WM 2010: Autsch, Frau Müller-Hohenstein

(14.06.2010)   Die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sorgte in der Halbzeitpause für Wirbel, griff sie doch sprachlich gesehen einigermaßen daneben. Der Spruch vom "inneren Reichsparteitag" wird zwar noch immer gerne und oft genutzt, um eine besonders große Freude auszudrücken - positiv belegt ist er allerdings nicht.

Eine gewisse Häme wird bei dieser Redensart gleich mitgeliefert, denn sie stammt aus dem Dritten Reich und wurde dort gern benutzt - der Seitenhieb auf das Regime war eingebaut. Vor diesem Hintergrund gesehen ist die Äußerung tatsächlich ein ziemlicher Missgriff, denn die Leistung des Spielers sollte wohl kaum auf diese Weise abgewertet werden, und die Moderatorin hatte dies auch nicht beabsichtigt.

Sprüche dieser Art gibt es mehr als einen, sie halten sich im viel zitierten "Volksmund" recht lange. So auch die Äußerung: "... dann ist Polen offen", die im Sinne einer Drohung angewendet wird. Dieses Überbleibsel aus besagter Zeit wird noch immer gerne verwendet und ist nicht totzukriegen.

Aber jede Ära hat ihre - zugegebenermaßen - völlig sinnlosen oder auch herausragend dummen Sprüche, die als Füllstoff dienen, wenn ganze Sätze zu mühsam sind. In der Literatur sind die Modeströmungen nachzuverfolgen, wobei auch die Comics nicht außer Acht gelassen werden sollten. Das gilt auch für Filme und Musiktexte.

In den späten sechziger und die ganzen siebziger Jahre zum Beispiel waren englische Wörter ein absolutes Muss. Das "turnte" einen an oder ab, was etwa soviel hieß, dass man es toll oder eben nicht so toll fand. Der Ausdruck wurde auch tarnend für "Marihuana rauchen" angewendet. Hatte der Betreffende die Prozedur hinter sich gebracht und einen glasigen Blick, galt er als angeturnt. Es kam eben auf das Drehmoment an - denn drehen ist die korrekte Übersetzung. Ansonsten wurde der Terminus für alles Mögliche und Unmögliche gebraucht - ohne dass diejenigen, die das taten, zwingend um die eigentliche Bedeutung wussten. Man dachte nicht darüber nach.

Ein anderes Wort aus dieser Epoche ist "stark". Das hieß soviel wie wirklich gut oder hervorragend. Die Dosis wurde oft auch erhöht, indem man ein Tier bemühte - war etwas also wirklich wunderbar, hieß es dann "saustark". Das Tor von Klose wäre also ein total anturnender saustarker Schuss gewesen. Ob sich das besser angehört hätte, muss man dem Leser überlassen.

Aber das Englische setzte sich nicht nur bei der Subkultur durch, sondern eigentlich überall. Es war auf einmal nicht mehr möglich, so etwas wie einen Lidschattenpuder zu kaufen, denn das hieß nun Eye Shadow. Dieses Schicksal ereilte ziemlich schnell alle kosmetischen Produkte und griff auch bald auf die Kleidung über. Boots und Hotpants ersetzten nun Stiefel und heiße Hosen, die Stöckelschuhe wurden nun auch High Heels genannt und fanden reißend hohen Absatz. Es war recht schnell kaum noch möglich, irgendetwas zu verkaufen, das einen einheimischen Namen hatte (das geht bis auf wenige Ausnahmen heute immer noch nicht).

Ganze Gruppen fingen an, sich völlig neu wahrzunehmen, denn aus Motorradfahrern wurden Biker, aus Leuten, die etwas abseits der gängigen Normen lebten, machte die Sprache "Freaks". Letzteres Wort wurde auch in Bezug auf Drogenkonsumenten benutzt. Schon Jahre vorher wurden die Blumenkinder zu Hippies, übrigens ein glatter Adelstitel, betrachtet man das Wort, das den jungen Rebellen von der älteren Generation vorher nachgezischt wurde. Das hieß nämlich "Gammler" und hieß soviel wie arbeitsscheuer, dreckiger Faulenzer. Liebevolle Anspielungen, die Gaskammern betreffend, waren da durchaus die Regel.

Aber die Zeiten ändern sich, und die damaligen Hippies wurden zu den "Ökofreaks" und ernährten sich fortan gesund, zogen sich aufs Land zurück und trugen Holzsandalen. Damit war die Bühne frei für die Poppergeneration und die Neue Deutsche Welle. Da wurde zwar deutsch gesprochen, aber zumindest bei den Liedtexten auf Sinnfreiheit geachtet. Die gegnerische Fraktion, die Punks, sahen sowieso in nichts mehr einen Sinn und stellten der Business Class in Klamotten mit Label die "Null Bock Generation" gegenüber.

Zwischen diesen Fronten keimte schnell Hass auf, obwohl sie sich im Grunde sehr ähnlich waren. Beide legten großen Wert darauf, sich durch Benehmen, Frisur und Kleidung vom gewöhnlichen Volk abzuheben. Ob Föntolle oder Irokesenkamm ... beides erfordert Geduld und einige Zeit vor dem Spiegel. Beide Gruppen kultivierten ihre eigene Sprache und konnten sich kaum mit anderen Spezies verständigen.

Mittlerweile sind wir bei der "Generation Krass" angekommen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine völlig neue Sprache zu entwerfen und auch anzuwenden. Die Politiker und Wirtschaftsberater tun dasselbe und schaffen so genannte "Unwörter", die dann bei einer Art Grand Prix de Nonsense jährlich gegeneinander antreten. Sieger ist dann die absolut hirnrissigste Konstruktion oder auch die, welche die meisten Widersprüche in einem einzigen Wort vereinigt oder auch den höchsten Beleidigungswert haben.

Beleidigungen sind durchaus angesagt in der deutschen Sprachlandschaft. Wer fähig ist, rotzfrech andere Leute ihres Aussehens oder anderer Mängel abzuwerten, wird in den Medien zu einem bekannten Menschen mit hohem Kultstatus und fantastischen Einschaltquoten oder macht überhaupt Schlagzeilen. Das gehört zur Show und wird verlangt in einem Land, das zunehmend Probleme hat, die eigene Sprache einigermaßen richtig anzuwenden.

Natürlich gibt es auch noch die blanke Polemik, eine Kunst, die lange geächtet war, aber nun wieder vermehrt geübt wird. Da gibt es einen Herrn Sarrazin, einen der wirklichen Könner in dieser Sparte, der sonderbarerweise eine recht angesehene Stellung innehat. Der nämlich leistet sich keine kleinen sprachlichen Missgriffe wie diese Moderatorin, er weiß hundertprozentig genau, was er da von sich gibt. Und solange dieses wandelnde Memorium des Dritten Reiches seine Sprüche ungestraft von sich geben darf, scheint es doch ein klein wenig überzogen, eine kleine Entgleisung wie die der Frau Müller-Hohenstein dermaßen überzubewerten. Es ist ein vertracktes Ding mit der Sprache, sie ist an Emotionen gekoppelt und verselbstständigt sich zuweilen.

Wenn der Satz anders gelautet hätte ... zum Beispiel: "Voll korrekter Schuss, Miro, voll krass", hätte man sich vielleicht nichts dabei gedacht? Nun ja, Katrin hätte vielleicht sagen können: "Für Klose war das ein inneres Woodstock." Politisch korrekter vielleicht, aber wer hätte es verstanden ... Halbzeitpause

© "WM 2010: Autsch, Frau Müller-Hohenstein" - ein Textbeitrag von , 2010.

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