Das Ziel des Rufens - Die Liebe zum Sport

Leseprobe des Autors Friedrich Treber

Friedrich Treber: Neben der Spur

Die Pflege der Fußballschuhe hatte man auch in den besten Profizeiten nie einem Zeugwart überlassen. Das erste, heißgeliebte Paar, von dem wenigen Taschengeld sauer erspart, hatte Falten bekommen und war allzu schnell kaputtgegangen. Pflege musste eben erlernt werden. Mochten einem heute noch Vereine und Sponsoren jede Menge schenken, kein einziges Paar sollte vergammeln. Die Liebe zum Sport schloß die Liebe zu den Schuhen ein.

Die Jungs, die er nun als Spielertrainer betreute, wußten noch gar nicht, was Fußball wirklich war. Sie wollten ihren Spaß, wollten sich zeigen und hatten vor den Schuhen ebensowenig Respekt wie vor den Trikots. Da war es manchmal schwer, geduldig zu bleiben. "Fußball ist eine ganz große Sache, aber du musst ihn immer mit Menschen spielen." hatte Paule, der Jugendtrainer, oft gesagt.

Die Morgensonne hier auf dem Balkon hatte das Fett tief einziehen lassen und oben in den Poren Platz geschaffen. So konnte nun die Glanzschicht Halt bekommen. Das neueste Paar war noch nicht eingelaufen und bekam nur Balsam für die Geschmeidigkeit.

Kannst du noch so lange spielen, bis die da auseinanderfallen? dachte er.

Ein unkontrollierter Druck der linken Hand setzte einen viel zu großen Strang aus der Tube auf das Tuch.

Ohne Fußball? Das gab einfach kein Bild.

Es war ja klar, dass niemand ein ganzes Leben lang spielen konnte. Manchmal musste man einfach daran denken. Dabeibleiben, nur Trainer sein? Kaum vorstellbar: In den unteren Klassen gaben die Vereine viel Geld aus, um sich als Trainer einen Spieler zu kaufen. Weiter oben, da traten sich längst die Trainer mit Ausbildung an der Sporthochschule gegenseitig auf die Zehen, heute auch solche, die schon mal in der Bundesliga aufgefallen waren.

"Was hast du?"

Jelena stand in der offenen Balkontür und sah ihn aus ihren Bergsee-Augen an.

"Ich? Was soll ich schon haben?"

"Du schaust so böse."

"Ach, ich hab da nicht aufgepaßt und einen Fehler gemacht. Wolltest du was?"

"Ja, fragen, ob ich ein Frühstück machen soll."

"Ich hab doch, was ich brauche."

"Eiweiß und Kohlenhydrate zum Anrühren? Ich meine so richtig was zum Kauen."

"Ist doch nichts da!"

"Habe mitgebracht. Magst du lieber Rühreier oder Spiegeleier?"

Spiegeleier! Wann hatte er die letzten auf dem Teller gehabt?

"Na ja, Jelena, wenn du dir schon die Mühe gemacht hast, will ich mal nicht so sein. Und wenn's nicht zu viel Mühe ist, dann Spiegeleier."

"Ich ruf dich dann, ja?"

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Was die da sich einfallen ließ! Hatte es das schon einmal gegeben? Nun ja, sie war ja auch die erste Frau in all den Jahren, die er nicht dem Fußball verdankte. Deswegen war sie wohl so anders und voller Überraschungen wie ein frisch eingewechselter Joker als Gegenspieler.

Aber was war das vorgestern Nacht gewesen? Plötzlich hatte sie die Fingerspitzen in seinen Rücken gebohrt. Nein, kratzen würde Jelena nicht, das paßte nicht zu ihr, aber solche Erregung hatte er bei ihr vorher auch nicht gekannt. Und dann hatte sie angefangen zu reden, tief aus der Kehle. War das Russisch oder Lettisch? Egal, wenn man sowieso nichts verstand. Es hatte sich angehört, als wollte sie nach irgendwas oder irgendwem rufen.

Aus der Küche kamen verführerische Düfte.

Rufen, das man nicht verstand, da war doch mal was gewesen. Ach ja, damals, auf dem Mexikotrip. Lange nicht mehr daran gedacht, aber jetzt war die Erinnerung ganz frisch. Mit einem netten mexikanischen Kollegen aus dem Trainingslager ausgebüxt. Über das weite Hochland weg den Sonnenuntergang betrachtet, dann auf den Marktplatz einer kleinen Stadt zum Konzert. "Cancion ranchera" hatte der Kollege - wie hieß er noch - immer wieder beschworen. Die Geigen und Trompeten und manchmal der Sänger hatten die Töne hochgezogen und gehalten, als wollten sie über das ganze weite Hochland weg rufen. Aber nach was? Jedenfalls gab das ein Gefühl, wie wenn einem die Kehle zugedrückt wird, und er hatte jedes Mal ein paar Atemzüge hecheln müssen, wie gerade jetzt eben auch.

"Und du wolltest dir doch schon immer so eine CD besorgen, und hast es nicht geschafft." murmelte er.

Wohl zu laut, denn Jelena rief aus der Küche: "Ja, gleich! Zwei Minuten, dann ist Alles fertig!"

"Gut, ich geh dann schon mal Hände waschen!" rief er zurück.

+++

"Dir hat es ja richtig geschmeckt, Ralf!"

Auf Jelenas Gesicht war ein Leuchten von innen, das aber verschwand, sobald sie seinen Blick spürte.

Ja, das stimmte, es hatte ihm geschmeckt wie schon lange nicht mehr. Was gut war, sollte man gleich bestätigen, hatte er im Übungsleiterseminar gelernt.

"Ja, kann man wohl sagen. Es war Alles gut. Ganz besonders die Spiegeleier."

"Muss ich mir merken." kam es sehr schnell über den Tisch zurück.

"Sag mal, Jelena, ich habe schon oft probiert, Spiegeleier zu backen. Aber entweder waren sie so weich, dass der Dotter weglief, oder die Ränder wurden braun und hart."

"Mit dem Dotter ist ein Trick: Deckel warm machen und kurz drüber, dann kannst du Weißes wegschneiden und den ganzen Dotter auf die Gabel nehmen. Das Braun kommt von Elektroherd."

"Na, sag mal, wie das denn?"

"Wenn die Pfanne heiß ist, schaltest du runter, ja? Aber du musst die Pfanne wegnehmen, weil Platte noch zu heiß ist."

"Ach so. Aber wie merke ich das, wann ich die Pfanne wieder draufstellen kann?"

Elena wiegte den Kopf. "Das ist Gefühl und Probieren. Auf einem Holzherd geht das viel besser. Kennst du so was?"

"Irgendwo habe ich mal so ein Monster gesehen."

"Ist kein Monster, ist ganz lieb. Brauchst keine Heizung. Immer ist warmes Wasser da. Und auf der Platte kannst du Topf oder Pfanne verschieben. Über dem Feuer ist es heiß, nach außen weniger."

"Glaub ich dir ja, aber lohnt sich der Aufwand mit dem Platz, und mit dem Holz?"

Jelena schien den Einwand gar nicht zu hören.

"Meine Oma hatte so einen. Nach dem Abendessen wurde Licht gespart. Da machte sie einfach das Schürloch auf, und man konnte die letzte Glut sehen. Wenn ich im Wald war, Beeren pflücken oder Pilze sammeln, habe ich mich den ganzen Tag schon auf diese Stunde gefreut. Da wurde dann erzählt oder gesungen. Manchmal saßen wir auch einfach nur da, man sah sich kaum, aber ich habe doch gespürt, wie nah wir uns waren."

Bei den letzten Sätzen war ihre Stimme tief in die Kehle abgesackt. Was hatte sie nur?

Die Stille wurde peinlich.

"Hör mal", sagte er darum, "ich will noch ein wenig frische Luft schnappen. Hast du auch Lust zum Spazierengehen?"

"Ich habe heute auch Textilschaum mitgebracht." antwortete Jelena mit gesenkten Augen.

"Textilschaum? Wozu das denn?"

"Die Sessel im Wohnzimmer. Du wirst sehen, wie schön die wieder werden."

"Sind doch nicht meine!"

"Aber du wohnst hier."

"Na und? Vielleicht habe ich nächste Saison schon wieder eine andere Wohnung. Aber wenn du dir unbedingt die Arbeit machen willst, meinetwegen. Sag mal, willst du heute nicht mitkommen zum Spiel? Es geht um die Meisterschaft."

"Nein!"

"Na, wie du willst. Dann fahre ich dich nachher eben zu deiner Wohnung."

"Kann sein, dass ich länger brauche, und du musst pünktlich sein. Es ist Sonne, und ich laufe gern."

+++

In der zweiten Halbzeit des so wichtigen Spiels fühlte sich die Kehle schon rauh an vom Schreien. Die Abwehr um ihn herum war kaum noch zusammenzuhalten. Im Training hatte er die Jungs ja gut eingestellt. Anfangs war das auch zu merken gewesen. Aber sie hielten einfach in den Köpfen nicht durch und benahmen sich immer mehr wie eine D-Jugendmannschaft, in der jeder hinrennt, wo er will.

Dabei führte man immerhin eins zu null. Bliebe es so, wäre man so gut wie Meister.

Karsten, der als Abfangjäger vor der Abwehr eingesetzt war, hatte das Tor mit viel Glück bei einer taktikwidrigen Eigenmächtigkeit erzielt. Dem schwoll nun mächtig der Kamm.

"Hinten sind die blöd, da müssen wir sie kriegen!" hatte Karsten in der Halbzeit getönt, sobald die nötige Ruhe in der Kabine geschaffen war. Einem selbst als Trainer war nicht einmal die Zeit geblieben, zu antworten, denn Vereinsvorstand und Geldgeber quatschten pausenlos auf die Spieler ein. Rauswerfen ging nicht, und so gab es keine taktische Neuorientierung in der Pause.

Der lange Thomas, den er eben wieder zu seinem Gegenspieler beordert hatte, drosch den nächsten Ball, der ihm vor die Füße kam, mit sichtlichem Unmut blindlings weg. So kam der Gegner schnell wieder in Ballbesitz.

Hier musste etwas geschehen. Gut wäre ein weiteres Tor. Das würde die Gegner vorsichtiger machen. Wenn er es selbst erzielte, würde seine Autorität wieder steigen. Außerdem wurde er ja gerade dafür bezahlt. Man musste aber eine Gelegenheit abwarten.

Und die kam. Einem abgewehrten Ball in die gegnerische Hälfte nachlaufend, sah er, dass alle gegnerischen Abwehrspieler mit Deckungsaufgaben beschäftigt waren, also konnte man mit dem Ball Richtung Tor laufen!

Der eigene Gegenspieler verfolgte ihn nun, das war zu hören.

Kurz vor dem Strafraum löste sich ein Innenverteidiger und griff an. Körpertäuschung, vorbei, und dann: Die Füße verloren den Boden, Aufprall!

+++

Er hätte sich das Anheben des Oberkörpers sparen können, denn das trockene Knacken brechender Knochen war nicht zu überhören gewesen. Und der Beule nach, die an der Innenseite des Unterschenkels den Stutzen dehnte, mussten es wirklich Schienbein und Wadenbein sein. Mit raschen Griffen nestelte er die Spielführerbinde vom Arm, legte sie neben sich und ließ sich dann zurücksinken.

+++

Der Krankenwagen war schnell dagewesen.

"Bringt dir denn keiner deine Sachen?" fragte der Sanitäter, der hinter ihm an der Bahre trug.

"Heute geht es um den Meister." gab er zurück und hob dann den Kopf.

Die Spieler und die unvermeidlichen Offiziellen bildeten einen lockeren Halbkreis um Karsten, der mit erhobenem Arm in Richtung gegnerisches Tor zeigte.

Das ärgerte schon nicht mehr. Aber die Rücken schienen eine Mauer zu bilden, obwohl man doch zwischen ihnen hindurchsehen konnte.

"Hast du Schmerzen?" fragte der Sanitäter.

"Nee, wieso?"

"Du hechelst."

Die Mauer aus Rücken hatte so etwas Endgültiges an sich wie die Glastür des protestantischen Waisenhauses, als sie am Tag nach seinem achtzehnten Geburtstag hinter ihm zufiel. Aber damals hatte vor dem Zaun Paule gewartet.

+++

Der Wagen nahm Fahrt auf.

"Hast du ein Handy?" fragte er den Sanitäter, der neben ihm saß.

"Nein, im Dienst nicht." gab der zurück.

"Könnt ihr von hier aus anrufen?"

"In Notfällen können wir die Zentrale anfunken, die macht das dann."

"Dann sollen die für mich anrufen!"

"Nur in Notfällen." dehnte der Sanitäter.

"Das ist mir scheißegal! Ich sag dir jetzt die Nummer!"

Ja, wirklich, er konnte Jelenas Telefonnummer aufsagen.

"Und sagt der Frau, sie soll kommen ... wenn sie will."

"Du weißt nicht mal, ob sie kommen will?" Der Sanitäter grinste.

"Und sagt ihr, sie kriegt von mir so einen Holzherd, ob sie kommt oder nicht."

"Das ist dir ja wirklich ernst."

"Verdammt ernst, Mann!"

"Na gut", der Sanitäter stand auf, "wenn es um das Wohlbefinden des Patienten geht, da will ich mal sehen, was sich machen läßt."

"Dann mach doch schon Mann, ruf sie, mach schon!" Friedrich Treber

© Textbeitrag "Das Ziel des Rufens" mit freundlicher Genehmigung von Friedrich Treber. Der Künstler und Schauspieler, Jahrgang 1943, ist Lehrer im Ruhestand und lebt im pfälzischen Pirmasens. Mehr Literatur von Friedrich Treber finden Sie hier: Rettender Bruch | Teddybärs wichtigste Weihnacht | Lyrik und Essays

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