Die List des Arminius (30. Kapitel, Teil II)

Leseprobe von Ulla Schmid

Ulla Schmid - Leseprobe: Die List des Arminius

Varus und sein Stab marschierten an der Spitze der Soldaten aus dem Lager. Wachposten sicherten das Lager und die Canabä. Arminius und seine Getreuen, von denen sich einer nach dem anderen unter einem Vorwand davongemacht hatten, führten die Römer in den düsteren, unheimlichen Wald, in dem es nur Morast und Sumpf gab.

Arminius wusste von seiner militärischen Ausbildung und als Führer der Auxilia, dass die Legionen auf freiem Feld nicht zu überwinden waren. Im Wald konnten sich die Römer mit ihrer Militärstrategie nicht behaupten. Die Pferde und Maulesel sanken weit ein und für die Tiere wurde es immer schwieriger, vorwärts zu kommen. Den Römern schien dieser Wald immer dunkler und unheimlicher zu werden. Soldaten, die in ihrer langen Dienstzeit in allen Ecken des Reiches herumgekommen waren, konnten sich nicht entsinnen, je in einem so fürchterlichen Land gelebt zu haben.

Selbst Gaius' hübscher, lustiger Bruder Lucius, der drei Reihen hinter Gaius ritt und oft einen fröhlichen Spruch auf den Lippen führte, wurde nachdenklich und schweigsam. Bedrückung und Melancholie machten sich unter den Legionären breit. Gaius' Herz krampfte sich zusammen. Die Zuversicht, die er noch heute Morgen hatte, verließ ihn. Varus und sein Stab merkten die Falle, die Arminius ihnen stellte, immer noch nicht. Allerdings war es hier angenehm kühl und den Fußtruppen fiel das Marschieren leichter, denn sie trugen schwer an Waffen und Rüstung, aber Sumpf und Morast verhinderten eine flottere Gangart.

Schwere dunkle, fast schwarze Wolken schienen in den Gipfeln der Bäume zu hängen, und zu allem Unglück fing es auch noch zu regnen an. Das Vorwärtskommen war nun noch schwieriger und die Maultiere und Pferde sanken noch weiter ein. In diesem verfluchten Wald gab es nichts Heiteres, kein Vogelgezwitscher erklang, keine Eichhörnchen turnten vor ihnen über den Weg, er schien wie ausgestorben. Und doch war immer wieder ein Rascheln und Knacken zu vernehmen. Die Pferde schnaubten und scharrten nervös. Zu Gesicht bekam aber niemand diese Tiere, von denen diese Geräusche stammen konnten. Selbst die Hartgesottensten spürten drohendes Unheil; allein römische Soldaten hatten keine Gefühle, Angst schon gar nicht, und wenn sie welche hatten, dann durften sie sie nicht zeigen. Sie waren Befehlsempfänger und die Vorgesetzten konnten sicher sein, dass ihre Untergebenen diese Befehle auch ausführten.

Die Legionäre blieben so lange auf ihrem Platz, bis sie einen anderslautenden Befehl bekamen. Nun sind römische Legionäre nicht einfach nur hirnlose Kampfmaschinen, die gedankenlos den Befehlen ihrer Vorgesetzten nachkamen. Sie machten sich durchaus über Sinn oder Unsinn der Anordnungen ihrer Vorgesetzten Gedanken. Schon von Alexander dem Großen wusste man, dass er mit seinen Soldaten das Für und Wider einer Aktion beratschlagte. Arminius hielt sich als Letzter der Cherusker zu den Römern, denen er den Ort zeigen wollte, an dem sich die Aufrührer und Verschwörer angeblich zusammenrotten wollten.

Varus' Mahnung und Aufruf zur größten Wachsamkeit ging im Aufheulen germanischer Heerhörner im Kriegsgeschrei der Germanen und den nun folgenden Kampfhandlungen unter. Von allen Seiten flogen Lanzen, Pfeile und Spieße auf die verdutzten Römer nieder. Zur gleichen Zeit fielen Horden von Germanen aus dem Gebüsch, die aber nicht plan- und ziellos durch die Gegend rannten, sondern nach Plan kämpften. Sofort wechselte Arminius die Seiten und endlich begriff Varus, dass er blind in eine Falle hineingelaufen war. Er, der Erfahrene, der sich bei der Niederschlagung des Aufstandes in Jerusalem vor ein paar Jahren bewährt hatte und zudem über die Aktivitäten des Germanen Bescheid wusste, hatte nicht reagiert, aus Gründen, die nur er selbst wusste.

Es war die erste böse Überraschung für die Römer, die der Auftakt war zu noch mehr bösen Überraschungen. Die Germanen kämpften sehr diszipliniert und präzise und gehorchten den knappen Befehlen ihrer Offiziere und Generäle und diese wiederum gehorchten den Befehlen des Arminius, der als ihr Anführer das ganze Unternehmen leitete. Die Römer kämpften gegen einen Feind, der immer wieder aus dem Hinterhalt angriff. Die Germanen boten den Römern keine offene Feldschlacht, womit diese besser umgehen konnten. Höchst verwirrt und in größter Eile versuchten die Römer sich zu ordnen, was sich in diesem verwunschenen Wald schwierig gestaltete.

Kleinere Gruppen römischer Legionäre waren bald vom Hauptheer abgetrennt, sahen sich Germanen gegenüber, die mit den Römern kein Erbarmen hatten und keine Gnade kannten. Unter Schwerthieben und Lanzenstößen beendeten die meisten von ihnen ihr Leben. Einige wenige schafften es, darunter Gaius' Bruder Lucius, sich durch Dickicht und Urwald zu schlagen und zum Hauptheer zurückzukommen. In einer Waldlichtung trafen die Truppen zusammen.

In dieser Nacht igelten sich die Römer richtig ein. Sie stellten Wachen auf, damit sich die anderen ausruhen konnten. Varus hielt mit seinen Offizieren und Generälen Lagebesprechung und sie waren einstimmig der Meinung, am nächsten Morgen das Heer aus dem Wald in die freie Ebene zu führen.

Er schickte noch eine zehnköpfige Patrouille los, um die Gegend auszukundschaften, er konnte sich aber sicher sein, dass sie von Germanen umringt waren. Die Patrouille indessen fiel den Germanen in die Hände und wurde bis auf einen Mann niedergemacht. Dieser eine schlug sich dann wieder zum notdürftig errichteten Lager der Römer zurück, um Varus zu berichten, dass er die neun Männer verloren hatte. Ansonsten ließen die Cherusker sie in dieser Nacht in Ruhe.

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© "Die List des Arminius, 30. Kapitel, II. Teil" ist eine Leseprobe von Autorin Ulla Schmid

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