Das Wort zum Vatertag

Vatertag

Eigentlich ist es ja ein Fest der katholischen Kirche und heißt Christi Himmelfahrt. Zu welchem Anlass dieses Fest gefeiert wird, ergibt sich durchaus aus dem Namen und muss nicht näher erklärt werden.

Für die meisten allerdings ist dieses Datum schlicht und einfach ... Vatertag. In den USA wird dieser als Pendant zum Muttertag gesehen und gehört zu den offiziellen Feiertagen. In Deutschland allerdings gehört er mehr zum Brauchtum, und das lässt so einiges erahnen.

Es ist ja nicht so, dass die Väter an diesem Tag von den Kindern Pralinen oder ein Playboy-Abo bekämen, oder man ihnen das Frühstück ans Bett bringen würde - weit gefehlt. Es gibt auch keine gemalten Karten und Blumensträuße für den "besten Vati der Welt" oder keine Flasche Rasierwasser im Geschenkkörbchen.

Das ist auch nicht der Tag, an dem Paps verwöhnt wird, und nichts selber tun muss. Das funktioniert nämlich in den meisten Familien darum nicht, weil die Väter gar nicht da sind. Diese tun nämlich das, was sie am Vatertag immer machen ... sie sind unter sich.

Die Vatertagsbräuche variieren von Region zu Region etwas, aber im Großen und Ganzen ist der Ablauf in etwa der Gleiche (die eigentlichen Gründe für diesen Feiertag - die Kinder - spielen eine sehr untergeordnete Rolle oder kommen an dem Tag nicht vor). Meist begibt sich eine Gruppe bestgelaunter Väter, zum Teil mit neckischen Mützen, oder Caps mit Brauereiaufdruck, ausgerüstet in die freie Natur. Mit sich führen die Familienoberhäupter eine große Menge alkoholischer Getränke, oder auch gleich ein oder mehrere Fässchen, zu deren Transport ein Bollerwagen dient.

Ältere Teilnehmer, die den Spaziergang an die idyllischen Seen oder Waldlichtungen scheuen, fahren mit dem PKW so weit wie möglich an die Festplätze heran und laden dann ab. Zum zünftigen Vatertag kann auch ein Holzkohlengrill gehören, auf dem nach allzu reichlich genossenen flüssigen Vorspeisen Leckereien wie Bratwürste und Koteletts in schwärzliche, schwer zuzuordnende Teile verwandelt werden, weil niemand sie vom Rost nimmt.

Zu den Ritualen gehört das Absingen von Liedern, je nach Geschmack und Region in allen möglichen Varianten. Von Heimatliedern, bis zu solchen, die absolut nicht für Minderjährige geeignet sind, ist alles erlaubt. Für irreversibel urbanisierte Väter gibt es die Variation des Vaterzuges. Dazu gehört eine Gruppe von Vätern, die in der Innenstadt eine Kneipe nach der anderen abklappert und in der gemütlichsten hängenbleibt.

Wo immer gefeiert wird, es gibt einen Teil des Festes, der überall gleich ist: Das Erzählen von Sagen und Legenden. Die gestandenen Männer geben überaus blumig und auch engagiert ihre Heldentaten zum Besten, meist in ziemlich hoher Lautstärke, weil es keine Regelung diesbezüglich gibt und alle gleichzeitig vortragen wollen. Wenn auf diesem Teil des Festrituales zu viel Gewicht liegt, ist das Mitführen eines Verbandkastens anzuraten, um kleinere Blessuren bei den Vortragenden schnell versorgen zu können. Für die Meistergriller empfiehlt es sich, eine große Tube Brandsalbe einzupacken.

Ob nun die Natur empfindlich gestört oder die Innenstadt unsicher gemacht wird, der Brauch verlangt vollen Einsatz über mehrere Stunden - wenn möglich, bis weit in den nächsten Tag hinein. Im Wald und auf grüner Aue können sich die erschöpften Väter direkt zum Schlafen hinlegen, vielleicht direkt neben das Lagerfeuer.

Die sich gegenseitig stützenden Gruppen in den Fußgängerzonen haben da größere Probleme, vor allem, wenn das biologische Navigationssystem vorübergehend lahmgelegt ist. Vielleicht wäre ein kleiner Sender moderat, der es der besorgten Familie ermöglichen würde, den Vater zu orten und gegebenenfalls Maßnahmen zur Rettung zu ergreifen.

Das riesige Gefälle der beiden Anerkennungstage für Eltern gibt einigermaßen zu denken, und es wäre interessant, über die Gründe dafür nachzudenken. Seit Urzeiten kümmerten sich die Mamas um Windeln und aufgeschürfte Knie bei den hoffnungsvollen Sprösslingen. Für Väter waren diese erst interessant, wenn sie eine Waffe halten oder gut verheiratet werden konnten. Vorher ließen sie die Finger davon, und alle waren zufrieden. Es kann sein, dass dieses Modell in vergangenen Zeiten manchmal sogar funktionierte - aber mit Erfindung der Flaschennahrung und den praktischen Wegwerfwindeln kann sich eigentlich kein Vater mehr herausreden.

Zugegebenermaßen wurden Väter immer wieder als Erziehungsmittel missbraucht von genervten Müttern. Die nämlich nahmen die Erzeuger ihrer Kinder mit den in Abwesenheit gesprochenen Worten: "Warte du nur, bis dein Vater heimkommt!" ziemlich in die Pflicht. Diese nämlich wollten ihren Ruf nicht verlieren und verteilten weisungsgemäß Kopfnüsse und verhängten Hausarrest, auch wenn sie nicht so genau wussten, worum es eigentlich ging. Schließlich hielten sich Väter und Kinder meist voneinander fern zu diesen Zeiten.

Es gibt die Theorie, dass die heutigen Vatertagsfeierer nichts weiter wollen, als die Jahrhunderte lange Diskriminierung zu kompensieren. Andere moderne Väter entschieden sich für eine offensivere Detraumatisierung, bei der sie sich kleiner Vorrichtungen bedienten, die es erlaubten, die Kinder direkt auf dem Rücken oder vor dem Bauch zu tragen. Sie erkämpften sich sozusagen das Recht zum engen Kontakt mit ihren Nachkömmlingen. Diese Avantgarde fiel dadurch auf, dass sie freiwillig viel Zeit mit ihren Kindern verbrachte und den Vatertag zusammen mit ihnen beging. Das rief bei den konservativen Hardlinern angewidertes Kopfschütteln hervor, hatte aber den Vorteil für die Unangepassten, dass ihnen am nächsten Tag nicht übel war.

Mittlerweile haben sich viele Splittergruppen gebildet und der Trend soll sogar zum alkoholfreien Bier gehen, was von der Taxifahrergewerkschaft nicht eben gerne gesehen wird. Der Lauf der Zeit ist nun einmal nicht aufzuhalten, aber wahrscheinlich wird es immer stolze Väter geben, die das ehrwürdige Brauchtum hochhalten, so dass uns dieses Stück Kultur noch lange erhalten bleiben wird. Vatertag

© "Das Wort zum Vatertag | Ein Stück Kultur" - ein Textbeitrag von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden

Sponsoren und Investoren

Sponsoren und Investoren sind jederzeit herzlich willkommen!
Wenn Sie den Beitrag auf dieser Seite interessant fanden, freuen wir uns über eine kleine Spende. Empfehlen Sie uns bitte auch in Ihren Netzwerken (z. B. Twitter, Facebook oder Google+). Herzlichen Dank!

Hinweis: Bücher von Pressenet gibt es im Buchhandel

Nach oben Sitemap
Impressum & Kontakt