Die List des Arminius (15. Kapitel)

Leseprobe von Ulla Schmid

Ulla Schmid - Leseprobe: Die List des Arminius

Auch wenn das Hauptkontingent der Römer schon im Norden Germaniens stationiert war, wälzte sich doch eine beträchtliche Anzahl römischer Soldaten in den Norden, und trotz ihrer gut ausgebauten Straßen, kamen sie nur langsam vorwärts.

Jeder Legionär trug etwa 30 Kilogramm Gepäck, das waren Waffen, Werkzeuge zum Lagerschanzen, Lebensmittel für etwa drei Tage sowie persönliche Dinge. Ihre Tagesetappen betrugen etwa 30 Kilometer. Nördlich von Rom rasteten sie das erste Mal und der Bau des Marschlagers ging zügig voran, da sie ja nur eine Nacht darin übernachten würden. Die Soldaten legten ihre Lager immer nach dem gleichen Plan an strategisch wichtigen Orten an, in einer Ebene, meistens an einer Quelle.

Ein schwieriger Abschnitt des Zuges stand bevor. Sie waren absichtlich im Frühjahr aufgebrochen. Mitte des Frühjahrs erreichten sie die Alpen und diese wollten sie bei günstigen Witterungsbedingungen überqueren. Alpenüberquerungen waren bei den Reisenden nicht sehr beliebt, im Winter und den ersten zwei Monaten des Jahres waren sie überhaupt nicht möglich. Zudem wohnten auf den höchsten Gipfeln der Alpen außer den Göttern noch böse Geister, die den Reisenden übelwollten. So waren in regelmäßigen Abständen für die Götter Opferstöcke aufgebaut, um sie gnädig zu stimmen und die bösen Geister abzuwehren.

Gaius und seine Freunde wunderten sich, dass hier ständig Menschen wohnten, auch im Winter, die ihre Häuser als Gasthäuser zur Verfügung stellten und gegen Entgelt Unterkunft, Nahrung und Vergnügen anboten. Letzteres hatte oft mit den hier lebenden Frauen zu tun. In abgeschlossenen Ställen konnten Reisende ihre Pferde, Maultiere oder Fuhrwerke zum Schutz vor Dieben unterstellen. Der Zug kam noch langsamer voran, in irgendwelchen Gasthäusern konnte diese Menschenmenge nicht untergebracht werden. So schlugen sie ihre Lager im Freien auf und machten sich Feuer, um Essen zu kochen und sich zu wärmen. Gaius stand mit seinem Bruder Lucius, Lucius Asprenas, Titus, Markus, Valerius und Antonius, in dicke Mäntel gehüllt, um ein Feuer und sie streckten ihre Hände nach den wärmenden Flammen.

"Vorne schwitzen wir und hinten erkälten wir uns", ulkte Lucius Flaminius, der die Gabe besaß, auch in ernsten Situationen seinen Humor nicht zu verlieren, was allen ein heiteres Grinsen entlockte. Es war immer noch empfindlich kalt und Varus ließ Wachen aufstellen. Beim Abstieg vom Gipfel mussten die Römer mit ihren Wagen vorsichtig umgehen, da bis zu 15% Gefälle überwunden werden mussten. Schon vor ihnen über die Alpen Gereiste hatten in den Pflastern Steinrillen hinterlassen und es war vorteilhaft, in diesen Rillen zu bleiben. Bremsen war nur mit Stöcken möglich und auch das haute nicht immer hin. Varus verlor mehrere Wagen und die darin befindlichen Männer konnten sich nur retten, wenn sie rechtzeitig absprangen, was aber beileibe nicht allen gelang. Somit hatten sie hier schon die ersten Verluste zu beklagen. Gaius, sonst nicht abergläubisch, sah dieses als schlechtes Vorzeichen; er und seine Freunde saßen noch abends niedergeschlagen in ihren Unterkünften, die anderen vergaßen die Sache bald wieder. Es war durchaus normal, dass bei Alpenüberquerungen Unfälle passierten, aber Gaius vergaß diese Sache nicht.

Man muss sich vorstellen, wie mühsam dieser Heerzug vorwärts kam, welche Strapazen diese Männer auf sich nahmen. Jeden Abend errichteten sie ein Marschlager, sie bauten sich Unterkünfte für nur eine Nacht, am nächsten Morgen zogen sie weiter. Wenn sie Glück hatten, konnten sie in ein Marschlager aus früheren Expeditionen einziehen. Bei ihren Zügen waren erstklassige Soldaten und Militärs dabei, die gleichzeitig allen damals bekannten Berufszweigen, wie Ärzten, Sekretären und Handwerkern, angehörten. So war in den Lagern eine gute Infrastruktur für ein Gemeinwesen vorhanden und diese wurden aber meistens nach dem Verlassen der Römer von Menschen der Umgegend gerne übernommen und bewohnbar gemacht. Der Boden war bereitet für die Entstehung von Ansiedlungen, Dörfern, Städten. Diese Marschlager bauten sie so lange, bis sie im Norden Germaniens angekommen waren.

Zur Zeit um Christi Geburt durchzog Germanien vom Südosten bis zum Norden eine Mittelgebirgskette Germanien. Mehrere Urwälder und Gebirge, beginnend mit dem Bayerischen Wald im Südosten, Fichtelgebirge, Frankenwald, Thüringer Wald und der Hercynische Wald, bildeten ein zusammenhängendes Gebirge. Im Norden dehnten sich das Weser- und Wiehengebirge, der Teutoburger Wald, Amsberger- und Westerwald sowie Taunus und Vogelgebirge westwärts gegen den Rhein hin. Nördlich dieses Waldgebirges siedelten verschiedene germanische Stämme in einer Landschaft, die der Lüneburger Heide glich, die immer wieder von Sümpfen und Mooren durchzogen war.

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Im Westerwald und Siegerland hausten die Tencterer, Usipeter und Tubanten, östlich von diesen und an der Lippe die Marsen. An beiden Ufern der Ems siedelten die großen und kleinen Brukterer, während die Chatten im heutigen Nordhessen saßen. Links der Weser in Küstennähe siedelten die römerfreundlichen Friesen, am gegenüberliegenden Ufer die ebenso römerfreundlichen Chauken. Südlich dieser Stämme saßen, rechts und links der Weser, die Angrivarier und wiederum südlich von diesen die Cherusker. Das Cheruskerland erstreckte sich von der Weser und dem Lippeursprung bis in den Harz.

Die Germanen lebten in strohgedeckten Häusern in kleineren Dörfern mit bis zu 200 Einwohnern, aber man konnte auch auf weit auseinanderliegende Gehöfte und Gutshäuser stoßen. In der Regel waren die Germanen Viehzüchter und/oder Bauern. Eigentümer großer Viehherden waren reich und hatten ein bedeutend besseres Leben als die Bauern, die auf ihren kleinflächigen Feldern in mühevollster Arbeit auf dem kargen Boden Getreide und Gemüse anbauten und ernteten. Die Lebensweise der Germanen war hart. Einem großen Aufwand stand wenig Nutzen gegenüber.

Im Spätsommer marschierten die Römer links des Rheins. Varus übernahm die XVII., XVIII. und XIX. Legion, drei Reiterschwadronen sowie Hilfstruppen, gliederte die mitgebrachten Soldaten ein, und brachte insgesamt etwa 20.000 Mann rechts des Rheins in das Cheruskerland. Sie ließen sich an der Weser, in der Nähe Mindens nieder und begannen sofort mit dem Bau ihres rechteckigen Standlagers. Eine Seitenlänge maß etwa 500 bis 700 Schritt. An einer Quelle bei einer Waldlichtung hoben sie Gräben aus und legten Straßen, Wasserleitungen und Brunnen an, misstrauisch von den Einheimischen beäugt und unter deren eisigem Schweigen. Hier lebten sie nicht in Zelten, sondern in Holz- oder gar Steinbauten; Letztere waren nur für Varus und seine Obersten, die gemeinen Legionäre wohnten in den Holzhäusern.

Die Soldaten konnten durch drei Nebentore, die Porta Decumanas, sowie das Haupttor, die Porta Prätoriana, ins Lager gelangen. Diese Porta Prätoriana führte schnurgerade zum Prätorium, der Wohnung und dem Dienstsitz des Varus. In nächster Nähe des Prätoriums waren die Unterkünfte für die militärischen Berater Eggius, Cejonus, Numonius. Asprenas, der Neffe, zum engsten Stab des Varus gehörend, belegte eine Unterkunft für sich allein. Auch hier achtete die Heeresführung unter Varus, Cejonus, Eggius und Numonius sehr darauf, dass bei der Zusammenlegung der Legionäre persönliche Wünsche berücksichtigt und Freundschaften nicht auseinandergerissen wurden; das kam schließlich der Armee und Rom zugute. Gaius, im Offiziersrang, hätte auch eine separate Unterkunft mit den Offizieren und Generälen teilen können, aber es war sein Wunsch mit seinem Bruder, seinem Schwager und seinen Freunden die Unterkunft zu teilen.

Eine weitere Leseprobe aus der Arminius-Reihe

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