Einsetzender Regen - In Ewigkeit gefangen

Leseprobe zu 'Die Sehnsucht nach der richtigen Welt' - von Tassilo Leitherer

Leseprobe von Tassilo Leitherer

Abrupt wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Diesmal jedoch nicht von der Sonne oder lauten Rufen oder dem Wind.

Diesmal war es das Prasseln des Regens, welches ihn zu Bewusstsein kommen ließ.

Selbst der starke Regen vermochte es nicht, den penetranten Gestank des Mülls zu beseitigen.

Die Dose sah er noch immer vor sich. Verzweiflung nahm von ihm Besitz, als er sich vorstellte, wie gering die Unterschiede zwischen ihm und der leeren Dose doch waren.

Auf einmal konnte er den Gedanken nicht mehr ertragen und lief los.

Einer Tür entgegen, von der er nicht einmal wusste, ob sie überhaupt existierte.

Dennoch war er sich nun sicher, dass er die Strapazen des Weges auf sich nehmen musste, um nicht ebenso wie die Dose allmählich zu verrosten und in Ewigkeit gefangen zu sein.

Ein prüfender Griff verriet ihm, dass sein Schlüssel immer noch bei ihm war. Sein Symbol der Freiheit umklammernd, lief er durch die Straßen und beobachtete die Menschen, wie sie versuchten, vor dem Regen zu fliehen.

Sie flohen vor dem Regen, wie er einst vor seinem Leben geflohen war. Er konnte sie nur belächeln.

Im Gegensatz zu diesen Menschen genoss er den Regen. Die kühlen kleinen Tropfen, die seine Haut berührten und ihn spüren ließen, dass er lebte.

Häufig schloss er die Augen und erhob sein Gesicht gen Himmel.

Sein offener Mund gab den Regentropfen die Möglichkeit, sein Innerstes zu erkunden.

Er wollte ihnen alles sagen, alles mit ihnen teilen. Er wusste, dass der Regen ihn niemals verraten würde. Er würde immer ehrlich zu ihm sein, ihm niemals wehtun, ignorieren oder gar schlagen.

Nach einer Weile bemerkte er, dass alle Straßen völlig verlassen waren. Alle hatten sich in ihrer Häuser zurückgezogen, die wie sie glaubten Schutz boten vor der Welt und allen Gefahren, die in ihr lauerten.

Er wusste, dass genau das Gegenteil der Fall war. Nur hier, auf der Straße, umgeben von der Natur konnte er frei sein, nur hier konnte er er selbst sein. Nach und nach wurden die Abstände zwischen den Häusern größer.

Dennoch lief er weiter. Häuser, Beton, Holz - all das bedeutete ihm nichts mehr.

Es dauerte nicht lange, bis er die Grenze der Vororte erreicht hatte.

Vor ihm lagen weite Felder. Die Dunkelheit siegte allmählich über das Licht der Sonne, deren letzten Strahlen gerade am Ende des Horizontes versanken.

Zielstrebig ging er voran, in dem Bewusstsein in den Feldern Verbündete, ja sogar Freunde gefunden zu haben. Genau wie er freuten sich die Felder über den Regen, hießen ihn willkommen. Also lief er mitten hinein in ein Maisfeld.

Nachdem er von allen Seiten von mächtigen Maispflanzen umgeben war, ließ er sich nieder. Auf dem Rücken liegend genoss er das Gefühl der Regentropfen auf seinem Gesicht und schlief ein.

Lesetipp: Die Sehnsucht nach der richtigen Welt sowie weitere Werke von Tassilo Leitherer sind im Buchhandel lieferbar.

© "Einsetzender Regen" - mit freundlicher Genehmigung von Tassilo Leitherer. Text und Abbildung: Hierophant Verlag

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