Die List des Arminius (11. Kapitel)

Leseprobe von Ulla Schmid

Ulla Schmid - Leseprobe: Die List des Arminius

Am nächsten Morgen kam ein Bote in Gaius' Haus mit der Aufforderung, schleunigst in den Palast zu kommen. Gaius fühlte sich nicht sehr wohl und fragte sich, was Augustus von ihm wollte. Warum entsann er sich jetzt seiner? Seit seiner und seines Bruders Hochzeit war der Kontakt zum Kaiserhaus abgebrochen, was ihm nur recht war.

Seit das Misstrauen in Rom umging, war fast jeder, der zu Augustus bestellt wurde, nicht mehr nach Hause gekommen. Es war meistens eine Verhaftung. Wenn er nicht zu ihm ging, hatte er kaum Zeit zu fliehen und eine Weile später kamen dann die Soldaten, ihn zu holen. Und selbst wenn er fliehen könnte, was geschah dann mit seiner Familie? Er wusste noch nicht, dass es Lucilla mit Augustus trieb.

Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich, als er von dem Boten in Augustus' Räume geführt wurde. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, und ließ sich nichts anmerken. Er befand, dass Angriff immer noch die beste Verteidigung wäre, und beschloss, von sich aus zu fragen, was er von ihm wollte.

"Was willst du von mir?", blaffte er.

"Du sollst nach Syrien und Quinctilius Varus, der dort den Posten eines Statthalters innehat, zuerst hierher holen und dann soll er in den Norden Germaniens. Bei den Cheruskern riecht es nach Aufruhr und Verschwörung. Der Cheruskerfürst Arminius ist gestern hier gewesen und hat uns vor drohenden Aufständen gewarnt. Arminius lebte als Knabe in Rom als Geisel und hat als junger Mann in der Armee das militärische Handwerk erlernt. Im Offiziersrang und mit römischem Bürgerrecht ausgestattet, reiste er wieder in den Norden Germaniens, um für immer in seiner Heimat zu leben. Wir sind Verbündete und es sind Gerüchte über Steuererhöhungen dort oben im Umlauf. Es sollte ein Leichtes sein, diese Barbaren zur Ordnung zu rufen. Soweit ich informiert bin, sind sich die nordgermanischen Stämme untereinander nicht einig und fast alle zerstritten. Von den bereits im Norden Germaniens stationierten Legionen sind die XVII., XVIII. und XIX. meine drei besten.

Varus soll den Oberbefehl über sie erhalten. Ich habe vor, dich als zum Stab des Varus zugehörig auch in den Norden zu entsenden. Ich kenne dich als tapfer, klug und besonnen. Du hast dich bei der Niederschlagung des Aufruhrs in Dakien und bei anderen Gelegenheiten sehr gut gehalten. Wenn ihr dort angekommen seid, unternehmt ihr zunächst gar nichts, ihr beobachtet nur. Ich möchte Varus und die Legionen einfach in der Nähe der Cherusker wissen. Varus und die Legionen sollen erst losschlagen, wenn es nicht anders geht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es dort oben zum Kampf kommen wird. In eine schon befriedete Gegend schicke ich schließlich nicht meine besten Legionen. Varus hat volle Handlungsfreiheit, aber das möchte ich Varus alles selber sagen, wenn er erst hier ist. Nach Syrien kannst du so viele Männer mitnehmen, wie du für diese Mission brauchst. Möchtest du lieber zuerst eine Landreise nach Brundisium machen und von dort übers Mittelmeer fahren oder in Ostia einschiffen? Ich werde dir alles zur Verfügung stellen. Du selbst rede in Syrien nur das Nötigste. Erzähl nicht so viel, wie schon gesagt, ich möchte Varus genauestens instruieren, wenn er erst mal hier ist."

Nach dieser für Augustus sehr langen Rede war er müde. Er war als maulfaul bekannt, war aber, trotz seines Alters, in der Lage, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte zu sprechen.

"Wieso muss es Varus sein?", tönte eine barsche Frauenstimme. "Ich habe dir seit gestern schon oft gesagt, dass ich Varus nicht für diese Mission geeignet halte!"

Mit diesen Worten schaltete sich Livia in das Gespräch ein.

"Was hast du gegen Varus?", fragte Gaius, bevor Augustus noch ein Wort sagen konnte.

"Nun", entgegnete Livia scharf, "ich halte ihn mehr für einen Juristen und Politiker als einen Soldaten. Er hat zwar die militärische Ausbildung sehr gut gemacht, aber ein anderer wäre für diese Aufgabe besser geeignet. Im Übrigen haben sein Vater und sein Großvater nach militärischen Niederlagen Selbstmord begangen."

"So, und ich habe dir seit gestern ebenso oft gesagt, du mögest dich aus militärischen Dingen heraushalten. Davon verstehst du nämlich nichts. Überlass Entscheidungen dieser Art mir! Ich kenne ihn besser. Vor einiger Zeit hat er sehr erfolgreich in Jerusalem einen Aufstand niedergeschlagen und seither ist Jerusalem eine römische Stadt. Ich habe mich für ihn entschieden und dabei bleibt es. Ich halte ihn für den besten Mann für diese Aufgabe, und nun ist Schluss mit Debatten", polterte Augustus. "Im Übrigen schicke ich ihm die besten militärischen Berater mit, er hat die besten Leute um sich, die ihn wohl beraten werden", fügte er etwas versöhnlicher hinzu.

Gaius fühlte sich nicht wohl, ein eigentümliches Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Das fehlte ihm gerade noch, dass er in die Machtkämpfe der beiden hineingezogen werden sollte, und ein solcher Machtkampf war hier offensichtlich im Gange. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie viele end- und fruchtlose Diskussionen darüber von den beiden geführt worden waren. Auch wussten er und das römische Volk noch sehr gut, es war noch nicht so lange her, wie brutal Varus in Jerusalem vorgegangen war. Aber wenn es um Rom ging, sollten sich die beiden nicht in sinnlosen Streitereien verzetteln.

"Die Mentalität der Juden ist eine andere als die der Germanen. Mit den Juden haben wir immer leichtes Spiel gehabt", gab Livia zum wiederholten Male zu bedenken. Es war aber schon entschieden. Sie wusste, sie hatte in diesem Punkt verloren. Diese Niederlage vergaß sie nie.

"Hm", räusperte sich Gaius und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung, "ich werde selbstverständlich mit in den Norden ziehen. Aber etwas anderes beschäftigt mich: Arminius selbst hat Meldung über drohende Aufstände gemacht?"

"Ja, er war selbst hier und hat uns Treue geschworen", entgegnete Augustus.

"Also, mir will das irgendwie nicht einleuchten", gab Gaius zu bedenken. "Er übt sicher eindeutig Verrat. Fragt sich nur, an wem, an seinem eigenen Volk oder an uns? Auch habe ich die Befürchtung, er ist nicht so loyal, wie er sich gibt, obwohl ich ihn ja gar nicht kenne. Aber diesen Germanen ist einfach nicht zu trauen."

"Beruhige dich, auch ich hatte diese Gedanken. Er hat uns eindringlich vor einem Aufruhr gewarnt. Glaubst du, er würde sich die Mühe machen und persönlich hier erscheinen, wenn es nicht wichtig wäre? Da hätte er ebenso gut eine Depesche schicken oder einige seiner Männer beauftragen können, uns diese Meldung zu machen. Aber den meisten seiner Männer ist eben nicht zu trauen, die sind imstande und verschwinden unterwegs."

Diese letzte Bemerkung war nun absolut richtig und Gaius wurde noch ungemütlicher zumute. Konnte Augustus so leichtgläubig diesem Cherusker gegenüber sein? Oder wollte er sich nur gegenüber Livia behaupten, weil sie anderer Meinung war als er? Beide, Augustus und Livia, waren sich einig, Legionen im Cheruskerland einzusetzen. Es ging letztendlich nur darum, wer den Oberbefehl erhalten sollte. Jeder Römer wusste, dass Augustus einen sehr schweren Stand Livia gegenüber hatte und sich schon lange nicht mehr gegen sie behaupten konnte. Auch Gaius bemerkte Livias Härte und Kälte.

"Neben ihr würde ich noch in der Wüste erfrieren", dachte er. Wollte Augustus damit beweisen, dass er immer noch der Herr des Hauses war? Er war doch kein Dummkopf! Oder wollte er in dieser wichtigen Frage einfach seine Macht demonstrieren?

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