Manche mögen's scharf

Zum Tag der Schwertschlucker im Februar

Zirkuszelt

Die Sonne steht hoch am Himmel, und auf dem Marktplatz der Stadt drängen sich die Menschen so dicht wie niemals sonst. Ehrwürdige Matronen mit Mägden und Knechten, welchen das Transportieren der verschiedenen Einkäufe obliegt, diskutieren vor den Marktständen und feilschen begeistert mit den Bäuerinnen. Vornehme Herren sehen sich die Angebote der Händler ebenso an wie die Handwerker und Bauern. Es gibt heute alles hier zu kaufen, von Feldfrüchten, Stoffen, Lederwaren bis zu Vieh aller Art - eingepökelt oder lebendig.

Zwischen den Menschen flitzen die Gassenkinder umher, und die eine oder andere Geldbörse wechselt unbemerkt ihren Besitzer. Solche großen Märkte gibt es nicht überall, und wenn sie stattfinden, kommen viele von weit her, um dabei zu sein. Der Strom der Besucher und der Händler aus dem Umland reißt seit Tagen nicht ab, die ganze Stadt ist in Aufregung und wie im Fieber.

Hier werden Geschäftsbeziehungen geknüpft, Freundschaften geschlossen, Feindschaften begründet und sogar Ehen arrangiert - es gibt Musiker und Gaukler in so großer Menge wie sonst das ganze Jahr über nicht. Und da, wo die vielen Quacksalber, Zauberkünstler und sonstigen Attraktionen ihren Platz haben, herrscht der größte Andrang. Die unerhörten Darbietungen der Spaßmacher und Gaukler ziehen das Publikum in ihren Bann, denn es gibt wunderbare Dinge zu sehen.

Gerade eben tritt ein Zwerg in das Rund der kleinen Manege an der Stadtmauer, er bläst auf einer wunderlichen Pfeife und kündet dann den Großen, den Unvergleichlichen und Geheimnisvollen an - den Mann, der aus dem Wunderland Arabien kommt und gleich hier vor allen Christenleuten seine Kunst zeigen wird. Zwei schöne Mädchen in bunten Kostümen schlagen mit ihren kleinen Trommeln einen Wirbel, dann wird eine Zeltplane zurückgeschlagen und Ali erscheint - der Fürst der Klingen.

Der recht dunkelhäutige Mann trägt weite Beinkleider und schön verzierte Stiefel, die fast bis zu den Knien reichen. Sein muskulöser Oberkörper wird nur wenig von einer goldglitzernden ärmellosen Weste verdeckt. Ali trägt Ringe in den Ohren und breite Reifen um die Oberarme, sein Haar fällt auf die Schultern und ein kecker Spitzbart verleiht ihm ein besonders schneidiges Aussehen. Die hingerissene Damenwelt ist wie hypnotisiert von dieser prachtvollen Erscheinung und wartet gespannt.

Dann aber geschieht Unglaubliches, denn Ali lässt sich von den Mädchen einen langen Dolch reichen, schiebt ihn sich langsam in den offenen Mund und dreht sich dabei um die eigene Achse. Diesen Effekt steigert der unheimliche Gaukler noch, denn er wiederholt diesen Vorgang noch mehrere Male, jedes Mal mit einer längeren Klinge. Kinder klammern sich mit aufgerissenen Augen an die Röcke ihrer Mütter, und einige werden vielleicht in der Nacht davon träumen, was sie gesehen haben. Als die Darbietung zu Ende ist, verneigt sich Ali mit gekreuzten Armen und entschwindet wieder in das Zelt. Aber die Gefäße, in denen die Mädchen die Münzen sammeln, werden voll.

So oder ähnlich traten sie immer auf im Laufe der Geschichte, die Schwertschlucker. Die Kunst gibt es seit viertausend Jahren, von Babylon bis Ägypten und in den mittelalterlichen Metropolen - bis heute. Die gefährliche Kunst wird im Ganzen von nicht mehr als etwa 100 Menschen ausgeübt, die meist Mitglieder der "Sword Swallowers Association International" sind - wenn man so will, der Meistergilde.

Die Klingen werden nicht wirklich geschluckt, sondern langsam durch den Mund und die Speiseröhre eingeführt. Das ist schwierig, da dabei der Schluckreflex kontrolliert werden muss. Bei dieser Art der Unterhaltung ist es schon mehr als einmal zu erheblichen Verletzungen gekommen. An diesem besonderen Tag soll diese uralte Kunst - und natürlich deren Veteranen - geehrt werden, und das weltweit.

© "Schwertschlucker: Manche mögen's scharf" - ein Textbeitrag von , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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