Der Stalker und der Schlüssel im Blumentopf

Kurzgeschichte von Monika Schüler

Der Stalker

Das Wetter war so beschissen wie Alfs Laune. Ein kurzer Blick aus dem verschmutzten Fenster bestätigte ihm, dass es schon wieder einmal regnete. Schwerfällig schob er seine dürre Gestalt, die mit Pusteln übersät war, aus dem klapprigen Bett.

Er streckte seine noch müden Knochen und schlurfte in Richtung Küche. Umständlich grabschte er zwischen Bergen von verschmutztem Geschirr und Essensresten nach dem Kaffeefilter. Er stürzte wie jeden Tag mit seiner Tasse und einer Kippe im Mund an den PC.

Irgendwie hatte er heute ein komisches Gefühl im Magen. Als er wie immer die Seite "Deine Schulfreunde" anklickte, starrte ihn ein Gesicht an, es war Maya. Er zuckte zusammen. Er hatte versucht, es zu verdrängen, all die Demütigungen von ihr. Den Tadel des Direktors, der ihm sagte, er solle Maya in Ruhe lassen, ansonsten würden ihre Eltern Anzeige erstatten. Dann zog die Familie einfach weg.

Irgendwie liebte er sie noch immer, doch gleichzeitig hasste er sie. Er wollte sich nur noch an ihr rächen, und er wusste auch schon wie. Er meldete sich dort unter falschem Namen an, und erstellte sich ein falsches Profil.

Dann schrieb er zitternd eine Nachricht an sie. "Hey, kennen wir uns nicht?" Alf hatte Glück, nach einer halben Stunde kam ihre Antwort. "Ich wüsste nicht, woher", schrieb sie.

Nervös tippte er. "Ich dachte es, das Bild in deinem Profil, es kam mir so bekannt vor. Warst du nicht auch auf der Goethe-Schule? Ich kannte damals eine Maya Berger, sie sah dir ähnlich."

"Ich hieß früher Berger. Dein Name sagt mir nichts", antwortete sie.

"Ist er dir bestimmt entfallen", schrieb Alf zurück.

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"Glaube ich nicht", meinte sie.

"Ich will dich nicht aufhalten, es würde mich echt freuen, wenn wir Freunde werden könnten", antwortete Alf.

"Ja - warum nicht", erwiderte sie.

Alf grinste, sein Plan funktionierte. Jetzt brauchte er nur noch ihr Passwort von ihrer Mailbox. Es würde nicht allzu schwer werden, denn schließlich war er ein Profi. Alf holte sein Notizbuch, in dem er sich damals alle Namen ihrer Bekannten aufschrieb. Nach drei Stunden hatte er es dann geschafft.

"Juchhu!!" rief er. Und es kam noch besser, das Kennwort passte auch auf all ihre anderen Seiten. Es war schon dunkel.

Alf wurde plötzlich wütend. "Wieso meldete sie sich nicht bei ihm, wieso musste er immer den Anfang machen?" fragte er sich.

Er tippte zornig eine Nachricht an sie. "Hallo Maya, wie war dein Tag? Meiner war irgendwie langweilig."

"Meiner nicht, hatte viel zu tun", kam es zurück. "Ich hab mir den ganzen Tag den Kopf zerbrochen, wieso ich deinen Namen nicht kenne."

"Ich sagte dir doch, dass ich dich bestimmt verwechselt habe", schrieb er fahrig.

"Aber wieso wusstest du dann meinen ehemaligen Namen?" fragte sie.

"Na gut, - ich geb's zu, ich kannte den Vorfall zwischen Alf und dir. Sei bitte nicht sauer auf mich. Ich habe diesen Typ noch nie ausstehen können."

"Ich bin in der Tat sauer! Das hättest du gleich sagen können."

"Maya, - bitte glaub mir, tut mir echt leid. Ich dachte, das du mich dann ablehnst."

"Wieso sollte ich so was tun?" äußerte sie.

"Ich weiß nicht, hätte ja sein können", schrieb er zurück.

"Ich hasse diesen Alf jetzt noch", tippte sie.

"Wenn du möchtest, kannst du gerne mit mir darüber reden", sagte Alf.

"Ok, danke für das Angebot. Ich muss jetzt gehen, tschüss."

"Tschüss, bis bald", schrieb er. Sie hatte sich also noch kein bisschen verändert, stellte er fest. Vielleicht sollte er härtere Seiten aufziehen, grübelte er. Als er dann noch in ihrer Post las, was sie ihrer Freundin erzählte, fühlte er sich verraten.

Er suchte nach ihrer Telefonnummer, aufgeregt wählte er.

"Ja", hörte er sie sagen, aber er brachte kein Wort heraus.

Alf hatte gelesen, dass sie morgen joggen wollte, er würde sie überraschen. Wie jede Nacht konnte er nicht schlafen. Es war gleich sieben. Schnell schlüpfte er in die verblasste Jeans, zog den verfilzten Wollpulli an, steckte die schwarze Mütze ein und rannte die Treppen runter. Im Park versteckte er sich hinter dem Baumstamm einer dicken Eiche. Nach fünf Minuten rannte sie an ihm vorbei.

Alf zog die Mütze über und folgte ihr, er holte sie ziemlich schnell ein und warf sie zu Boden. Maya schrie wie verrückt. Er presste seine Hand auf ihren Mund. Sie biss und strampelte. Alf hörte laute Schreie: "Lass sofort die Frau los!"

Gehetzt rannte er davon. Zuhause angekommen, schnappte er sich erst mal ein Bier und trank es in einem Zug leer. Der Laptop lief noch. Er spionierte in Mayas Postfach, was er las gefiel ihm gar nicht. Natürlich hatte sie sich mächtig bei ihrer Freundin ausgelassen. Bei der Polizei war sie auch schon. Na gut, dachte er, dann muss ich ihr noch mal einen Besuch abstatten. Abends war er so betrunken, dass er auf seinem Stuhl eingeschlafen war. Die Klingel riss ihn aus seinem Schlaf, es war gerade viertel acht.

Unrasiert, mit dröhnendem Kopf, öffnete er die Tür. Vor ihm standen zwei Polizisten. "Moin, was kann ich für Sie tun?" fragte er erschrocken.

"Wir suchen einen Mann, der gestern im Park eine junge Frau überfallen hat. Es war hier - ganz in der Nähe. Wo waren Sie gestern Morgen so um halb acht?" fragte der Beamte.

"Um halb acht? - Da habe ich noch geschlafen", sagte Alf.

"Haben Sie einen Zeugen?" fragte der kleinere Polizist.

"Nein, ich war allein", sagte Alf gereizt.

"Aha, also kein richtiges Alibi?" sagte der Größere der beiden.

"Herr Brunner, was arbeiten Sie?" fragte der andere.

"Ich bin zur Zeit arbeitslos", sagte Alf.

"Und wie lange sind sie schon arbeitslos?" fragte der Lulatsch.

"Was hat das mit diesem Fall zu tun?" zischte Alf.

"Ist nur Routine, - wenn Ihnen noch was einfällt, können Sie sich ja auf dem Revier melden", sagte der Kripobeamte.

Das war knapp, dachte Alf. Jetzt war er richtig wütend auf sie. Genau um Mitternacht machte er sich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Er fand den Schlüssel im Blumentopf. Alf setzte seine schwarze Mütze und die Nachtsichtbrille auf. Leise tastete er sich in Richtung Schlafzimmer. Sie schlief tief und fest. Er beugte sich zu ihr, umfasste ihren Hals. Maya schlug wie wahnsinnig um sich, er drückte noch fester zu. Plötzlich durchzog ihn ein heftiger Schmerz, als Mayas Knie ihn genau zwischen den Beinen traf.

Alf krümmte sich zusammen. Wütend schaute er sie an und zog sein Messer. Doch Maya rollte sich zur Seite, nahm irgendetwas vom Nachttisch und stach auf ihn ein. Er konnte sich nicht mehr bewegen, etwas Warmes floss über seine Hände. Wie aus weiter Ferne hörte er Maya sagen: "Bitte kommen Sie schnell, ein Einbrecher. Blumenstrasse 48." Er spürte, wie ihm jemand die Mütze runter zog, eine dumpfe Stimme fragte: "Kennen Sie den Mann?" Alf sah ihren entsetzten Blick und ihr Nicken, dann wurde es dunkel um ihn.

© "Der Stalker" - Kurzgeschichte von Monika Schüler; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Der erste Lyrik-Band der Autorin Monika Schüler erschien Ende 2011:
"Die fantastische Welt der Gefühle - Texte aus der Tiefe meiner Seele".
Das 116-seitige Buch enthält neben zahlreichen Gedichten viele Bilder aus dem Leben der Autorin.
Das Buch ist im Internethandel erhältlich.

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