Migration - Wege in die Freiheit

Rezension zum Buch von Sebastian O. Burckhardt

Migration - Wege in die Freiheit

Das im Sommer 2013 erschienene Buch des Schweizer Künstlers Sebastian O. Burckhardt ist nur vordergründig ein Band mit verschiedenen Erzählungen, denn eigentlich wird eine einzige Geschichte erzählt: die Saga aller Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, die gefoltert wurden, weil sie einem bestimmten Volk angehören, oder die ihre tiefen seelischen Narben in irgendeinem Krieg empfingen, ohne zu verstehen, worum es eigentlich ging.

Migration - Wege in die Freiheit nimmt den Leser mit auf die steinigen Pfade der geheimen Flüchtlingswege, die in der ganzen Welt benutzt werden, um vor Hunger, Terror und Folter zu fliehen. Die Trails der Geschundenen und Hungernden führen nicht immer in die Freiheit, manchmal kommt man zurück an die Orte der Angst, und manchmal führt der Weg in ein neues Verhängnis.

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir mit unseren Familien und Freunden leben, ist längst nicht für alle Menschen erreichbar - getrennt durch Krieg und Terror, verlieren viele Bewohner dieser Welt die Menschen, die ihnen am meisten bedeuten. Die Zeiten der großen Flüchtlingsströme sind noch nicht vorbei - und noch immer gibt es Menschen, die um ihr nacktes Leben kämpfen, die alles verließen, was ihnen etwas bedeutet hat, um mit nichts als ihrer bloßen Existenz irgendwo anzukommen, wo man ihnen mit Misstrauen und Feindschaft begegnet.

Mordechai und Rabi Salzmann

Burckhardts Buch fängt eigentlich fast beschaulich an, mit der Geschichte vom kleinen Mordechai, der eine so beeindruckende Stimme hat - in der jüdischen Gemeinde geschehen mit der Geburt des Kleinen ganz erstaunliche Dinge. Der Vater prügelt hin und wieder seine Esel - aus alter Gewohnheit und um das eine oder andere an den unschuldigen Tieren auszulassen. Und da ertönt Mordechais erster markerschütternder Schrei, welcher dazu führt, dass der kluge Rabi Salzmann die Dinge im Sinne des Jungen, der Esel, der Momme und sogar des Vaters regelt. Bis dahin hat diese Erzählung einen besonderen Humor - aber dann fallen die Deutschen in Polen ein, und Mordechai, der Junge, der so schweigsam geboren war und wegen seiner halben Sätze vom Lehrer nur halbe Noten bekam, und der Tiere so liebte, dass er zum ersten Mal aufschrie - dieser Junge geht von da ab durch mehr als eine Hölle. Er muss immer wieder fliehen, erlebt die Ermordung der Familienmitglieder, wird Partisan, kommt nicht zur Ruhe und gelangt letztendlich nach Israel - wo er, als alter Mann, noch einmal in spektakulärer Weise seine Stimme erhebt.

Wege in die Freiheit

Andere Menschen kommen dann zu Wort - solche, die aus Eritrea geflohen sind, einem Krisenherd im Gesicht der Erde - sie erzählen Dinge, die grausam und bedrohlich sind. Es ist die Rede von Folter und Kerker - nicht anders, als man sich einen Karzer im Mittelalter vorstellt. Nackte Erde und gerade so viel zu essen und zu trinken, dass der geschundene Körper noch funktioniert, unglaubliche hygienische Gegebenheiten und dazu der Terror, den diejenigen ausüben, die es sich leisten können. Männer werden nicht sehr alt in Eritrea, heißt es.

Der blutrote Faden

Man wird zum handlungsunfähigen Zuschauer, während man liest - man sieht, wie ein alter Mann aus einer Trambahn geworfen wird, hört einer Frau zu, die ihre Freundin betrauert, die sich das Leben nahm, nicht mehr leben konnte ... nicht mehr auf diese Weise leben konnte. Nichts fehlt - auch nicht die reale Geschichte von "... werden hier nicht bedient" - diese drei Punkte können beliebig ersetzt werden durch Bezeichnungen wie "Ausländer, Schwarze, Juden, Araber" - es richtet sich nach dem Ort und den Menschen, die das Gros stellen.

Von Tibet wissen wir zwar, dass es einen schweren Stand gegen die chinesische Macht hat - aber der Bericht des Mannes, der dreizehn Jahre von zu Hause weg war und schlimme Folter ertragen musste, diese tibetische Odyssee zeigt, dass es sich hier immer noch um ein Land handelt, in dem Menschenrechte nicht existieren.

Migration

Der im Sinne des Wortes tatsächlich blutrote Faden zieht sich durch Sebastian O. Burckhardts Buch wie eine Leuchtspur, die einen Weg markiert, der gegangen werden will. Der Weg zur Veränderung, der so schwer zu gehen ist, weil sein Anfang unter dem Schutt der Gewohnheit und der Gleichgültigkeit verborgen liegt. Die Geschichten sind verstörend, aber sie zeigen uns Bilder von Dingen, die anderswo möglich sind, weil niemand die Kraft hat, diese Möglichkeit unmöglich zu machen. Eine der Geschichten, die am meisten nachhallt, ist die kürzeste - eigentlich mehr eine dunkle Anekdote: die Bettlerin in Kairo, die erzählt, dass ihr Mann nicht aus dem Krieg zurückkam - und als nachgefragt wird, um welchen Krieg es sich handelt, weiß sie es nicht zu sagen.

Es ist auch gleichgültig - es ist immer der eine Krieg, zu welchem Zeitpunkt und in welchem Land er auch stattfindet. Es ist immer nur der Krieg für jene, die durch ihn zu leiden haben.

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© "Migration - Wege in die Freiheit" - eine Rezension von , 2013. Abbildungen: Sebastian O. Burckhardt

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