Wolfstage - Trennung

2. Teil der 5-teiligen Geschichte

Grauer Wolf

Die Angaben waren so präzise, dass Yvonne durchaus glaubte, heute Vormittag ein heißes Bad nehmen zu können. Außerdem erfuhr Yvonne, dass es zwei Wirtshäuser im Dorf gab, mehrere Vereine und keinen Laden. Wer etwas brauchte, fuhr per Bus oder Auto in den nächst größeren Ort. Aber da scheinbar alle Bewohner fleißig in ihren Gärten werkelten, waren wohl alle Kellerregale voll mit Eingemachtem.

"Wie bei einer Zeitreise", dachte sich Yvonne. Doch als sie später ihren ersten Spaziergang machte, zeigte sich, dass das Dörfchen durchaus in die Gegenwart gehörte. Es gab jede Menge Satellitenschüsseln, und aus vielen geöffneten Fenstern drangen die typischen Geräusche, die Fernsehen so mit sich bringt.

Plakate wiesen auf Veranstaltungen hin wie Schützenfeste oder "Ladys Night" in irgendeiner Diskothek in der Kreisstadt. Allerdings waren alle Anschläge auf dem neuesten Stand, das fiel direkt ins Auge. Alles, was da angepriesen wurde, war durchaus noch aktuell. Eine Gruppe von Jugendlichen lungerte auf einigen wenigen Parkbänken am zentralen Platz des Ortes herum. Ihr Benehmen und ihre Kleidung unterschieden sich in nichts von den Cliquen in den Metropolen, sie wirkten absolut desinteressiert und waren mit ihren eigenen Ritualen befasst. Sie schauten Yvonne nicht einmal hinterher, als sie vorbeiging.

Eine kleine Kirche verschlief den Montagmorgen, ein kleines Hausteingebäude mit Turm, das tatsächlich von einem kleinen Friedhof umgeben war. Ihre Hand zuckte zur Hüfte, dahin wo sonst die Kameratasche am Gürtel der Jeans hing - aber sie hielt auf halbem Weg inne, denn es würde keine Aufnahmen geben. Yvonne hatte sich geschworen, kein einziges Foto zu machen während ihres Urlaubs. Die letzte große Fotoserie hatte sie abgeliefert und zwar mit sehr großem Erfolg, aber sie hatte hart daran gearbeitet. Vermutlich zu hart, denn sie wollte eigentlich keine Kamera mehr anfassen vorerst. Sie hatte Glück gehabt, die Auftragslage war sehr gut gewesen, sie hatte mehr Arbeit angenommen als sie eigentlich bewältigen konnte. Das hatte ihr geholfen nach der Scheidung - es hatte verhindert, dass sie die Tage und Nächte zergrübelte wie sie es vorher getan hatte.

Die letzten drei oder vier Jahre waren eigentlich nichts anderes gewesen als eine lange und schmerzhafte Trennung - ein gewaltsames Lösen in Zeitlupe. Wenn sie daran dachte, hatte sie immer dieses Bild vor Augen, ein Pflaster, das von der wunden Haut gerissen wurde in absoluter Langsamkeit. So dass der Schmerz sich dehnte wie der Klebstoff auf der Haut. Dann dachte sie an Urlaub, einfach so ein Gedanke war es gewesen. Sie wollte nicht mit sich allein sein, nicht in dieser Wohnung. Sie erwähnte es Sabine gegenüber, und die bot sofort dieses Häuschen an. Und dann packte Yvonne auf einmal und programmierte den Navigator, und dann war sie hier angekommen. Sie hatte es nicht geplant, und das war bemerkenswert.

"Du bist ein Kontrollfreak", hatte Christoph oft gesagt. In den letzten Monaten hatte er es gebrüllt. "Du würdest am liebsten den Fliegen ihre Flugbahn vorschreiben, wenn du könntest." Yvonne hatte sich eher als pragmatisch gesehen, aber ihr Mann hatte es als Nüchternheit bezeichnet. Am Anfang hatte er es gemocht. "Du bist für mich Wirrkopf der Fels in der Brandung", hatte er oft gemeint. Er hatte nicht verstanden, wieso es eskalierte. Aber sie verstand es ja selber nicht - es wurde eben immer mehr "pragmatisch".

Am Anfang war es so, dass sie sich nicht wohl fühlte, wenn etwas nicht überschaubar war, später machte es ihr Angst. Yvonne bemerkte nicht, wie sehr ihr Verhalten Christoph verstörte. "Wie kann ein Mensch mit einem kreativen Beruf dermaßen pingelig sein?", fragte er oft. Er fing an aufzubegehren, wenn sie jedes Mal, wenn er im Bad gewesen war, die Handtücher glatt zog und gerade hinhängte. Sie hatte die Wäsche streng nach Farben im Schrank gestapelt und führte Buch über alles und jedes. Sie hatte einen Plan aufgestellt, von dem sie nie abwich - das bedeutete, dass die anfallenden Arbeiten genau zu dem festgelegten Zeitpunkt gemacht werden mussten - bis hin zum Abstauben.

Gelang das nicht, bekam sie Magenschmerzen und übergab sich. Und irgendwann konnte sie nicht mehr schlafen, wenn die Pantoffeln nicht gerade nebeneinander genau auf der Bettumrandung standen. Manchmal war sie nachts noch einmal aufgestanden, um die Zimmer nach Unordentlichkeiten abzusuchen. Als sie endlich nachgab und eine Therapie begann, war Christoph nicht wirklich erleichtert. Er hatte in den Auseinandersetzungen seine Kraft verbraucht, und wahrscheinlich seine Liebe. Als Yvonne begann, Fortschritte zu machen und sich mit ihrem Problem wirklich auseinandersetzte, war er kaum noch daheim. Als sie endlich verstand, dass sie sich die Liebe ihrer Mutter zurückerobern wollte, die ihr diese Weise vorgelebt hatte, konfrontierte er sie mit seiner Freundin.

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Dann nahm alles seinen Lauf - Trennung, Scheidung, Arbeit. Yvonne verfiel nicht mehr in ihre Verhaltensweisen, die eine Therapie nötig gemacht hatten - sie wurde allerdings um einiges beherrschter Menschen gegenüber. Und hielt weiter Ordnung, wenngleich weitaus gemäßigter. Und sie hatte Sabine eingestellt, die ihr einen großen Teil der Büroarbeit abnahm. Für Yvonne was das etwas völlig Neues, sie hatte nie delegieren gekonnt. Aber sie gewöhnte sich schnell an die Vorteile, denn diese gewonnene Zeit kam ihrer Arbeit sehr zugute.

Die fast zwanzig Jahre Jüngere war so völlig verschieden von Yvonne, dass sie von einem anderen Planeten stammen könnte. Ihr Arbeitsplatz sah eher wie ein Flohmarktstand aus, denn sie verteilte großzügig ihre Habe plus mehreren Kaffeebechern auf jedem noch so kleinen freien Platz. Sie war geradezu unglaublich unordentlich, aber brauchte trotzdem nie mehr als einen Augenblick, um etwas zu finden. Sabines Chaos war scheinbar geordnet, es schadete ihr in keinster Weise. Für Yvonne war das sehr schwierig am Anfang gewesen, aber ihr Therapeut brachte es auf den Punkt. "Sie sagen, dass die Frau sehr effizient arbeitet, dann nehmen Sie ihre Eigenarten einfach hin. Es ist nicht Ihre Unordnung."

Und tatsächlich funktionierte es. Wenn es für das Phänomen Sabine einen Titel gegeben hätte, dann hätte er wohl "Großzügigkeit" gelautet. Denn diese erstaunliche Person kümmerte sich einfach um alles, von dem sie annahm, dass es das wert war, und das war eigentlich sehr viel. Bei Plaudereien hatte Yvonne den Eindruck gewonnen, dass Sabine eine sehr große Familie hatte, für die sie durchs Feuer ging. Die so viel jüngere Frau hatte eine umwerfend warmherzige Ausstrahlung und war immer bereit, ihre Hilfe anzubieten. Yvonne war nicht in der Lage, das an sich heranzulassen. Das belastete sie zu ihrem Erstaunen sogar, denn sie spürte die hellbraunen Augen Sabines oft auf sich ruhen.

Es lag nicht an mangelndem Vertrauen, eher an der jahrelangen Gewohnheit, das Leben als Blaupause anzusehen. Aber trotzdem hatte sie angefangen, die vielen kleinen Aufmerksamkeiten zu genießen, die es mit sich brachte, Sabine als Mitarbeiterin zu haben. Die schien nämlich mit irgendeinem verborgenen Sinn zu spüren, ob Yvonne eine Arbeit selber übernehmen wollte oder nicht. Außerdem wurde oft genau dann ein Becher Kaffee auf den Schreibtisch gestellt oder in das Atelier gebracht, wenn Yvonne gerade danach lechzte.

Wenn Yvonne sich anfangs noch überrascht bedankt hatte, legte die junge Frau mit dem braunen Strubbelkopf nur grinsend den Kopf schief und zuckte die Achseln. Diese erstaunliche Person hatte einen hervorragenden Instinkt, was Menschen betraf, manche Besucher drängte sie Yvonne geradezu auf, selbst wenn diese beschäftigt war. Andere wurden gleich abgefertigt und drangen erst gar nicht vor - es hatte sich gezeigt, dass es jedes Mal einen guten Grund dafür gab, wie es sich mehrfach im Nachhinein herausstellte.

"Ich hatte so eine Ahnung", sagte Sabine dann meist treuherzig. Das Angebot mit dem Häuschen kam natürlich auch zum richtigen Zeitpunkt - nach mit Arbeit überfüllten Monaten war es einfach an der Zeit, die Wohnung und das Atelier einmal zu verlassen. Sabine schien genau zu wissen, was Yvonne jetzt brauchte. "Ruhe und Einsamkeit mit Anschlussmöglichkeiten für Notfälle", wie sie es nannte. Dann prustete sie so unverhofft los, wie es eben ihre Art war, an die sich Yvonne letztendlich gewöhnt hatte. Eigentlich waren ihr Leute mit einem dermaßen raumfüllenden Lachen eher ein Gräuel, aber bei Sabine klang es eben echt und irgendwie lebendig. Und ergeben fing Yvonne an zu packen.

Das waren die Gründe, die sie in das kleine Dorf geführt hatten, und sie bereute es durchaus nicht. PR

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© "Wolfstage - Trennung" - eine Erzählung von , 2010.

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