Wolfstage - Die Freundin

4. Teil der 5-teiligen Geschichte

Grauer Wolf

Der nächste Ferientag zeigte sich genau so unwiderstehlich sonnig wie der vorherige, und Yvonne war nach einem ausgiebigen und äußerst genussvollen Schlaf recht bald wieder unterwegs. Eigentlich wollte sie die entgegengesetzte Richtung einschlagen, aber ihre Füße liefen wie von selber zu diesem kleinen Gewässer. Sie hinterfragte das nicht sehr intensiv - auch nicht, wieso sie eine der kleinen getrockneten Salamis eingesteckt hatte. Diese Dinger mochte sie überhaupt nicht.

Der Hund erwartete sie schon auf dem halben Weg zum Weiher, und so, als hätte sie es erwartet, war sie nicht überrascht. Es schien ihr einfach natürlich. Sie begrüßte das schwanzwedelnde Tier mit einem "Na Du?", was mit erneutem Wedeln beantwortet wurde. Am Weiher legte sich ihr Begleiter direkt neben sie und, das hätte Yvonne schwören können, starrte auf den Rucksack. Die Salami verschwand mit sehr großer Geschwindigkeit, und Yvonne hielt sich an die Brote.

Von denen bekam das Tier allerdings auch einen großen Teil ab, denn es wusste hartgekochte Eier und Käse durchaus zu schätzen. Obwohl Yvonne sich selber sagte "Pure Einbildung, dir schlägt die Einsamkeit hier auf das Gehirn", war es, als wäre der Hund ein alter Bekannter. Irgendetwas an diesem Blick kam ihr vertraut vor, angenehm vertraut. Und die pragmatische Yvonne tollte mit ihrem Freund am Seeufer herum, warf Stöcke und ließ sich lachend auf ein Wettrennen ein. Alle Angst, die sie jemals gehabt hatte, war völlig verflogen, sie fühlte sich wohl wie lange nicht mehr.

Der Hund forderte nichts, er wollte keine Erklärungen oder sonst etwas - er war einfach da und ließ sich auf sie ein. Irgendwann ließ sich die Frau in das Gras am Waldrand sinken, müde aber fröhlich, und der Hund tat es ihr nach. Wohlig wälzte sich das Tier auf den Rücken, und Yvonne, die das träge beobachtet hatte, setzte sich plötzlich auf. Dann lachte sie, lachte immer weiter, bis ihr die Tränen kamen und die Luft fast wegblieb. "Oh du Heimlichtuerin", japste sie, "das hättest du aber früher sagen können." Und dann lachte sie weiter, wie sie nicht mehr gelacht hatte seit Jahren.

Die Hündin, denn das war es natürlich, legte bei diesen Ausbrüchen nur den Kopf schief und sah Yvonne mit einem Ausdruck im Gesicht an, der bei einem Menschen eindeutig ein Grinsen gewesen wäre. Jedenfalls sah Yvonne das so, und dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, legte sie ihre Hand auf den Kopf des Tieres und begann es sacht zu kraulen. Der sonnenwarme Pelz fühlte sich lebendig und schön an, das Haar war weich und voll von Tannennadeln, Grassamen und auch einigen Kletten. Dann machten beide ein Nickerchen in der warmen Nachmittagssonne.

Als Yvonne in dieser Nacht in ihrem Bett lag, wurde ihr bewusst, dass sie so gut wie überhaupt nicht mehr an das, was hinter ihr lag, gedacht hatte. Christoph, und alles was dazugehörte, wie die Therapie und die schlimmen letzten Jahre, waren weiter weggerückt in nur zwei Tagen. Und ihre derben Laufschuhe hatte sie erst im Schlafzimmer ausgezogen, wo die in den Sohlenprofilen getrocknete Erde mit Sicherheit ein hübsches Muster auf dem Boden machen würde, wenn sie die Schuhe anzog.

Früher hätten die Latschen mit gebürsteten Sohlen zusammen an ihrem Platz gestanden und Yvonne hätte das mehr als einmal noch kontrolliert vor dem Schlafengehen. Aber jetzt grinste sie bei dem Gedanken, denn ihr fiel die Hündin ein. Kurz bevor das Dorf in Sicht kam, hatte sie umgedreht und war verschwunden, aber Yvonne wusste, dass sie wiederkommen würde.

Der nächste Tag war erst einmal dringenden Einkäufen vorbehalten und so ließ sich Yvonne von Frau Schicker beraten, die wie jeden Morgen am Häuschen vorbeikam und die ihr sehr genau beschrieb, wie sie zum nächsten Einkaufszentrum kommen würde. Für diese Expedition ging der gesamte Vormittag drauf, aber als Yvonne wieder zurückkam und den ersten gefüllten Karton den Steinweg entlang zum Haus trug, stolperte sie fast über die Hündin, die quer vor den Steinstufen zur Eingangstür lag und döste.

"Du bist aber ein kluges Mädchen", sagte die überraschte, aber sehr erfreute Frau. Die Begrüßung fiel weit weniger zurückhaltend aus als am vorigen Tag, und Yvonne bat die neue Freundin ins Haus. Dort half die Hündin eifrig beim Auspacken, denn Yvonne zeigte und kommentierte jedes Stück. Wirkliches Interesse brachte die Hündin aber vor allem für die Hundeleckerli und den riesigen Büffelhautknochen auf, den Yvonne mitgebracht hatte. Abgemagert sah das Tier durchaus nicht aus, eher wohlgenährt, wenn auch schlank. Das Fell glänzte und das Gebiss war tadellos weiß und einigermaßen beeindruckend.

"Richtige Wolfsfänge", dachte Yvonne bei sich. Und da kam die Frage wieder auf, die sie zu verdrängen suchte seit dem Tag gestern. Nämlich die, wem dieser herrliche Hund gehörte. Eine Streunerin war sie sicherlich nicht, denn dafür sah sie viel zu gepflegt aus. Unwillig schüttelte Yvonne den Kopf, denn vor ihnen lagen noch so viele Tage - man würde weitersehen, wenn der Urlaub vorbei war.

Irgendwann am Nachmittag, nach einem reichhaltigen Imbiss und einem lustigen Gerangel mit viel Kraulen und Japsen, verschwand die Hündin, und Yvonne machte sich auf der Couch mit den bunten Kissen lang ... die Fahrerei hatte sie müde gemacht. Erst in der Dämmerung erwachte sie wieder und setzte sich gähnend auf - sie hatte lange geschlafen. Als sie sich einen Kaffee zurechtmachte, dachte sie an ihre Freundin - sie fand gar nichts dabei, die Hündin so zu nennen. Denn was war wohl Freundschaft anderes, als dieses wortlose Verstehen, das es zwischen ihnen gab, wie wohl immer zwischen Mensch und Hund, die einander respektierten.

Als damals Tarzan gestorben war, hatte sie gedacht, dass ihr selber ein Stück abhanden gekommen war, selbst ihr Vater, mit dem sie so viel verband, hatte ihr da nicht helfen können. Mit Menschen war es einfach schwieriger, wenngleich ihre Arbeit sie zu einem sehr guten Beobachter gemacht hatte. Ihr Schwerpunkt war die Landschaftsfotografie, aber trotzdem waren ihre Portraits beliebt bei den Kunden, sie hatte einen Blick dafür.

Mit dem Becher trat sie vor die Haustüre, um den Sonnenuntergang zu beobachten und die laue Abendluft zu genießen, und der schon sehr gut sichtbare Vollmond hing wie ein Lampion aus Reispapier über dem nahen Tannenwald und sah aus wie für eine Postkarte hingemalt. Sie war nicht überrascht, als eine feuchte Schnauze sie am nackten Knie berührte. Die schöne Graue lief aufgeregt hin und her, als wolle sie Yvonne zu einem Spaziergang im Mondschein einladen, und als ob sie nur darauf gewartet hätte, stellte sie tatsächlich den Becher ab und lief mit.

Eine Vollmondnacht im Wald ist etwas, das man erlebt haben muss, um zu verstehen, wie anders alles ist, wie regelrecht verzaubert. Ohne die geringste Angst folgte Yvonne der Hündin und sah Dinge, die ihr "eingebautes Objektiv" normalerweise zum Surren gebracht hätten. Doch sie dachte nicht einmal an eine Kamera in dieser Nacht, sie sah mit Augen und dem Herzen, sogar mit ihrer Haut, die jede Luftströmung wahrnahm, alle Wunder der Nacht.

Der Mond ist ein begnadeter Maler ... er taucht Pflanzen, Wasser oder ganze Wiesen in ein silbernes Licht und macht sie zu Märchendingen. Und die Stimmen der Nacht, erstaunlich viele - sie hatte eigentlich angenommen, dass die Nacht auf dem Land still sei - steuerten die Musik zu den herrlichen Bildern bei. PR

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© "Wolfstage - Die Freundin" - eine Erzählung von , 2010.

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