Erlebnisse eines Prospektverteilers

Achtung Prospektverteiler

Ach ... Prospekte verteilen ist keine richtige Arbeit? Nun, wenn Sie das so sehen wollen - aber vielleicht wollen Sie mich auf meiner heutigen Tour begleiten? Das wird einigermaßen leicht, das kann ich versprechen.

Es geht heute nicht um Zeitungen, denn das ist etwas schwieriger. Die Blätter werden mit den Werbeflyern und den Prospekten geliefert, nur dass die bunten Beilagen eben noch völlig separat in einem Bündel liegen. Die Angebote großer Möbelhäuser, Drogerieketten oder Märkte müssen erst noch in die eigentlichen Blätter eingelegt werden, wissen Sie.

Daheim sieht das dann wie in einer Druckerei aus, bis alles fertig zum Verteilen ist. Verdient man damit sein Geld, braucht man einen stabilen Trolley, denn die austragsfertigen Zeitungen können sehr schwer sein. Außerdem passen nicht allzu viele davon in solch einen Wagen, was heißt, dass man immer wieder nach Hause zum "Nachfassen" muss. Hat man ein Auto, macht es die Angelegenheit natürlich einfacher.

Klar, dass die Dinger nicht in jeden Briefkasten passen, man muss sie dafür zusammenfalten und vorsichtig hineinschieben - und zwar ohne dass ein Werbeblatt herausfällt. Aber das muss uns heute nicht belasten, denn wir brauchen nur eine Tasche und gute Schuhe - wir haben tausend Handzettel und sollten das in zwei Stunden geschafft haben. Dabei ist zu beachten, dass nicht jedes Haus über Briefkästen verfügt, die frei zugänglich sind - also muss man irgendwo klingeln, weil das der Auftraggeber so möchte. Nun gut, das ist verständlich, denn die Werbung soll ja großflächig verteilt werden. Lässt man da jedes dritte Haus außen vor, ist das nicht der Sinn der Sache.

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Überhaupt soll kein Haus ausgelassen werden, außer vielleicht denen mit dem "Hier wache ich"-Schild, denn das wiederum hat mit "Betreten auf eigene Gefahr" zu tun. Glückliche Austräger, die abonnierte Zeitungen verteilen, werden meist freundlich gegrüßt, aber die meisten eben nicht - denn eigentlich wollen ja nicht viele dieses Werbematerial im Briefkasten haben. Deswegen gibt es diese kleinen Aufkleber, die uns davon abhalten sollen, etwas einzuwerfen. Diesen Zweck erfüllen sie natürlich auch, denn niemand muss das dulden ... aber es gibt da einige Variationen. Die nettesten Aufkleber sind die mit dem grünen Rand oder einem Bäumchen, die einfach aussagen, dass hier Leute wohnen, die auf die natürlichen Ressourcen bedacht sind.

Dann gibt es noch die mit der Aufschrift "Bitte keine Werbung einwerfen, Danke!" - das ist völlig in Ordnung und wird auch gerne respektiert. Wer nicht will, hat eben schon und es liegt ja nun wirklich im Ermessen des Einzelnen. Dann kennt man das lakonische "Werbung einwerfen verboten" oder einfach "Keine Werbung". Auch gut, tut ja nicht weh. Aber manche Zeitgenossen müssen immer noch eins draufsetzen und schmücken ihre Postkästen mit Aufklebern wie "Werbung einwerfen polizeilich verboten. Jede Zuwiderhandlung wird beanzeigt." Meine Güte, es wird schon nichts eingeworfen - solche Zeitgenossen haben es direkt verdient, dass ihnen alle Schnäppchen entgehen. Man hat bei diesen Buttons eine ungefähre Vorstellung von der Geisteshaltung der Briefkasteninhaber.

Einen fleißigen Verteiler kann man nicht so leicht erschüttern, weil er mit der Zeit jeden Briefkasten kennt - aber geht man zum ersten Mal ein neues Gebiet ab, werden die Knie meist mehr beansprucht als gewöhnlich. Ich habe nie herausgefunden, ob es nun Gedankenlosigkeit oder Absicht ist ... aber es kommt schon vor, dass man zwanzig Stufen zu einem Eingang hinaufhechelt, um dann erst den orangefarbenen Aufkleber mit "Stop - keine Werbung" zu entdecken. Den konnte man nämlich nicht von unten sehen. Beim nächsten Mal weiß man es dann.

Es kann auch vorkommen, dass man in einer Straße seinen Job macht und jemand aus dem Fenster schaut. Derjenige scheucht einen erst einmal genüsslich von der Haustüre weg, indem er triumphierend auf den seeehr großen Aufkleber zeigt. Dann beobachtet er einen, bis die Straße zu Ende ist - es könnte ja sein, dass er noch einmal loszetern kann, weil man den falschen Briefkasten ansteuert. Diese Zeitgenossen sind gar nicht so selten, aber es gibt noch weitaus sonderbarere. Der Briefkasten nämlich ist fest eingebunden in das territoriale Empfinden und somit Hoheitsgebiet. Das Anheben der Klappe wird von manchen Menschen als Bedrohung wahrgenommen und sie zögern nicht, ihre Kampfbereitschaft zu zeigen. Im Klartext heißt das: Nicht wundern, wenn jemand mit Prügel droht. Aber schließlich ist man ja schnell, das bringt der Job so mit sich.

Leider glauben manche Menschen, dass wir, die Prospektverteiler, Teil einer finsteren Verschwörung sind, die es sich zum Ziel gemacht hat, den anständigen Bürgern mit Werbematerial zuzusetzen und vom Osten gesteuert sind. Das sind dann diejenigen, die sich die eine oder andere aasige Bemerkung nicht verkneifen können, wenn unsereins vorbeirennt. Meist geht es darum, dass wir uns lieber eine richtige Arbeit suchen sollen, als Leute zu belästigen. Mit der Zeit überhört man das. Es gibt natürlich auch Gegenteiliges, nämlich Leute, die nichts gegen ein Schwätzchen über den Jägerzaun hinweg haben und gerne so ein Informationspapierchen entgegennehmen. Oder solche, die noch einen zweiten Postkasten aufgestellt haben mit der Aufschrift "Nur für Werbung bitte."

Wie? Müde Beine? Aber wir sind doch erst eine Stunde unterwegs und die Sonne scheint auch - bei Regentagen ist das Ganze natürlich etwas schwieriger, das ist klar. Viele Häuser verfügen über so ein kleines Dach über der Eingangstüre, das verhindert, dass das Material durchweicht, bevor man es in den Schlitz schieben kann. Leider ist dies aber nicht die Regel. Wenn es so richtig runterprasselt, fragt man sich noch intensiver als sonst, wer diese Briefklappen erdacht hat, die ganz unten in die Haustüren eingesetzt sind. Wahrscheinlich wollte da jemand Leuten wie uns das Leben schwer machen, denn nach so etwa fünfhundert Exemplaren tun einem die Knie und der Rücken weh, wenn man diese Dinger nur von unten sieht - denn teuflischerweise sind sie oft mit diesen Stufen gekoppelt, die zur Türe führen. Und wir sprechen hier nicht von zwei oder drei. Obwohl ... nach einiger Zeit ist jede kleine Treppe schmerzhaft.

Na ja, jetzt haben wir nur noch dreihundert Stück, das machen wir doch mit links. Leider gehört unser Gebiet heute zur Vorstadt, das bedeutet viele kleine nette Häuschen mit vielen netten Vorgärten ohne Briefkasten vor dem Haus, sondern oben an den Treppchen, die je nach Zeit mit Kürbissen, Hasen oder Nikoläusen aus Keramik geschmückt sind. Touchieren Sie niemals so ein Teilchen, das gibt großen Ärger! Auch dann nicht, wenn Sie fahrig werden, weil sie gerade mühsam einen Zettel in die unten liegende Klappe einfädeln und plötzlich der Dackel wie verrückt anfängt zu bellen. Nicht aus der Ruhe bringen lassen und niemals mit der Hand zu weit fassen. Muskelkater hat man nur in der ersten Woche, verlassen Sie sich darauf.

Und jetzt erzähle ich Ihnen noch von meinem Nachbarn mit dem aggressiven Button auf dem Briefkasten. Er wettert über vieles, aber Leute wie wir sind eines seiner Lieblingsthemen. Dass ich auch dazu gehöre, weiß er natürlich nicht, und so kam es, dass er mir stolz erzählte, dass seine Enkel jetzt einen Ferienjob angenommen haben ... die fleißigen Kinder, die sie sind. Sie verteilen nämlich ... Prospekte. PR

© "Erlebnisse eines Prospektverteilers" - ein Textbeitrag von , 2010. Die Abbildung zeigt das Verkehrszeichens für Fußgänger, Lizenz: gemeinfrei

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