Neunte Phantasie: Ich will nicht sterben

Leseprobe zu 'Die Sehnsucht nach der richtigen Welt' - von Tassilo Leitherer

Leseprobe von Tassilo Leitherer

Sie hat mich erwischt. Die Hand, der ich Vertrauen schenkte. Die Hand, von der ich dachte, sie würde es gut mit mir meinen. Die einzige Hand, die sich mir jeweils bereitwillig entgegenstreckte. Doch lasst mich einmal kurz zurückblicken:

Ich bin eine Stechmücke. Geboren wurde ich in einer Regentonne. Mit mir erblickten tausende andere Stechmücken das Licht der Welt.

Viele von ihnen starben in den ersten Augenblicken ihres Lebens. Die anderen verließen ihren Geburtsort auf der Suche nach Nahrung, nach Opfern. Doch nicht ich.

Meine Mutter - ich habe sie nie kennengelernt, ich vermute sie wollte nichts mit mir zu tun haben - starb angeblich kurz nachdem sie das Ei gelegt hatte, aus dem ich einmal schlüpfen sollte. Ob dies der Wahrheit entspricht, vermag ich freilich nicht zu sagen.

Wir Stechmücken bilden keine Gemeinschaft. Wir meiden uns wo immer es geht, stehen in ständiger Konkurrenz zueinander. Fressen oder gefressen werden - das Gesetz der Natur.

Ich wollte niemals jemandem etwas Böses. Unangenehm war mir der Gedanke, jemanden zu stechen, der nicht freiwillig etwas von seinem Blut, seiner Lebensenergie abgeben wollte.

Ich weiß, dass mich niemand mag. In meinem kurzen Leben habe ich das bereits gelernt. Die aufeinander schlagenden Hände sind nicht etwa Applaus, wie es mir einige der anderen Kinder damals erzählen wollten, sondern stellen einen Abwehrmechanismus dar.

Klar wurde mir dies spätestens, als der erste meiner Artgenossen einer solchen Bewegung zum Opfer fiel.

Ich floh. Auch wenn seitdem erst wenige Tage vergangen sind, so kommt es mir doch wie eine Ewigkeit vor. Eine gesamte Lebensspanne.

Seitdem fliege ich umher. Suche - rieche - sehe potentielle Opfer, doch ich weiß, dass ich ihnen lästig bin, mehr noch, sie mir sogar nach dem Leben trachten. Und so meide ich sie. Weiche ihnen aus, gehe ihnen aus dem Weg.

Ich will niemandem etwas Böses tun. Ich weiß, dass mich diese Einstellung ebenso das Leben kosten kann, wie das Wagnis einer Annäherung. Lange werde ich nicht mehr existieren, dessen bin ich mir bewusst.

Also fliege ich umher. Tag und Nacht, Stunde um Stunde. Erkunde meine Umgebung, suche nach Alternativen.

Ich will nicht sterben, doch der Hunger in mir wird immer stärker, lässt mich spüren, wie mich meine Kräfte nach und nach verlassen.

Der Drang in mir wird mit jeder Minute größer. Der Drang zu stechen, mich an der Energie anderer zu laben. Doch ich will es nicht, kämpfe dagegen an.

Ich will keine Stechmücke sein. Lieber wäre ich ein Schmetterling. Farbenfroh, unbeschwert und allseits beliebt. Doch was bin ich? Ein hässliches Geschöpf. Hinterhältig, verhasst. Zumindest halten mich alle anderen für ein solches Wesen.

Ein Schmetterling im Körper eines Monsters, das bin ich. Immer wenn ich mich in einem Tautropfen sehe, mein Spiegelbild betrachte, ekle ich mich vor mir selbst. Ich kann nicht verstehen, wieso ich in diesem Körper zur Welt gekommen bin.

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Warum bin ich kein Schmetterling? Die Antwort werde ich wohl nie erfahren. Könnten Stechmücken weinen, so würde ich Tränen vergießen. Unzählige Tränen, Stundenlang.

Doch selbst das ist mir nicht möglich. Und so ist der Schmerz in mir gefangen. Kein Ventil, das es mir ermöglicht, ihn zu vertreiben.

Niemand leistet mir Gesellschaft, niemand begleitet mich. Ich bin immer alleine, immer einsam, werde es wohl immer sein. So lange bis ich sterbe. Leblos zu Boden falle, verrotte. Niemand wird sich an mich erinnern. Niemand wird je erfahren, dass ich anders war.

Niemand wird jemals wissen, wie sehr ich mir wünschte, ein Schmetterling zu sein. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Wer würde nicht alleine bei dem Gedanken in schallendes Gelächter ausbrechen.

Ein Monster wie ich mit einem Bewusstsein, welches sich wünscht ein Schmetterling zu sein. Verrückt, unmöglich.

Ich frage mich, ob es nur mir so geht, ob nur ich Wünsche dieser Art habe, die mein Innerstes zerreißen. Sehnsucht nach etwas, von dem ich weiß, dass ich es niemals erreichen kann.

Der schöne Traum eines jeden von uns äußert sich in der Sehnsucht des Unerreichbaren. Ich habe nicht viele Träume. Eigentlich nur diesen einen.

Unerreichbar ist er, das stimmt.

Eine Menschenmenge vor mir. Es ist dunkel. Ein Feuer erhellt die Nacht.

Ich kann nicht anders, das Licht zieht mich an.

Auch wenn ich über ein eigenes Bewusstsein verfüge, so schlummern doch auch noch die niedrigsten Instinkte in mir. Warum zieht es mich ins Licht? Warum an Orte, an denen jeder meine Hässlichkeit sehen kann?

Ironie des Schicksals. Wäre ich ein Schmetterling würde ich jeden Moment im Licht umherrschwirren, alle anderen Lebewesen mit meinen Farben begeistern.

Doch bin ich kein Schmetterling, werde niemals einer sein. Und doch zieht es mich zum Feuer.

Es ist laut. Seltsame Gesänge in Sprachen, die so völlig anders sind, als die Stimmen, mit denen meine Gedanken zu mir flüstern.

Ich würde zu gerne verstehen, was die anderen sagen, mich an ihrer Freude, an ihren Erfahrungen laben - doch nein, es geht nicht.

Plötzlich verspüre ich das Verlangen zu stechen. Ich habe Durst, den unstillbaren, Drang, Blut zu saugen.

Kein Schmetterling würde so etwas jemals tun, doch plötzlich übernimmt der Instinkt die Kontrolle über mich. Bisher konnte ich jedes Mal gegen dieses Gefühl ankämpfen, doch nun muss ich kapitulieren.

Der Hunger, der Durst, meine Bestimmung haben mich besiegt.

Hände schlagen zusammen, ich weiß sie zielen auf mich. Ich bin schneller, jedes Mal. Das laute Klatschen lässt mich wieder zu Besinnung kommen.

Ich will niemanden stechen, niemandem gegen seinen Willen Blut, niemanden einen Teil seiner Lebensenergie stehlen.

Ich gehe auf Abstand. Der Hunger ist noch immer da, doch lieber möchte ich ihm zum Opfer fallen, als etwas zu tun, das ich für unrecht halte.

Auf einmal sehe ich eine Hand. Sie gehört einem Menschen. Lange Haare, sanfte Stimme, auch wenn ich ihre Worte nicht verstehen kann, erweckt sie Vertrauen.

Die Person bewegt sich anders, als die anderen. Ruhig, langsam, ohne in die Hände zu klatschen. Im Gegenteil, sie hält mir einen ihrer Arme entgegen.

Eine Aufforderung? Ja. Zum ersten Mal scheint mir jemand freiwillig etwas von seinem Blut, von seiner Energie abgeben zu wollen.

Vielleicht sieht dieser Mensch mehr in mir als nur das hässliche Monster. Vielleicht erkennt er meinen Wunsch, ein Schmetterling zu sein.

Vorsichtig nähere ich mich. Nach wie vor streckt der Mensch mit seinen Arm entgegen, macht keine Anstalten ihn wegzuziehen. Freudig erregt nähere ich mich immer weiter.

Ich setze mich. Sondiere die Haut. Suche eine Stelle, von der ich glaube, am schmerzlosesten mit meinem spitzen Rüssel eindringen zu können. Ich will das Vertrauen dieser einzigen Person auf der Welt, die mir Gutes will, nicht verletzen.

Ich finde die richtige Stelle, durchstoße die Haut schmecke einen Tropfen Blut.

Süß, köstlich, voller Energie. Das erste Mal schmecke ich es. Ich spüre, wie die Kraft in mich übergeht. Plötzlich fühle ich nur noch Schmerzen.

Sie hat mich erwischt. Die Hand, der ich Vertrauen schenkte. Die Hand, von der ich dachte, sie meine es gut mit mir. Die einzige Hand, die sich mir jeweils bereitwillig entgegenstreckte.

Ich falle zu Boden. Meine Beine zucken, doch ich spüre sie nicht mehr. Ein letztes Mal möchte ich mich in die Luft erheben, in der Hoffnung noch einmal einen Schmetterling zu sehen - doch ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper.

Ich sterbe. Wäre ich doch nur ein Schmetterling gewesen. Vielleicht im nächsten Leben.

Die letzten Gedanken.

Eine Hand die sich mir anbot. Freude. Sie schlug zu. Neben mir liegt ein Tautropfen. Ich sehe mein Spiegelbild.

Ich erblicke einen Schmetterling. Leuchtend hell in tausend Farben. So wie ich immer sein wollte. Kein Monster, ein Wunder. Kurzes Glück. Tot.

Mehr zum Autor: www.tassilo-leitherer.de

© "Neunte Phantasie" - mit freundlicher Genehmigung von Tassilo Leitherer. Text und Abbildung: Hierophant Verlag

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