Was dem Müller Freude machtÜber Wandervögel und Naturliebhaber |
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So mancher weiß noch, wie dieser Lieblingssport in früheren Zeiten ausgeübt wurde. Meist fand das Wandern sonntags statt, und das in ziemlicher Frühe. Kinder waren da in zwei Lager gespalten, die einen hassten es, weil sie nicht ausschlafen durften, und die anderen liebten es, weil es immer einen Hauch von Abenteuer hatte. Zuhause wurden Brote belegt, Eier gekocht, Heftpflaster eingepackt und in Rucksäcken verstaut. Nicht zu vergessen der kalte Pfefferminztee, der in Flaschen abgefüllt wurde und traditionell ohne Zucker zu konsumieren war. Koffeinhaltige Getränke, die das Abheben vom Erdboden ermöglichten, waren noch nicht erfunden - es musste auch so gehen. Natürlich galt es, die Kleiderordnung der Zunft zu beachten. Das sah dann so aus, dass Mutter ihr Dirndl trug und Vati die Kniebundhosen anlegte. Dies sah sehr nach Wanderlust und Naturverbundenheit aus, vor allem was die strickbestrumpften Waden betraf. Die Kinder trugen das gleiche, wobei für die Jungs die unzerstörbare kurze Lederhose als am praktischsten angesehen wurde. Dieses oft vom älteren Bruder ererbte Teil bot reichlich Platz für unterwegs gesammelte Insekten, Amphibien und wertvolle Steine. Rucksäcke trug die ganze Familie, in verschiedenen Größen.
Als das Kofferradio erfunden war, entwickelte es sich als ein unentbehrliches Accessoire, ersetzte die bis dahin oft mitgeführte Wandergitarre und verhinderte die Konversation unter den Wanderern. Heute haben Kopfhörer diese Stellung inne. Zum Wandern gehörten natürlich sachbezogene Lieder, die freudig und von der Familie oder den Vereinskameraden geschmettert wurden und erklärbar machten, wieso man eigentlich so selten ein Reh oder andere Waldbewohner sehen konnte. Das Singen ist immer noch Usus, allerdings hat sich der Inhalt der Lieder der modernen Zeit angepasst. Damals wie heute war ein geschätzter, vielleicht sogar der am meisten geschätzte Aspekt einer Wanderung das Rasten. Das findet entweder auf diesen groben Holzbänken mit Tisch statt, die freundlicherweise in regelmäßigen Abständen auf den Rundwanderwegen aufgestellt sind, oder aber auf Felsbrocken und an Quellen und Bächen. Mitgeführte Hunde wissen Letzteres sehr zu schätzen, obgleich die fürsorglichen Menschen Wasserflaschen und einen Napf mit sich führen. Als vor vielen Jahren die neu angelegten Trimm-dich-Pfade ihren Tribut forderten, war das Rasten noch viel wichtiger geworden. Bei den sonntäglichen Waldtouren taten alle Dinge, die sie sonst nie taten: sie balancierten über Holzbalken, hängten sich an Querstangen und hüpften brav auf einem Bein, ganz wie die aufgestellten Tafeln das empfahlen. Die Kinder waren meist begeistert und absolvierten die Übungen mühelos, während sich die Erwachsenen zum Teil recht schwer taten. Es kam ganz darauf an, ob der Pfad vor oder nach der Waldwirtschaft lag, in der man sich ungeachtet der mitgeführten Vorräte etwas Deftiges bestellte und so manche Weinschorle genoss, während die Kinder sich um die meist vorhandenen Schaukeln und Wippen stritten.
Unter dem Oberbegriff Wandern verstand man eigentlich alles, was mit dem Aufenthalt in der Natur zu tun hatte. Das konnten die Familienausflüge sein, die sich über mehrere Stunden hinzogen, oder auch die großen Touren, die kurz nach dem Sonnenaufgang begannen und erst am Abend endeten. Man brauchte nicht viel dazu, außer gutem Schuhwerk und der Freude an der Sache. Daran hat sich nicht viel geändert, nur wird das Wandern mehr als Naturerlebnis verstanden und seltener auf die nächste Umgebung beschränkt. Vielleicht war es früher vor allem eine Art, die Freizeit mit Freunden oder der Familie zu gestalten, heute ist es wahrscheinlich etwas differenzierter geworden. Das Verständnis für Naturschutz und Ökologie ist letztendlich gestiegen und macht den heimischen Wald zu einem Abenteuer der besonderen Art. Damals war es zwar sehr verpönt, den Picknickabfall liegen zu lassen, aber eigentlich mehr der Ordnung halber. Heute weiß fast jedes Kind, wie lange eine liegen gelassene Getränkedose zum Verrotten braucht, und das ist auch gut so. Weggeworfene Zigarettenstummel werden immer seltener und auch sonst wird der Wald nicht als eine Ansammlung von Bäumen, die von Gasthäusern unterbrochen wird, gesehen, sondern als das, was er ist - ein hochempfindliches biologisches System, das sehr schnell auf Verletzungen reagiert und sehr wichtig für das Leben auf der Erde ist. Wer mit offenen Augen durch diese Wunderwelt geht, bekommt so viel Interessantes und Schönes zu sehen, dass er gar nicht schnell genug hinsehen kann. Wandern ist eine Therapie für die überlasteten Sinne, die völlig ohne Nebenwirkungen und auch völlig kostenlos ist. Vorerst jedenfalls. Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info hier Hinweis: eBooks von Pressenet gibt es auf dem Portal xinxii.com. Bestellung auch direkt über uns möglich. |