Zum Tode von Oswald Kolle

24. September 2010

Man schrieb das Jahr 1968 und die Deutschen waren in Aufruhr. Es ging nicht um Studentenunruhen oder lange Haare - es ging um Sex. Den gab es zwar schon lange, sehr viel länger als die Beatles oder die Hippies - aber er war eben das, was man diesen neuen Wilden übel nahm. Genauer gesagt, man war entsetzt über die Unverblümtheit, mit der die neue Generation mit dieser Seite des Lebens umging. Zwar waren die vielen jungen Leute eigentlich recht bieder, betrachtet man das von der heutigen Warte aus ... aber damals waren ihre Visionen unerhört.

Und plötzlich kam einer und wollte die Deutschen aufklären. Oswald Kolles erster Film "Das Wunder der Liebe" war in die Kinos gekommen und machte öffentlich, was bis dato nur hinter zugezogenen Vorhängen vonstatten gegangen war. Es ging nicht um den Sex an sich, schließlich sind pornografische Darstellungen schon in der Antike nichts gewesen, über das man sich aufgeregt hätte, und so mancher biedere Deutsche hatte das eine oder andere heiße Foto hinter den Büchern im Regal versteckt.

Aber nun ging es um etwas völlig anderes, denn hier kam einer, riss quasi die Schlafzimmertüren von außen auf und knipste die Nachttischlampen an, damit alle zusehen konnten. Die Kirche wütete, die jungen Leute waren erstaunt und begeistert - und die Älteren erschüttert. Neugierig waren sie aber alle, und so gab es nicht viele, die konsequent die Kinotafeln übersahen. Oswald Kolle nahm es auf sich, das Verständnis der Nation in Sachen Sex zu revolutionieren. Und es war bitter nötig, denn was die Angelegenheit so schwierig machte, war die Verteufelung der Sache. Wer sich damals die Mühe machte und die Eltern fragte, wie sie es denn so erlebt hatten mit der Aufklärung in ihrer Jugend, der bekam so einiges an Haarsträubendem zu hören.

Aufklärung in dem Sinne, dass jemand irgendetwas Brauchbares über die körperlichen Vorgänge in der Pubertät gehört hätte, fand nicht statt. Der Standardsatz, den junge Mädchen bei Einsetzen ihrer Menstruation hörten, war: "Dass du mir ja nicht irgendetwas mit Jungen anfängst und ein Kind kriegst!" Das war nicht unbedingt erhellend und führte zu wilden Spekulationen seitens der betroffenen Mädchen, von denen manche glaubten, der bloße Blickkontakt könnte zu einer Schwangerschaft führen. Eine andere beliebte Nichterklärung für die meist verängstigten Mädchen war: "Das ist jetzt jeden Monat so." Dieser Satz wurde nicht selten von einer Backpfeife seitens der Mutter begleitet - schließlich war Wäschewaschen eine arbeitsintensive Prozedur, und außerdem schadete eine kleine Bestrafung für kommende Sünden nicht.

Das hört sich skurril an, aber tatsächlich waren die meisten Pubertierenden nicht auf die Blutungen vorbereitet und hatten ziemliche Ängste auszustehen, vor allem auch, wenn die Sache schmerzhaft war. In den siebziger Jahren verteilte man an den Schulen Informationsbroschüren, die wirklich eine Hilfe waren und die Sache mit der Regel erklärten. Die älteren Generationen hatten nicht die geringste Ahnung, was sich genau im Körper abspielte. Sie wussten nur, dass die Mädchen dadurch empfängnisfähig waren. Und das musste, bitteschön, bis nach der Ehe verhindert werden. Zum Unglück der Elterngeneration waren bei den Kids Rechenübungen recht beliebt, und so war der Mythos der grundsätzlich ehelichen Empfängnis eigentlich gar keins mehr. Aber darüber sprach man nicht gern.

Was die Sprache betrifft, gab es unerhörte Neuerungen, denn auf einmal gab es Namen für das alles, was man zwar schon immer getan, aber niemals zugegeben hatte. So manch biederes Ehepaar kannte nur interessante Umschreibungen für das, was es im Dunkeln tat. Aber machen wir uns nichts vor, denn nicht erst seit Oswald Kolle genossen die Menschen den Sex - nur genossen sie ihn seit einigen hundert Jahren nicht unbedingt unbefangen. Partnertausch, Untreue, Bisexualität, Fremdgehen, Orgasmusprobleme und auch sonst die ganze Palette waren bekannt. Das Verdienst Kolles liegt in der Integration in das öffentliche Bewusstsein und der Sichtbarmachung, und somit in der Entteufelung. Auf einmal war alles diskutierbar, und es ging verschiedenen Mythen an den Kragen.

"Keine Sorge, ich passe auf", konnte nun kaum mehr als Argument angeführt werden, um die zögernden Frauen umzustimmen. "Beim ersten Mal kann man nicht schwanger werden" und andere Volksweisheiten wurden als barer Unsinn entlarvt und wurden Allgemeingut. Dafür sorgte neben Oswald Kolle auch ein gewisser Dr. Sommer, der in der legendären "Bravo" Fragen junger Leser beantwortete. Manche mussten das Heft heimlich lesen, denn aus irgendeinem Grund mochten viele Eltern es nicht. Bei "Bravo" gab es Antworten - anstatt roter Köpfe bei den Eltern oder sogar Ohrfeigen. Und was man auch sonst von dem Blättchen halten will - es hat womöglich ebenso viel unerwünschte Schwangerschaften verhindert wie die Minipille.

Seit den 68ern wurde die Sexualität als zum Leben zugehörig begriffen und nicht als peinliche Abspaltung. Betrachtet man diesen ersten Film und die darauf folgenden Streifen Kolles von heutiger Warte aus, sind sie für einige Lacher gut, das ist klar. Sie wirken eher bieder und alles andere als skandalös, man muss sie vor dem zeitlichen Hintergrund sehen. Tatsächlich wurde dadurch eine Lawine losgetreten, denn schon wenige Jahre danach regte sich kaum noch jemand auf, und die "Bravo" konnte ungestört weiterwirken.

Oswald Kolle löste einen Umbruch aus und sein Wirken war wichtig, er hat vieles dazu beigetragen, den Menschen ein weiteres Stück Freiheit wiederzugeben. Kolle hat eine Renaissance eingeläutet, denn nicht zu allen Zeiten war diese Seite des menschlichen Zusammenlebens von vielen Tabus und Verkrampfungen belastet. Man hatte die strengen Verbote und Tabuisierungen der Kirche zu einer riesigen Sache aufgeblasen und ihr so unfreiwillig einen Stellenwert eingeräumt, der ihr eigentlich nicht zukommt. Schließlich ist der Sex nur ein Aspekt des Lebens.

Nun, die Zeiten haben sich geändert und das Umkehrprinzip hat zugeschlagen - in der Weise, dass man förmlich erschlagen wird von gepimpten Oberweiten der Damen und "Gemächten" der Herren, die ebenfalls operativ aufgewertet sind. Jeder spricht öffentlich über alles, und Sex wird so gewöhnlich wie Waschmittelwerbung - und somit langweilig. Und wahrscheinlich grundsätzlich mit Erotik oder sogar mit Liebe verwechselt.

Die Filme von Kolle waren da sogar wohltuend weit weg vom "besser, noch besser, am allerbesten" und vermittelten wahrscheinlich tatsächlich etwas. Man hat das Gefühl, dass die Bewohner des Planeten "Busenwunder" mit Sex als Verkaufsmuster für alles und jedes genau so wenig oder sogar noch weniger davon verstehen, als es in den muffigen Nachkriegsjahren vor Kolle der Fall war. Schade eigentlich, denn eine solche Revolution wie die Filme und Bücher von Oswald Kolle wird es nicht mehr geben. Niemand würde sich dafür interessieren.

Bleibt anzumerken, dass die Anzahl der Schwangerschaften minderjähriger Mädchen mit steigender Tendenz angewachsen ist. Es sieht so aus, als wäre der allgegenwärtige sexuelle Unterton bei Sprache, Konsumverhalten und sozialem Verhalten nichts weiter als oberflächliche Pose ohne jedes Wissen um die Materie. Schade eigentlich, denn eine gute Wegbeschreibung hatten wir ja. PR

© "24. September 2010: Zum Tode von Oswald Kolle" - ein Textbeitrag von , 2010.

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