Schulen in Deutschland: Alles in bester Ordnung?

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Mehr als einmal haben gestresste Eltern den Satz gehört, dass an Deutschlands Schulen alles in Ordnung sei. Man habe so gut wie alle Probleme unter Kontrolle, als da wären: Gewalt auf dem Schulhof, Drogen, Kriminalität, und andere Störfälle.

Real existierende Schüler haben da, ebenso wie ihre Eltern, einen etwas abweichenden Eindruck. Natürlich hat sich seit den fünfziger Jahren viel verändert, und das ist auch gut so. Schüler dieser Jahrgänge kamen noch in den Genuss der körperlichen Verweise, die das Lehrpersonal nach Gutdünken erteilen konnte.

Backpfeifen waren das tägliche Brot so mancher Kippschüler, ebenso wie Kopfnüsse. Dass das nicht so gut aussah, wussten auch die Lehrer und erfanden perfidere Methoden. Die Haut am Kinn wurde gekniffen, oder die Wange zwischen kundigen Fingern regelrecht umgedreht. Beide Varianten sind nur im Extremfall sichtbar, tun allerdings auch in leichterer Ausführung teuflisch weh.

Zu jener Zeit gab es noch Vertiefungen für Tintenfässer in den Pulten - zwar hatte jeder einen Patronenfüller, aber die Bänke stammten noch aus älterer Zeit. Diese Dinger hatten Metalldeckel, die praktisch unwiderstehlich waren und mit denen jeder gerne spielte. War man zu sehr in diese Ablenkung versunken, merkte man meist zu spät, dass man unter Beobachtung gestanden hatte - und es gab nicht wenige Lehrer, die kräftig mit der Faust auf diesen Deckel schlugen.

Blutende Finger waren nichts, über das man zu Hause gesprochen hätte. Meist hätte es sowieso eine Strafe nach sich gezogen. Jungens wurden noch ab und an über eine Bank gelegt und mit einem Rohrstock vermöbelt, Mädchen eher über die vorgestreckten Finger geschlagen.

Tatsächlich gab es das noch einige Zeit, wie sicherlich viele bestätigen werden, die damals die Schulbank drückten. Was da täglich in den Klassen vorging, dieser integrierte Sadismus, wurde von den Schülern zwar als schmerzlich, aber als durchaus normal empfunden. Zu Hause war es bei vielen kaum anders.

Im Allgemeinen übertrugen die Eltern ihren totalitären Herrschaftsanspruch zu einem großen Teil auf die Lehrpersonen, denen somit völlig freie Hand gegeben war. Die Götter hinter dem Pult verstanden sich auch vortrefflich auf Psychologie, und obwohl das Mobbing noch nicht erfunden war, kann man mit Sicherheit sagen, dass viele Kinder psychisch sehr hoch belastet waren und dass daraus auch Lernstörungen resultierten.

Lehrer entblödeten sich nicht, für ihre Vorführungen auch körperliche Gegebenheiten mancher Schüler als Thema zu nutzen. Zudem war im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg das braune Gespenst noch viel zu fest in den Köpfen vieler Lehrer verankert, die ihren Unterricht auch dementsprechend führten. Gewisse Sprüche und Methoden so manches Paukers oder Fräuleins wurden erst Jahre danach für die Schüler so richtig erklärbar.

Also ist klar ersichtlich, dass Gewalt in deutschen Klassenzimmern und auf Schulhöfen eigentlich immer ein Thema war - was gewechselt hat, sind die, die sie ausüben. In den Siebzigern gab es ein Umdenken, man versuchte mit viel gutem Willen das Autoritätsgefüge anders zu strukturieren und überkommene Verhaltensweisen aufzubrechen. Kinder bekamen einen völlig anderen Stellenwert, sie wurden als junge Menschen angesehen, und ihrer Entwicklung wurde Rechnung getragen. Die Gewaltbereitschaft war in diesen Jahren nicht besonders hoch, weder bei Schülern noch bei Lehrern. Diese Ära dauerte leider nur kurz, und plötzlich war alles anders.

Mittlerweile hatten Lehrer Angst vor Gewalt, und das nicht ohne Grund. Die zitternden Schüler, die krampfhaft auf ihre Fibel starrten und sich etwas duckten aus Angst vor einer Kopfnuss, hatten sich in lässig auf Stühlen fläzende Kids verwandelt, die unter dem Beifall der Klasse den entnervten Pädagogen fragten, was er überhaupt wolle. Schweißbedeckte und fahrige Menschen, die vergeblich ein wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchten, während die Schüler den Klassenraum in ein Freizeitcenter verwandelten, waren jetzt eher die Regel. Und die Kapitulation wurde erklärt. Den desinteressierten Blick in die Ferne jenseits des Schulhofes schweifen zu lassen, während einen Meter entfernt Köpfe auf die Erde geknallt werden, entwickelte sich zum Standardverhalten des Lehrpersonals.

Und plötzlich gibt es einen neuen Verlierer im Ring - die Eltern. Wenn die nämlich den Fehler begehen, sich für das scholarische Leben ihrer Kinder zu interessieren, stehen sie eigentlich nur vor Wänden. Die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus findet praktisch nicht statt, Beratung ist der Ausnahmefall, und Vorfälle, die Eltern in Sorge versetzen, werden heruntergespielt. Das Einspruchsrecht der Eltern wird vielfach umgangen. Ein verletztes Kind interessiert die Schulleitung nur versicherungstechnisch, Mobbing ist gang und gäbe - im Lehrerkollegium ebenso wie in der Klasse.

Wo ein Kind eingeschult wird, richtet sich im Allgemeinen nach dem Wohnbezirk. Möchten die Eltern eine andere Schule für ihre Kinder, müssen sie das beantragen und die Gründe nennen. Wer nicht in der Lage ist, die Kleinen zur Schule zu fahren, ist auf die naheliegendste Lehranstalt angewiesen. Das muss allerdings nicht die sein, in die man seine Kinder schicken will. Finanziell eher schwächere Familien müssen sich also abfinden und auf das Beste hoffen.

Diese ganze Situation nun hat eine deutsche Familie bewogen, das Heil ihrer Kinder in der Flucht zu suchen und in Amerika einen Asylantrag zu stellen. Man hatte hier in Deutschland dem Antrag der Eltern, ihre Kinder selber unterrichten zu dürfen, nicht stattgegeben. Der Antrag verwies darauf, dass die Situationen in öffentlichen Schulen nicht tragbar für die Entwicklung der Kinder seien.

Die Familie gehört einer christlichen Gruppierung an, was wohl zu deren Ungunsten ausschlug und die Angelegenheit als überkandidelte Forderung beschickerter Sektierer aussehen lassen könnte. Aber vom Glauben abgesehen - praktisch alle, die die Verantwortung für ihre schulpflichtigen Kinder haben, könnten mit einigem moralischen Recht auf den Unterricht zu Hause bestehen, sollten sie dazu in der Lage sein. Das Sammelbecken Schule erweist sich als Schlangengrube, vor der man seine Kinder nach dem Gesetz nicht bewahren darf.

Der amerikanische Richter gab dem Asylantrag statt und fand wenig nette Worte für Deutschland. Nun, umgekehrt könnte einiges zu sagen sein über das Schulsystem der Amerikaner und den Zuständen an deren öffentlichen Instituten. Aber abgemildert wird die Peinlichkeit dadurch natürlich nicht. Unterm Strich bleibt die Tatsache bestehen, dass engagierte Eltern mit eigenen Vorstellungen nicht so gerne gesehen sind im Land.

Leider verfügen die Kommunen und Länder über zu wenig Mittel, um die schlimmsten Mängel in Sachen Bildung und Erziehung zu beheben. Die fließen nämlich in die verzweifelten und nutzlosen Versuche, die Schäden zu reparieren, die durch eben diese Unzulänglichkeiten bei den Kindern entstanden sind. Aber sonst ist, wie man überall hört, alles in bester Ordnung. Schulen in Deutschland

© "Schulen in Deutschland - Alles in bester Ordnung?" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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