Wolfstage - Die Reise

1. Teil der 5-teiligen Geschichte

Grauer Wolf

Während sie nach dem Schlüssel suchte, fragte sie sich, wieso sie eigentlich hier war. Oder besser gesagt, wieso sie es endlich geschafft hatte, hier zu sein. Von diesem winzigen Dorf in Süddeutschland hatte sie niemals vorher etwas gehört ... erst als Sabine anbot, hier den Urlaub zu verbringen.

Das kleine Häuschen am Waldrand sei zwar sehr alt, verfüge aber sogar über ein Bad und eine angebaute Garage. Fließendes Wasser gäbe es auch, allerdings kein heißes. Das Stichwort "Kohlebadeofen" bereitete Yvonne einiges Kopfzerbrechen, aber schließlich war es Sommer und sie maß dieser Einzelheit keine große Bedeutung bei.

"Wir nutzen das Haus auch nur in der heißen Jahreszeit", hatte Sabine grinsend gemeint und ihr den Schlüssel ausgehändigt. Und so stand Yvonne nach mehr Stunden Fahrt als nötig - sie hatte sich natürlich mehr als einmal verfahren - endlich hier vor diesem kleinen Märchenknusperhaus.

Nachdem sie sich mühsam durchgefragt hatte bei neugierig dreinschauenden Einheimischen, deren Dialekt ihr manches Rätsel aufgab, hatte sie begeistert gelacht. Das von wildem Wein überwachsene kleine spitzgiebelige Haus wirkte wie aus einem Märchenbuch. Der kleine Pfad, der durch den unordentlichen Vorgarten führte, war mit zum Teil zerbrochenen Steinplatten belegt, und das Gartentürchen quietschte erwartungsgemäß. Es gab einen offenen Schuppen, der mit ordentlich aufgestapelten Holzscheiten gefüllt war, und eine malerische Handpumpe hinter dem Haus.

Als Yvonne endlich den Schlüssel aus ihrer Reisetasche gefischt hatte und die grüngestrichene Haustüre öffnete, hatte sie ein Gefühl von Abenteuerlust - etwas, das ihr eigentlich ziemlich fremd war und sie amüsierte. Dann stieß sie erst einmal einen Schmerzensschrei aus, denn im Inneren war es ziemlich dunkel und es gab eine hohe Schwelle, mit der ihr sandalenbekleideter Fuß heftig Bekanntschaft gemacht hatte.

"Die Fensterläden, du Dummchen", schoss es Yvonne durch den Kopf. Die ebenfalls grünen Holzläden waren selbstverständlich geschlossen und taten ihr Bestes, um das Sonnenlicht fernzuhalten. Also stellte sie ihre Tasche erst einmal ab und humpelte dann, einige unfeine Worte murmelnd, in den Raum hinein. Es war weniger finster, als es ihr auf den ersten Blick vorgekommen war, da sie ja aus dem hellen Sonnenlicht in das Haus getreten war. Außerdem fiel etwas Licht durch einige Lücken der Lamellen in den Läden.

Eigentlich hatte Yvonne stickige Luft erwartet, schließlich war lange Zeit niemand hier gewesen, aber es roch frisch mit einem leisen Hauch von Lavendel. Als die Läden offen waren und sie sich endlich richtig umsehen konnte, war sie immer noch begeistert. Im Erdgeschoss gab es eine Küche, die mit dem Nötigsten eingerichtet war, wozu neben einem geradezu antiken Schrank auch ein alter Holztisch und vier Stühle gehörten. Ein Elektroherd war vorhanden und ein richtiger alter Spülstein. Es gab auch eine winzige Kammer, die mit Regalen vollgestopft war, auf denen sich allerlei Nahrhaftes in Form von Konserven befand. Das hatte Sabine noch gesagt, dass sie sich nicht mit Einkäufen belasten müsste vorerst.

In dem kleinen quadratischen Flur gab es noch zwei Türen, von denen eine in ein Wohnzimmer führte, das mit zusammengewürfelten Möbeln eingerichtet war und unwiderstehlich gemütlich wirkte. Bunt schien hier die Devise zu sein, denn vom Lampenschirm bis zu den Decken gab es nichts unifarbenes. Da trafen sich indianische Muster mit viereckigem Flickerldesign und bodenständigen Karos. Aber obwohl Yvonne eigentlich eher ein "Ton-in-Ton-Typ" war, fand sie den Raum umwerfend wohnlich.

Die andere, etwas schmalere Tür führte in das kleine Bad. Senffarbene Kacheln, eine weiße Klauenwanne und ein ebenso weißer Kohlebadeofen, ein Waschbecken und eine Toilette mit Holzbrille lehnten jeden Anspruch auf Modernität ab. Nachdem Yvonne die einwandfrei funktionierende Spülung getestet hatte, war sie rundum zufrieden. Eine abenteuerlich steile Holztreppe führte zum Obergeschoss, wo zwei kleine Schlafzimmer lagen. Je ein Schrank und ein Doppelbett stellten die Einrichtung dar, die sauberen Matratzen waren abgedeckt und die Decken und Kissen befanden sich in Hüllen.

"Keine Herausforderungen", dachte Yvonne, und kurze Zeit später war der Kofferraum leer, ein Schrank ordentlich eingeräumt und ein Bett bezogen. Dann folgte ein Imbiss, eine "Katzenwäsche" mit recht kaltem Wasser, und als alle Birnen richtig eingedreht waren, gab es warmes Licht. An diesem ersten Abend kam Yvonne nicht mehr zum Nachdenken, die lange Fahrt forderte ihren Tribut, und so lag sie zum ersten Mal seit langer Zeit kurz nach Sonnenuntergang im Bett und schlief tatsächlich fast sofort ein.

Yvonne erwachte etwas verwirrt, denn die Sonne schien direkt auf das Bett und erfüllte überhaupt das ganze Schlafzimmer. "Natürlich, ich hätte die Läden zumachen sollen", dachte sie schläfrig - aber dann fuhr sie auf. Sie tastete nach ihrem Handy, das sie auch auf dem Boden direkt neben dem Bett in die Finger bekam und sank gleich darauf beruhigt in die Kissen zurück. Erst acht Uhr, aber so wunderbar sonnig. Obwohl sie ihre Kindheit in ländlicher Gegend verbracht hatte, wenn auch nicht in einem so kleinen Ort wie diesem hier, waren die Geräusche regelrecht aufregend neu. In der Stadt hörte man zwar die Vögel frühmorgens auch, nur gehörte das zu den anderen Geräuschen der Stadtmusik.

Hier draußen klang es völlig anders. Und als sie das Fenster geöffnet hatte, hörte sie noch andere Nuancen. Insekten summten, Wasser plätscherte, und irgendwo fuhr so etwas wie ein Traktor vorbei. Dann riss sie eine ziemlich laute Fahrradklingel aus ihren Betrachtungen. Die gehörte zu einem Hollandrad mit vollgepacktem Lenkerkorb, das an den hölzernen Zaun gelehnt war und wiederum zu einer rundlichen, älteren Frau, die vor dem Gartentürchen stand und freundlich winkte.

"Will scheinbar tatsächlich zu mir", murmelte Yvonne nicht eben erfreut, fuhr aber in Jeans und T-Shirt und machte sich auf den Weg nach unten. Die Frau entpuppte sich als diejenige, die im Auftrag der Eigentümer - also Sabines Familie - "hier immer mal nach dem Rechten" sah, wie sie sagte. Das erklärte auch, wieso das Haus frisch gelüftet war und es auch kaum Staub gab.

Frau Schicker, so stellte sich die redselige Großmutter vor, begrüßte Yvonne freundlich und sicherte jede erdenkliche Hilfe zu. Ganz nebenbei erkundigte sich die nette Radlerin auf das Genaueste nach den persönlichen Umständen Yvonnes und brachte das Kunststück fertig, das Wichtigste aus ihrem eigenen Leben zu erzählen. Das schien im Wesentlichen aus ihren Enkelkindern, ihrem kleinen Haus, ihrem invaliden Ehemann und aus dem Fernseher zu bestehen.

Yvonne schwirrte der Kopf von der geballten Informationsflut, aber sie erkannte, dass Frau Schicker sie nicht aus Bosheit ausfragen, sondern dass sie einfach nur wissen wollte, wer da nun seinen Urlaub verbrachte. Sie hatte gewusst, dass es einen Gast geben würde, eine Frau, das hatte man ihr am Telefon gesagt, damit sie wusste, dass es seine Richtigkeit hatte.

Als sie endlich weiterradelte, wusste sie, dass Yvonne krank gewesen war, und dass sie eine Scheidung hinter sich hatte, was Oma Schicker mitfühlend und befriedigt zur Kenntnis genommen hatte, nicht ohne die Trennungstragödie ihrer zweitältesten Tochter breitzuwalzen. Aber sie hatte auch die genaue Funktion des Badeofens erklärt und die metallene Aschentonne hinter dem Haus gezeigt. PR

Zum zweiten Teil Wolfstage: Trennung

© "Wolfstage - Die Reise" - eine Erzählung von , 2010.

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