. Ihr fiel es nicht ein. Noch schlaftrunken, ging sie die zwanzig Stufen hinunter Richtung Küche.

Schnell einen Kaffee, dachte sie - machte die Kaffeemaschine an und ging ins Bad.

Sie nippte gerade an ihrer Tasse, als ihre Augen den Terminkalender streiften. Sie verschluckte sich, der Kaffee schmeckte ihr auf einmal nicht mehr. Wie in Hypnose starrte sie auf das Kalenderblatt.

Schwarz in großer Schrift las sie "Zahnarzt, 17:00 Uhr". Anna wurde es plötzlich ganz heiß, ihre Muskeln spannten sich an. Das war jedes Mal so. Allein der Gedanke daran ließ sie blass werden.

Der Termin stand schon lange fest, es lag eine Füllung an. Wäre es nur eine stinknormale Kontrolle, dachte sie. Aber selbst da sah sie rot. Sie wollte sich mit Arbeit ablenken, es funktionierte nicht.

Das Wort Zahnarzt machte sich in ihrem ganzen Körper breit, was sie auch tat, immer wieder tauchten irgendwelche Vorstellungen auf. Sie bekam schreckliche Kopfschmerzen. Sie musste an die Luft. Anna steckte sich eine Zigarette an, rauchte nervös, aber das Gefühl der Angst blieb.

Jetzt war es schon zwölf Uhr, Anna hatte keinen Appetit, geschweige denn brachte sie etwas an Arbeit zustande. Sie nahm den Hörer, eine freundliche Stimme meldete sich. "Zahnarztpraxis Doktor Galani."

"Hallo, Guten Tag, hier ist Anna Morris. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir vielleicht einen anderen Termin geben könnten."

"Moment! Ich schau mal nach", sagte Frau Klein. Fiebernd wartete Anna.

"Frau Morris, ich könnte Ihnen erst wieder im Mai einen neuen Termin anbieten."

Stille machte sich breit. "Hallo, Frau Morris? Sind Sie noch da?"

"Ja", sagte Anna. "Ich dachte, dass es eigentlich früher ginge."

"Vielleicht, könnten Sie es ja doch heute Abend versuchen", lispelte Frau Klein.

Anna nahm ihren ganzen Mut zusammen. "Also gut, ich komme", sagte sie und legte auf.

Einen Versuch war es Wert, beruhigte sie sich und redete sich gut zu: "Anna, nur mit der Ruhe, das schaffst du!" Aber ihr Unterbewusstsein ließ sich nicht überlisten. Tausend Affirmationen nutzen nichts, gar nichts. Die Zeit verging viel schneller als sonst, kam es ihr vor. Anna schlich ins Bad und putzte sich leidend die Zähne.

Je näher sie ihrem Ziel kam, umso mulmiger wurde es ihr. Sie schwitzte und zitterte gleichzeitig. Schleppend nahm sie die Treppen zur Praxis.

"Guten Abend Frau Morris, wie geht es Ihnen?", begrüßte sie die Sprechstunde.

"Geht so", sagte Anna mit pelziger Stimme.

"Setzen Sie sich doch bitte noch einen Moment", meinte Frau Klein gelassen.

Anna warf sich stöhnend auf einen Sitz und nahm sich eine Zeitschrift. Die Buchstaben drehten sich.

Sie legte das Heft wieder weg, schaute auf die Uhr. Schon eine halbe Stunde über der Zeit, schnaufte Anna. Der Zahnarzt huschte zwischendurch vorbei, lächelte sie an und sagte gutgelaunt: "Es dauert nur noch fünf Minuten, Frau Morris."

Anna nickte und sagte trocken: "Ja, ist gut."

Plötzlich schrak sie zusammen, als eine fröhliche Stimme rief: "Sooo, Frau Morris, Sie dürfen mitkommen."

Wacklig nahm sie auf dem Stuhl Platz. Ihre schlanken Beine zuckten.

Herr Galani sagte: "Dann wollen wir uns noch mal den Zahn ansehen", und "Oje, da ist ja noch eine winzige Kleinigkeit, das machen wir gleich mit."

Anna sagte: "Oooh! Warten Sie, mir ist ganz schlecht."

Herr Galani witzelte: "Keine Sorge, es ist wirklich nichts Großes."

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Er gab ihr eine Spritze, mit den Worten: "Jetzt dürfen Sie noch etwas entspannen", und ließ sie alleine. Ihre Lippe fühlte sich immer dicker an.

Anna sprach in Gedanken "Ruhe - Ruhe", aber es wollte nicht funktionieren. Direkt vor ihrer Nase baumelten mindestens sechs Bohrer herum.

Das grelle Licht über ihr blendete sie, und am liebsten wäre sie wieder gegangen. Da kam Herr Galani rein. "Na, dann wollen wir mal, nicht?", sang er.

Ihre schmale Gestalt rutschte etwas tiefer in den Sitz, die Hände krallten sich an der Stuhllehne fest. Ihre blauen Augen weiteten sich. Der Bohrer kam immer näher.

Der Arzt redete auf sie ein: "Nur ruhig, seien Sie locker, entspannen Sie sich. Wir sind gleich fertig."

Anna roch den brenzligen Geruch des Bohrers. Sie kippte beinahe von der Liege, als Herr Galani endlich sagte: "Fertig Frau Morris, war doch nicht so schlimm, oder?"

Anna nickte nur und schälte sich erleichtert aus dem Stuhl. Auf dem Heimweg fühlte sie sich viel besser, die Anspannungen waren weg, fast ... wie weggeblasen.

Sie fragte sich, ob es nun wirklich nötig war, sich so verrückt zu machen. Jetzt war sie nur noch müde und mächtig froh, dass dieser Tag zu Ende war.

Zitat: "Ist es das Wert? Angst versaut einem den ganzen Tag."
Des Weiteren: "Kein Ereignis ist so schrecklich, wie die Angst davor." Macht der Angst

© "Die Macht der Angst" - Kurzgeschichte von Monika Schüler; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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