Fantasy Erzählung: Die Unterwelt

Aus den Notizen des Vierzehnten der Elbe

Ich kann es nicht mehr sehen, wissen Sie. Das Leben ist so schon schwer genug, auch ohne diese blödsinnigen Geschichten und Bilder. Leider ist man ja gezwungen, dieses ... äh ... Medium zu nutzen. Meine Leute haben die Entwicklung lange genug ignoriert, aber jetzt ist kaum noch ein Volk dieser Erde völlig unbeleckt, was Computer und Internet betrifft. Nun, es ist auch recht nützlich, wenn man sonst nicht allzu leicht an alle Informationen kommt, die man braucht.

Vermiest wird einem das Ganze allerdings durch die seltsamen Phantasien der Leute. Meist handelt es sich um dralle Weiber, die kaum mehr als einige wenige Stoff- oder Lederstreifen an sehr wenigen Körperstellen tragen. So rennen sie in irgendeiner Landschaft herum und schwingen Schwerter. So was kann sich nur jemand ausdenken, der nie gefroren hat in seinem Leben - und vor allem niemals ein Schwert in der Hand gehalten hat. Ich weiß, was Kälte ist, Mann - das weiß ich sehr gut.

Dann haben sie diese Spiele mit den muskelbepackten Männern, die meist auch nicht gerade viel anhaben und mit allen möglichen Sachen draufhauen. Es wäre komisch, wenn es nicht so erbärmlich wäre. Dieses ganze Jahrhundert ist das verrückteste überhaupt, würde ich sagen. Die Leute haben in der westlichen Welt endlich genug zu essen, die meisten jedenfalls, und was tun sie? Sie finden es toll, sich zu Tode zu hungern. So was gab's bei meinen Leuten nie, wir neigen nicht zur Fülle, und in der letzten Zeit schon gar nicht.

Es ist nicht einfach, sich zu ernähren, wenn man versteckt leben muss. Natürliche Ressourcen fallen flach - zwar wird das Wild in den Wäldern aufgepäppelt, aber nur für den Abschuss. Da ist praktisch jede Ricke gezählt - und wer will schon Ärger haben. Das hatten wir auch alles schon, aber die riesigen Forste in früheren Zeiten waren nicht so überschaubar wie diese kleinen Parzellen, die heute Wald genannt werden. Dort kann man sich kaum noch frei bewegen heutzutage, und erst recht nicht leben. Das haben meine Leute schon lange aufgegeben und sind in die großen Städte gezogen, so wie das viele tun, die keine Chance mehr sehen, da wo sie eigentlich zuhause sind. In unserem Fall war das nicht anders, wenn auch viele sich lange gewehrt haben. Wie soll das denn gehen, hieß es. Keiner von uns hatte Bock, sich diesen Gesetzen irgendwie zu beugen, klar - sind ja auch ziemlich abseitig, sag ich mal. Aber was will man von solchen erwarten, die - anstatt froh zu sein, dass in ihrem Winkel der Welt kein offizieller Krieg herrscht - von nichts anderem träumen, als von Waffen und Kämpfen.

Als wir in den Städten ankamen, da lernten wir ganz schnell, dass es mehr als ein Gesetzbuch gibt bei denen - erst einmal das geltende, aber dann dasjenige, das keiner aufgeschrieben hat. Auffallen wollte keiner von uns, also suchten wir eine Nische. Was wir fanden, waren die Tunnel, die U-Bahnschächte und die ganze Stadt unter der Stadt. Da waren wir natürlich nicht die ersten, denn da trieben sich schon jede Menge Freaks herum. Die Älteren hielten sowieso nicht besonders viel von den Stadtbewohnern, klar - aber dann waren wir am Schluss alle ziemlich überrascht davon, wie krank das alles war.

Die Sprache war das kleinste Problem, die kannten wir ja recht gut - nur hatten wir einen ziemlichen Akzent. Das hat sich mittlerweile gelegt, und außerdem hört man so ziemlich alle Sprachen in der Stadt, und vor allem hier in der Sub. Hier unten gibt es alles, was man braucht: Plätze zum Schlafen und Wohnen, fliegende Händler und jede Menge Tauschgeschäfte. Hier haben die wenigsten Bewohner Papiere, wir natürlich erst recht nicht. Wir sind nicht die einzigen, die sich illegal hier aufhalten. Es gibt sogar Kinder hier unten, man sollte es nicht für möglich halten. Solche, die außerhalb des Gesetzes stehen, leben hier, Drogenabhängige und Kranke, viele Ausgestoßene, und solche, die einen Scheißdreck geben auf die Welt da oben. Sie fühlen sich wohl hier, oder sie reden es sich ein.

Auch hier gibt es gewisse "Viertel", in denen sich Gleich mit Gleich zusammentut. Man weiß, wohin man geht, wenn man das oder jenes braucht: Waffen oder Drogen, und auch Sex. Nur Sonnenlicht ist knapp hier - aber niemand vermisst es. Fast alle, die oft hier sind, haben eine sehr blasse Farbe - niemand fragt mich nach meiner Haut - es fällt keinem auf. Ich bin im Morgengrauen draußen schon Füchsen begegnet und Mardern - sie kommen wie wir hierher, um zu überleben, weil man ihnen draußen nichts mehr lässt. Es ist kein Problem sich sehen zu lassen, nicht in gewissen Teilen dieser riesigen Lebensmaschine, der "City". Es geht um die Gegenden, in denen alle irgendwie anders aussehen, weil sie jede Menge Tattoos tragen oder Metall in der Haut, und irgendwo am Körper ein Messer mit sich führen. Wir haben uns angepasst und wissen, wie wir uns verhalten müssen.

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Nachdem wir ihre territorialen Rituale studiert hatten, kamen wir recht schnell klar. Natürlich wollten es einige wissen - was sie erfahren haben ist, dass es immer jemanden gibt, der besser ist als sie selber ... schneller vor allem. Und nicht alle sind noch in der Lage, davon zu erzählen. Ich mag das nicht, aber ich bin meinen Leuten verpflichtet. Wir werden unser Überleben nicht aufs Spiel setzen wegen einigen durchgeknallten Menschen, die nicht wissen, wann sie aufhören sollten. Manche von uns gehen trotzdem nicht hinauf in die Straßen - sie ziehen es vor, im Schutz der Dunkelheit in den Wald zu gehen und von vergangenen Zeiten zu träumen. Nun gut, sie werden verschwinden mit der Zeit, wenn sie sich nicht anpassen können oder wollen ... ich kann es nicht verhindern.

Ich habe mich daran gewöhnt, die Sub zu verlassen und am Abend umherzuschlendern - die Hände in der Jackentasche und den Kragen hochgeklappt. Niemand findet etwas Besonderes an mir, es gibt mehr große Leute und auch ziemlich schlanke. Hier machen alle die Nacht zum Tag und sehen dementsprechend blass aus, es ist kein Problem. Die Sonnenbrille auch nicht, die tragen viele auch abends und nachts - es gehört dazu.

Manchmal träume ich davon, das Haar im Wind wehen lassen zu können und mich nicht mehr verstecken zu müssen. Ich träume davon, dass meine Art offen hier lebt und dazugehört, sich langsam vermischt und dass wir uns gegenseitig nicht mehr fremd sind. Ich habe Freunde unter den Menschen hier - nicht, dass sie viel von mir wissen, aber in diesem Teil der Stadt, dem oberen wie dem unteren, fragt man nicht viel. Es spielt keine Rolle, woher man kommt und was man ist, sondern was man tut. Ich hatte einiges laufen mit Frauen, die nicht zu uns gehören, und als die Älteren davon hörten, gab es mächtigen Ärger. Sie verstehen nicht, dass die Ära der Trennung vorbei ist, sie denken noch genauso elitär, wie sie es vor Jahrhunderten getan haben.

Sie glauben mir auch nicht, dass es immer ungefährlicher ist, was das Eisen betrifft. Reines Eisen, so wie wir es früher kannten, gibt es kaum mehr - die neuen Legierungen sind recht verträglich für uns, ebenso wie Chrom. Als ich ein Stück einer Stange mitbrachte, um es zu zeigen, wollten sie mich nicht einmal zu sich vorlassen. Scheiß drauf - es gibt genug von uns, die denken wie ich. Und vielleicht haben diese Filme und Bilder, mit denen sie das Internet überschwemmen, sogar etwas Gutes ... es bereitet sie vielleicht vor.

Vor einigen Tagen riss mir der Wind die Mütze vom Kopf und meine Haare flogen nach hinten ... als ich das wieder gerichtet hatte, hörte ich im Weggehen noch ein Kind zu seiner Mutter sagen: "Du Mama, der Mann da hatte aber spitze Ohren." Fantasy

© Fantasy Erzählung "Die Unterwelt" von , 2010.

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