Der Tanz des TodesErzählung von I. E. Schwartz |
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Meine Mutter befahl mir, das Tanzen zu studieren und überwachte meine Fortschritte mit scharfen Augen. Und wenn ihr meine Darbietungen gefallen, ist sie freundlich zu mir. Ich hasse auch sie, jedenfalls tue ich das, wenn sie nicht in meiner Nähe ist. Sobald ich sie sehe, will ich nur eines: ihr gefallen. Und obwohl ich weiß, dass ihr Herz nicht wirklich einen Platz hat für ihre Tochter, tue ich alles, was sie wünscht. Ich, der man jedes Wort von den Lippen liest und der man das bringt, was sie wünscht, noch ehe sie es ausgesprochen hat. Ich sehne mich nach dem, was ich bei den niedersten Dienern und sogar den Sklaven sehe. Sie alle herzen ihre Kinder, wenn sie nur die kleinste Gelegenheit dazu haben. Sogar fremden Bälgern streichen sie im Vorbeigehen über den Kopf - sie, die nichts haben und deren Leben nicht ihnen selber gehört. Sie machen Späße mit den Kleinen, die in den Küchen und Höfen herumstrolchen, und verteilen zuweilen auch Püffe. Ich kenne nur die Kühle der ersten Dame am Hof, meiner selbstbeherrschten und klugen Mutter. Sie betrachtet mich zuweilen wie eine Ware, deren Wert man steigern kann, oder wie eines ihrer Schmuckstücke, die sie nur dann beachtet, wenn sie sich eine Wirkung von ihnen erhofft. Sie, die alles hatte, was sie sich jemals wünschte. Und seit sie die Frau des Königs wurde, ist ihr Wesen vollends wie ein kostbarer, aber kalter und gleißender Stein, dem ich noch immer etwas Wärme abzuringen versuche.
Ich stehe auf und lächle, so wie man es mir beigebracht hat in den endlosen Übungsstunden, und gehe zur Mitte des Saales. Die Instrumente beginnen die Musik, nach der ich zögernd meine Glieder bewege, dann aber lasse ich mich tragen davon, obwohl ich es nicht will. Ich hasse, hasse, hasse es. Kein Laut ist zu hören außer den Klängen und den Geräuschen, die meine Füße auf dem Marmorboden machen, dann ist es vorbei, und über mir schlägt wie eine Woge der Beifall zusammen. Und der König erhebt sich, kommt auf mich zu mit ausgebreiteten Armen. "Für dieses Wunder darfst du dir wünschen, was du willst, Kind." Und während er spricht, suchen meine Augen nach IHR, denn es ist gewiss, dass sie das geplant hat. "Herr", flüstere ich, "lasst mich den Rat meiner Mutter holen für diesen Wunsch." Da lacht der König und streicht mir über den Arm, nennt mich eine gute und treue Tochter und nickt lächelnd in Mutters Richtung. Und mit gesenktem Kopf gehe ich hin - höre, was sie mir in das Ohr flüstert. Aber erst, als ich laut diese Worte wiederhole, wird mir klar, was sie bedeuten. Stille senkt sich über den Saal, es ist still wie in einer Gruft. Was habe ich da nur getan? Der König sieht über meinen Kopf hinweg zur Königin - er weiß, was geschehen ist, aber er weiß nicht warum. Dann gibt er einen Befehl.
Niemand beachtet mich wirklich noch, niemand gibt mir die Schuld an dem, was geschehen wird - außer mir. Wer ist diese Frau, die aus einer Laune heraus, die flüchtig ist wie alle anderen Gedanken, die sie je hatte, einen Menschen auslöscht? Sie ist nichts, sie ist weniger wert als die Diener, die ihre Kinder umarmen, und weitaus weniger als dieser Mann mit dem fanatischen, aber tiefen und intelligenten Blick. Ihr Name ist Herodias, und so werde ich sie nennen. Ich verstehe hier und jetzt, da dieser hier sterben wird, weil sie es will, dass ich niemals eine Mutter hatte, sondern die Leibeigene einer Königin war. Und als alle hinausgehen auf den Balkon, um die Hinrichtung zu sehen, die in wenigen Minuten stattfinden wird, gehe ich an ihr vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Und ich höre ihr geflüstertes "Salome, mein Kind", aber ich drehe mich nicht um. Ich werde mich nie mehr nach ihr umdrehen. © Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet Die Abbildung zeigt Salome (Tochter der Herodias) auf einem Gemälde von Gustave Moreau, 1871 (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Public domain) Lesen Sie auch Über gemeine und ungemein nette Menschen
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