Irmhild, Tochter Ansgars (2. Kapitel, Teil II)

Leseprobe von Ulla Schmid

Rom Kolosseum

"Ist euch eigentlich aufgefallen, dass hier keine Mädchen, jungen Frauen und Kinder zu sehen sind? Sie haben gewusst, dass wir kommen und sie haben sie versteckt. Die haben aber keine gute Meinung über uns", meinte der als Drusus Angesprochene spöttisch.

Ansgar und den anderen Dorfbewohnern wollte das Herz stehen bleiben, als dieser Drusus nach den Mädchen, Frauen und Kindern gefragt hatte.

"Bislang habt ihr auch viel diesbezüglich getan, dass man keine gute Meinung über euch haben kann", gab Ansgar hart zur Antwort.

"Sei vorsichtig mit deinen Worten, Cherusker. Ihr hattet nicht so viel Zeit, sie zu verstecken und sie müssen ganz in der Nähe sein. Glaubst du eigentlich nicht, dass wir sie finden, wenn wir intensiv nach ihnen suchen? Du kannst aber beruhigt sein, wir werden nicht nach ihnen suchen. Ihr werdet eure Mädchen, Frauen und Kinder nicht ewig vor uns verstecken können. Wir werden zurückkommen. Im Übrigen kommen viele eurer Frauen und Töchter freiwillig zu uns. Was habt ihr ihnen schon zu bieten?", meinte einer barsch und auch seine Kameraden waren ungehalten.

"Nun", meinte Ansgar, "wir wissen, dass wir gegen euch keine Chance haben, aber wir werden unser Leben für unsere Frauen, Töchter und Kinder geben. Glaubt ja nicht, dass wir es euch einfach machen, uns unsere Lieben zu nehmen. Wir werden unser Leben verlieren, aber wir werden so viele wie möglich von euch in den Tod mitnehmen. Die Frauen und Mädchen, die freiwillig zu euch kommen, können wir nicht aufhalten und mögen sie zu euch gehen. Wir haben nicht das Recht, sie deswegen zu verachten oder gar zu verurteilen. Genauso gut könnten wir euch fragen, was ihr diesen Frauen und Töchtern bieten könnt, außer einem Leben in der Sklaverei und Unfreiheit. Aber unseren Frauen und Töchtern, die bei uns bleiben, bieten wir ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung."

Die Männer des Dorfes scharten sich um Ansgar und auch die alten Frauen waren zu allem bereit. Irmtraud und die Kinder wollten schon aus ihrem Versteck kommen und hätten damit die Anordnung Ansgars missachtet. Drusus und seine Mannen konnten nicht umhin, den Cheruskern, und besonders Ansgar, Respekt zu zollen.

"Ich weiß doch selbst, dass wir dafür keine Zeit haben", lachte Drusus. "Mein Vater, Kaiser Augustus, hat mich beauftragt, dieses Land für Rom zu unterwerfen und die Reichsgrenze bis an die Elbe auszudehnen und ich möchte sogar die Elbe überschreiten. Dabei sollten wir uns nicht von diesen Leuten aufhalten lassen. Aber wie ist dein Name?", wandte sich Drusus an Ansgar. "So einen wie dich könnten wir in unserer Armee brauchen."

"Nun wissen wir also Bescheid", mochte nicht nur Ansgar denken.

"Was nützt es dir, wenn ich dir meinen Namen sage?", antwortete Ansgar. "In eure Armee möchte ich nicht eintreten. Ich gehöre hier her."

Die Römer schnappten hörbar nach Luft. So hatte noch niemand mit ihrem Feldherrn geredet und jeder andere wäre über das Angebot des Drusus höchst erfreut gewesen. Dieser Tölpel, der nicht mal seinen Namen sagte, schlug das aus.

"Pass gut auf, Cherusker, wie du mit dem Sohn des Kaisers Augustus und unserem Feldherrn redest. Es könnte dich deinen Kopf kosten", schnappte einer der Legionäre.

Auch Drusus wurde ungehalten, konnte aber seine Bewunderung für diesen Mann nicht verbergen: "Lass ihn. Vor denen, die uns schön ins Gesicht reden und schmeicheln, müssen wir uns in Acht nehmen. Dieser hier spricht aus, was er denkt und wir wissen wie wir mit ihm dran sind. Es würde uns nichts nützen, wenn er vor uns das redet, was wir hören wollen. Ich bin mir sicher, dass wir uns noch ein Mal begegnen werden. Bis das Land erobert ist, werden wir uns immer wieder links des Rheins in unsere Lager zurückziehen und dann kommen wir mit Sicherheit hier noch ein Mal her", und mit diesen letzten Worten wandte er sich an Ansgar.

Ansgar verzog das Gesicht und er verkniff sich zunächst die Antwort, dass er auf eine nochmalige Begegnung mit den Römern keinen Wert mehr legte. Das konnte ihn wirklich den Kopf kosten und er war sowieso schon mit seinen Worten zu weit gegangen. Es hatte ihn verwundert, dass dieser Drusus nicht seine Bestrafung angeordnet hatte. Doch Drusus bemerkte den Gesichtsausdruck Ansgars und es war gut, dass er um Ansgars Gedanken nicht wusste.

"Nun, hat es dir die Sprache verschlagen oder fällt dir nichts mehr ein, das du uns entgegnen könntest?", fragte Drusus spöttisch.

"Wenn du wüsstest, was ich gerade denke, würdest du mir sofort meinen Kopf vor die Füße legen. Es wäre nicht gut, wenn ich das sagen würde, also lassen wir das jetzt", höhnte Ansgar.

"Musst du eigentlich immer das letzte Wort haben?", fragte Drusus ärgerlich.

"Bei euch Römern schon! Im Übrigen hast du mich gefragt und ich habe geantwortet", gab Ansgar schnippisch zurück. Die Dorfbewohner hielten den Atem an. Ansgar trieb es wirklich auf die Spitze und die Römer wurden immer zorniger. Niemand wusste, was Drusus bewog, Ansgar zu verschonen. Es konnte nur Bewunderung sein. Er musste seine Legionäre, die schon ihre Waffen gegen Ansgar erhoben hatten, zurückhalten. Ansgar sah die gegen ihn erhobenen Waffen und meinte spöttisch: "Ihr wollt gegen mich, einen einzelnen Unbewaffneten, die Waffen erheben? Das solltet ihr nicht tun. Aber Unbewaffnete niederzumachen, darin seid ihr groß."

Die Legionäre und auch Drusus schnaubten vor Zorn, wussten sie doch, dass sie gegen diesen Cherusker nichts unternehmen konnten.

"Lasst ihn! Der entkommt uns nicht. Er kann nicht von hier weg, das hat er ja selbst gesagt. Du kannst von Glück reden, dass ich heute gute Laune habe. Mit dir werde ich mich jetzt nicht weiter aufhalten. Wir müssen weiter, aber glaub mir, dich kriege ich noch", drohte Drusus und ließ es nun gut sein. Er musste so drohen, denn seine Leute waren sehr ungehalten, dass er sich von einem Barbaren so hatte behandeln lassen. Dieser hatte ihren Feldherrn und sie selbst regelrecht vorgeführt.

"Auf eine erneute Begegnung mit euch und besonders mit dir lege ich absolut keinen Wert. Für dich, Drusus, wird das keine Freude sein, mich wieder zu sehen. Du und dein Vater haben mir gar nichts zu sagen oder gar zu befehlen. Ihr seid nicht meine Herren", höhnte Ansgar. Er konnte es einfach nicht lassen.

Die Römer hörten diese letzte Frechheit noch. Sie zogen schleunigst weiter, denn sonst hätte es doch noch sein können, dass sie nicht nur Ansgar niedergemacht hätten. Die Dorfbewohner konnten aufatmen. Doch noch wagten sie es nicht, ihre Angehörigen aus den Verstecken zu holen. Den Römern war durchaus zuzutrauen, entgegen der Reden dieses Drusus, noch ein Mal umzukehren und sich dann die vermissten und wieder aufgetauchten Mädchen und Frauen greifen. Und sollte sich ihr Zorn auf Ansgar noch nicht gelegt haben, Hand an diesen und seine Angehörigen zu legen. In den Dörfern weiter östlich mochten sich wahrscheinlich die gleichen Szenen abspielen.

Die Männer lagen auf der Lauer und starrten in die Richtung, in die die Römer verschwunden waren. Am Abend konnten sie sicher sein, dass ihren Frauen und Töchtern von den Römern kein Unheil drohte und holten sie aus ihren Verstecken. Bei der Eroberung Nordgermaniens hatten diese Legionen wirklich keine Zeit, irgendwelcher Frauen wegen noch ein Mal umzukehren. In den anderen Dörfern sollte es ja auch welche geben. Aber der Schreck saß der Dorfbevölkerung in den Gliedern. Dazu saßen sie jetzt noch da und hatten nichts mehr zu essen. Die Römer hatten alles mitgenommen und ihnen nichts übrig gelassen. Die harte Arbeit war für die Römer und somit umsonst. Im Dorf brach Panik aus.

Zum dritten Teil Irmhild, Tochter Ansgars

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© "Irmhild, Tochter Ansgars (2. Kapitel, II. Teil)" ist eine Leseprobe von Autorin Ulla Schmid; Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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