Die Bundesagentur für Arbeit und ihre "Maßnahmen"

Szenen aus dem Hartzer Land - Teil I

Insolvenz Konkurs Pleite

Er sei jetzt in einem Programm für über 50-jährige, sagt K. Und jetzt hat man ihn in eine Maßnahme geschickt. Auf die Frage, was er da denn mache, antwortet K.: "Meist sitzen wir nur rum oder die schicken uns an den Computer ... Arbeit suchen. Manchmal fällt denen gar nichts ein und wir müssen Auflockerungsübungen machen. So mit den Armen schwingen und den Oberkörper drehen. Schon im Herbst wird es kalt ... auf dem Dachboden des Arbeitsamtes. Eine Heizung haben die da nicht."

K. ist chronisch krank, er hat Diabetes und ist auch sonst nicht der Gesündeste. Er raucht nicht, trinkt nicht und bemüht sich seit langem um eine Existenzgründung. Handwerklich ist er geschickt und bietet Hausmeisterdienste an, mit der Arge hat er das klargemacht. Aber es läuft noch nicht so richtig, und deshalb muss er sich zur Verfügung halten für den Arbeitsmarkt. Der will ihn aber nicht, der freie Arbeitsmarkt. Aber irgendwas muss er eben tun - also vertut er die Vormittagsstunden bei einer "Schulungsmaßnahme", die keine ist - und ihm nichts nützt. Weigert er sich, streicht man ihm Geld. "Die behandeln uns wie Idioten", sagt er dann noch.

S. hat die mittlere Reife abgebrochen und wurde in eine ebensolche Maßnahme gesteckt. Sie wurde krank davon. "Die Kursleiter kommen entweder viel zu spät oder gar nicht. Hier sitzen Leute, die nur hier sind, weil sie sonst 'ne Sperre kriegen. Die schmeißen alle zusammen. Wem soll das was bringen? Hier will jeder nur seine Zeit totschlagen - die Schüler wie auch die Lehrer." S. findet den Umgangston dort nur eklig. Es ist eine Aufbewahrungsstätte, nicht mehr. Die Maßnahme kostet Unsummen, ohne dass sie irgendjemandem etwas bringt. Jedenfalls nicht denen, die hingeschickt werden. Ihre Ärztin sorgte für eine Befreiung. S. zog dann los und fand schließlich einen Ausbildungsplatz als Altenpflegerin.

D. ist in demselben Alter und sollte einen Computerkurs machen. Sie hat keinen Sinn für so etwas, sagt sie. "Reine Verschwendung ist das mit mir, einen Platz zu besetzen. Ich hab da keinen Kopf für." Sie kann nicht sehr gut mit Buchstaben - und überhaupt, sie packt lieber an. Sie ist eine praktische Natur, so etwas wie dieser Kurs liegt ihr nicht. Sie weigert sich, man sperrt ihr einen Teil der Bezüge. Durch einen glücklichen Zufall bekommt sie einen Job. Sie fährt nun als Begleiter mit bei den kleinen Bussen, welche behinderte Menschen in die Reha-Stätten bringen. Da kommt sie klar, sie ist resolut, humorvoll und kräftig.

I. würde sich gern weiterbilden und fragt nach genau so einer Maßnahme, die D. nicht wollte. Sie interessiert sich dafür - aber man sagt ihr, dass im Moment nichts frei ist. Das sagt man ihr so oft, dass sie aufgibt. "Jetzt weiß ich, wo Schilda liegt", meint sie.

M. ist auch über fünfzig und hat einen kleinen Laden übernommen, einen Second-Hand-Shop. Der Vorpächter hat einen riesigen Müllberg hinterlassen, Container voll von unbrauchbarem Krimskrams und verstaubtem Trödel. Das stapelte sich in allen Ecken des Verkaufs- und Nebenraums. Die Scheiben waren fast blind vor Schmutz, jeder kannte in der Straße den kleinen Laden, der immer geschlossen war und in dessen Schaufenster sich nie irgendetwas veränderte. Die Miete war günstig, selbst für die kleine Stadt - also hat M. es gewagt.

Es hat nicht lange gedauert und das Geschäft war nicht wiederzuerkennen, M. hat stundenlang geputzt, geordnet und sortiert ... über Wochen. Dann blieben die Leute wieder stehen, das Fenster sah gut aus und innen war es hell und luftig. M. hat auch Waren in Kommission genommen und auch etwas Neuware angeschafft. Sie hat eine gute Hand für Dekorationen und alles sah sehr ansprechend aus. Alles, was sie im Laden hatte war sorgfältig gereinigt, die Kleidungsstücke frisch gewaschen. Es gab von Geschirr über Schuhe, Spielzeug und Kleidung fast alles, und natürlich auch günstig. Aber es gibt einen großen Discounter in der Nähe ... so einen, bei dem man neue Klamotten und Dekosachen billig bekommt.

In M's Laden konnte man Dinge bekommen, die es sonst nirgendwo mehr gab, sie gab gute Anziehsachen und Schuhe sehr billig ab. Markenware in bestem Zustand, die neu sehr teuer ist, konnte man für zwei bis zehn Euro bekommen. Das galt auch für Porzellan und Glas. Aber jeder zweite, der kam, wollte etwas verkaufen, brauchte Geld. M. kann schlecht "nein" sagen und nahm den Kram oft - viel zu oft. Das Haus, in dessen Parterre sich M's kleiner Laden befindet, wird nun verkauft. Der neue Besitzer tut freundlich, hat aber schon etwas vor. Die Heizung funktioniert nicht und es wird langsam kalt, das hält die Kundschaft draußen.

Der neue Vermieter weigert sich, etwas zu tun in dieser Sache. Er erhöht die Miete. M. hat keinen großen Spielraum. Sie wollte sich von der Arge freiarbeiten mit diesem Projekt - aber jetzt geht ihr die Luft aus. Sie hat Angst und gibt auf, macht Räumungsverkauf. Am selben Tag, als sie den Schlüssel abgibt, wird das Geschäft schon vom neuen Mieter eingeräumt. Porzellan aus zweiter Hand.

C. ist schwer lungenkrank, er ist nur bedingt arbeitsfähig. Er sollte vor allem im Sitzen arbeiten und in sauberer Luft. Man schickt ihn in eine karitative Einrichtung, die alte Möbel für Bedürftige aufarbeitet. Staub, Lösungsmittel, Beizen und Gips. Er braucht sehr viele Medikamente, die Zuzahlung kann er nicht leisten und muss ständig um die Befreiung kämpfen. Er hat Ärger mit den städtischen Versorgungsbetrieben, es gibt da Unklarheiten über offene Zahlungen. "Ich habe keine Schulden bei denen", sagt er. Man hat ihm Heizung und Strom gesperrt. Der Herbst ist kalt, C. behilft sich mit Decken, die er um sich wickelt. Wenn er einen guten Tag hat, geht er spazieren, weil es draußen wärmer ist als in der Wohnung.

C. müsste einen Stundungsantrag stellen oder einen Anwalt bemühen, aber er ist meist zu müde für alles. Die Behörden schicken ihn nur von einer Tür zur anderen. Er hat gehört, dass es fünf Euro mehr geben soll, aber das ist ihm völlig gleichgültig. Sein Leben wird dadurch nicht leichter, und es wird ihm nicht helfen, den Winter zu überleben. PR

Alle Personen sind nicht fiktiv - die Fälle auch nicht. Dies ist nur ein kleiner Abriss aus dem schönen "Hartz".

© "Die Bundesagentur für Arbeit und ihre Maßnahmen" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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