Was aus einem Rauchverbot noch alles werden kann

Leseprobe aus "Sinneswandel" - von Wilfried Rottler

Sinneswandel

Wir schreiben das Jahr 2020. Es ist Juni und das radikale Rauchverbot der Bayern feiert sein 10-jähriges Jubiläum. Emil Spieß, 29 Jahre alt, unverheirateter Single und seit gestern leitender Angestellter der untersten Gehaltsklasse, wird durch seinen Medi-Berry pünktlich um 07.03 Uhr geweckt.

Emil setzt sich routiniert an den Bettrand und wartet die vorgeschriebenen 10 Sekunden, bis sich sein Kreislauf stabilisiert hat. Dann geht er zügig in die Hygienezelle, um dort alle von der Gesundheitskasse vorgegebenen Checks auszuführen. Zusätzlich darf er noch 4 Minuten für private Angelegenheiten verwenden.

Nachdem er seine Gesundheitsdaten über den Medi-Berry an die Gesundheitszentrale gemeldet hat, und ihm diese wiederum auf seinen Logistik-Berry zurückgemeldet hat, welche Nahrungsmittel er heute zu sich nehmen darf, zieht er die vom Verkehrsministerium in Abstimmung mit dem Wetteramt und dem Gesundheitsministerium für den Monat Juni freigegebene Straßenkleidung an. Zum Schluss legt er sich noch seinen Berry-Gürtel um die Hüften, an welchem er dann seinen Logistik-Berry, seinen Medi-Berry, seinen Kommunikations-Berry und seinen Privat-Berry einklinkt.

Als leitender Angestellter der untersten Gehaltsklasse hat er im Fahrstuhl keinen Anspruch auf einen Stehplatz an der Wand, und so stellt er sich in die Fahrstuhlmitte auf einen der eingezeichneten Plätze, entsprechend der Fahrstuhlbetriebsverordnung mit dem Gesicht zur Tür. Seit eine Bürgerinitiative durchgesetzt hat, dass man sich in Fahrstühlen nicht mehr unterhalten darf, ist es morgens immer recht still auf dem Weg von seinem 14. Stockwerk bis ins Erdgeschoss.

Um zu den öffentlichen Verkehrsmitteln zu kommen, nutzt er die eingezeichneten Fußgängerwege und hält sich penibel an die Straßenverkehrsordnung für nicht motorisierte Teilnehmer. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist eine Verspätung wegen einer Fußgängerverkehrskontrolle. Als leitender Angestellter der untersten Gehaltsklasse darf er zwar nicht nur den Eingang im Bürogebäude zwischen 08.00 Uhr und 08.01 nutzen, sondern auch noch um 08.02 Uhr, aber der kleine Zeitvorteil ist schnell aufgebraucht.

Der öffentliche Bus ist nur halbvoll, und so gelingt es Emil heute Morgen sogar einen Sitzplatz zu ergattern. Er sichert sich mit den neuen 37-Punkte-Gurten, legt die für den Brandfall vorgeschriebenen feuerfesten Handschuhe an und setzt sich den vorschriftsmäßigen Helm auf. Zusätzlich zu der Höchstgeschwindigkeit des Busses von 5 km/h gibt ihm das ein sicheres Gefühl. ...

Lesen Sie mehr im 2011 erschienenen Buch der Autoren Wilfried Rottler und Thomas Bierling: "Sinneswandel: Kurze Kurzgeschichten - Gedachte Gedanken". Auf 144 Seiten lesen Sie scharfsinnig pointierte und herrlich böse Texte der beiden Autoren. Bitte beachten Sie auch unsere Rezension zu diesem Buch. Das Buch ist via Amazon erhältlich.

© "Was aus einem Rauchverbot noch alles werden kann" - Leseprobe mit freundlicher Genehmigung von Wilfried Rottler

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