Entsorgungsfahrt zum toten Planeten

Kurzgeschichte

Schrott im Weltraum

"Bewegen Sie Ihren Hintern auf die Brücke, Val!" Der unrasierte hagere Mann brüllte diesen Satz in Richtung Bordmikrofon, machte sich aber nicht die Mühe, seine Füße von der Konsole zu nehmen. Falls die Technik mitmachte, würde der Maschinist vielleicht in einigen Minuten hier ankommen.

Missmutig sah der Käpt'n auf den Schirm, der schräg über dem Leitstand hing und auf dem eigentlich nichts anderes zu sehen war, als sonst auch. Das Raster zeigte die Schiffsposition im Quadranten und lila Quadrate zeigten die umgebenden Orbits an. Oder taten es, wenn es welche gab. Diese gottverlassene Ecke des Alls war so ziemlich das Übelste, das sich Kommander Rashkin vorstellen konnte.

Der Flug war wie immer lang gewesen, erst einmal langweilig - und trotzdem nagte es an den Nerven. Wer ein Schiff besaß wie die "Nimue", wurde nun einmal nicht für erstklassige Aufträge gebucht. Rashkin arbeitete auf eigene Faust, er vermietete Schiff und Crew an den, der zahlte. Es reichte unterm Strich kaum für die notwendigen Reparaturen, geschweige denn für ein neues Schiff.

Die Nimue hatte Überlichtantrieb, aber ihre Technik hinkte gut zehn Jahre hinter den Möglichkeiten her. Sie brauchte für einen Flug etwa dreimal so lang wie ein Schiff, das auf dem neuesten Stand war - also kamen Aufträge für kurzfristige Termine nicht in Betracht. Und so blieben nur die Schweinetouren, wie Rashkin das nannte.

Er hatte in den letzten Jahren Pech gehabt - es hatte Ärger gegeben mit den Räten, und auf manchen Raumhäfen war die Nimue nicht unbedingt willkommen. Aber dann stieß er auf den ACS-Konzern, oder besser gesagt, die "All Clear Space Technology Labs". Hinter diesem fast beeindruckenden Namen verbarg sich ein Unternehmen, das heißen Schrott entsorgte, und das fast legal. Rashkin hatte so eine Ahnung, dass nicht lange gefragt wurde, ob es tatsächlich in Ordnung war, wenn das ziemlich üble Zeug auf nicht bewohnten Planeten abgeladen wurde. Aber wer dumm fragt, bekommt eine dumme Antwort, und er war nicht unglücklich über die Aufträge, auch wenn sein Schiff acht Wochen unterwegs war pro Fuhre. Die letzten fünf Mal hatte er das gleiche Ziel angeflogen, einen toten Planeten in einem kleinen System.

Das Surren der Tür riss ihn aus seinen Gedanken, er schaute auf und sah den Maitre des Maschinenraums die Brücke betreten. Val Sorenson war nicht nur ein begnadeter Improvisateur in Sachen Technik, er war auch so etwas wie ein Vertrauter. Das bedeutete im Falle Kommander Rashkins, dass Val wusste, wie heiß die Fracht war, die in einem gigantischen Schleppnetz an das Schiff gekoppelt war und dass sein Anteil an der Bezahlung fast so hoch war wie seiner. Um die Wahrheit zu sagen, die Nimue war auf Sorenson angewiesen.

Der Mann konnte einen Felsblock zum Tanzen bringen, wenn es darauf ankam, und sein großer Anteil war immer noch tragbarer als die Kosten für die eigentlich längst fälligen Reparaturen. Seufzend hievte sich Rashkin hoch und sprach den Maschinisten an: "Wie sieht es aus, Val? Es dauert nicht mehr lange und wir haben die verdammten Felder mit dem Uraltschrott erreicht. Was machen die Schilde?"

Sorenson zuckte die Achseln und grinste. "Werden wohl so lange halten, Käpt'n. Nur nicht zu früh total hochfahren." Man war auf der Nimue nicht sehr förmlich, hier ging es um wichtigeres. Rashkin seufzte. Wenn Val grinste, hieß das, es würde reichen, und das reichte auch ihm. "Okay, Val. Dann sehen wir mal zu, dass wir heil durchkommen." Mit einem neuerlichen Grinsen drehte sich der kräftige blonde Mann um und verließ die Brücke.

Rashkin wünschte sich wirklich, dass dies der letzte Flug zu diesem Punkt war, denn der verdammte Steinhaufen hatte riesige Ringe, die aus nichts anderem als Weltraumschrott bestanden. So mancher Archäologe wäre hier auf seine Kosten gekommen, dachte sich Rashkin oft, denn von winzigen Teilen bis hin zu uralten Stücken ganzer Raumstationen gab es praktisch alles. Er hatte sogar Aufschriften erkennen können, jedenfalls hielt er die Zeichen dafür - aber er konnte sie natürlich nicht lesen. Archaisches Zeug, aber wenn er mal einen Sammler traf, würde er die Koordinaten teuer verkaufen, das stand fest.

Die Schwierigkeit bestand darin, diese Felder zu überwinden, ohne dass immense Löcher in die Außenhaut der Nimue geschlagen wurden. Dafür sollten die Schilde sorgen, aber die waren nicht für so etwas gemacht. Sorenson hatte da zwar einige Tricks auf Lager - aber es war trotzdem besser, so schnell wie möglich von hier weg zu kommen. Man musste schon verdammt geschickt manövrieren, um nahe genug an den Planeten heranzukommen. Das Netz war mit Treibsätzen versehen, die es auf Nimmerwiedersehen durch die Atmosphäre schießen würden. Das war allerdings Sache der ACS - Rashkin transportierte das Zeug nur und zündete dann die Sätze.

Ein Piepton war zu hören und der Käpt'n sah auf den Bildschirm. Richtig, es wurde ein kleineres Objekt angezeigt, das an der Nimue vorbeiflitzte. Und wieder eines ... das Piepen wiederholte sich und würde zu einem einzigen langen Ton werden, das wusste Rashkin aus Erfahrung. Zeit, um die Leute auf die Plätze zu schicken. Außer ihm und Sorenson gab es noch einen Funker und eine Navigatorin, gute Leute, die Gründe gehabt hatten, auf der Nimue anzuheuern. Rashkin hatte nie gefragt, es hatte sich gezeigt, dass auf die beiden Verlass war - und das reichte ihm. Alle anderen vakanten Positionen auf dem Schiff besetzte Rashkin in eigener Person, er war ein verdammt guter Bordschütze, und noch einiges mehr. Er sah sich um und vergewisserte sich, dass die Crew vollständig auf der Brücke war, außer Val natürlich. Dann begann der knifflige Teil.

Die nächsten beiden Tage wurden höllisch, die Konzentration durfte keinen Moment nachlassen und keiner konnte seinen Posten verlassen. Jeder tat sein Möglichstes, schon aus blankem Selbsterhaltungstrieb. Die Besatzung kannte das schon, alle arbeiteten Hand in Hand und taten präzise ihren Job. Mehr als eine Stunde dösen zwischendurch war die ganze Zeit über nicht möglich, dieser Auftrag forderte Schiff und Mannschaft gleichermaßen.

Als nach vier Tagen die Alarme seltener wurden und dann völlig ausblieben, war die gesamte Besatzung des Schiffs am Ende ihrer Kräfte, aber in bester Stimmung. Rashkin hatte so etwas wie eine Party gegeben, was für seine Verhältnisse hieß, dass er jedem Crew-Mitglied eine großzügige Portion seines kostbaren Antaranischen Weinbrandes eingeschenkt und grinsend Flüche gegen diese "verseuchte Trümmerwüste" ausgestoßen hatte. Die Navigatorin hatte nach dem ersten herzhaften Schluck gemeint: "Ich kann's verschmerzen, wenn wir diesen Endlagerungspunkt nicht mehr anfliegen müssen, Käpt'n. Hier hat wohl seit Jahrtausenden jeder seinen Müll ausgekippt."

Rashkin war in Plauderlaune, was bei ihm nicht sehr oft vorkam. "Diese Welt war sogar einmal bewohnt", sagte er. Val Sorenson hob die Brauen: "Das muss aber schon sehr, sehr lange her sein. Das ist doch nichts als ein gigantischer Müllplatz. Dass es hier einmal Leben gegeben haben soll, kann man sich kaum vorstellen. Wie heißt der Planet eigentlich?" Käpt'n Rashkin warf einen kurzen Blick auf sein Log und meinte dann beiläufig: "Er heißt Erde." Planeten

© "Entsorgungsfahrt zum toten Planeten" - eine Kurzgeschichte von , 2010. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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