Chaostheorie für Fortgeschrittene

Ein Ordnungsversuch für Kleiderschrank und Schreibtisch

Schreibtisch Chaos

Über die Chaostheorie zerbrechen sich manche Leute den Kopf, weil sie das nicht so richtig verstehen. Dabei ist es, wie viele leidgeprüfte Menschen wissen, sehr einfach: wo ein Chaos ausbrechen kann, wird es das aller Wahrscheinlichkeit auch tun. Zum Beispiel im Kleiderschrank. Idealerweise sind da Pullover, Shirts und andere Kleidungsstücke schön gestapelt, je nach Farbe, Beschaffenheit oder vielleicht auch nach Material.

Das sind dann so hübsche Textiltürmchen, die einem das Gefühl geben, ein ordentlicher Mensch zu sein. Es sieht sehr gut aus und vermittelt eine gewisse Sicherheit. Da die Realität nicht selten vom Ideal abweicht, wird der Blick beim Herausholen eines Kleidungsstückes immer gequälter, da es sich weniger um säuberliche Stapel als um unordentliche Haufen handelt.

Zwar wird durchaus im regelmäßigen Turnus aufgeräumt im Schrank, um das Ideal einigermaßen herzustellen, aber das hält nicht lange vor. Man ist in Eile - man trägt eine bestimmte Hose, zu der man ein bestimmtes Shirt braucht. Das allerdings befindet sich nicht etwa obenauf auf einem Stapel, sondern eher ziemlich unten. Also wird es herausgezogen und die Schranktür zugeknallt - man ist, wie schon gesagt, in Eile.

Passiert das nur zwei- bis dreimal hintereinander, haben wir wieder diese zusammengesunkenen Haufen im Schrankfach. Das gilt auch für die - in der Theorie - schön aufgehängten Hemden und Blusen. Nachdem man aber das gesuchte Stück schnell vom Bügel gerupft hat, weil man ... richtig: wieder mal keine Zeit hatte - rutschen andere Teile ebenfalls von ihren Hängern. So kommt zum Chaos noch der Dominoeffekt hinzu, was die Sache nicht einfacher macht. Und schon nach kurzer Zeit suchen wir verzweifelt nach einer Bluse, die sich nicht finden lässt, weil sie irgendwo dazwischengerutscht ist.

Wo sich viele einzelne Teile zusammenfinden, wird dem Chaos der Weg geebnet - ach was, es wird geradezu eingeladen. Schreibtische zum Beispiel sind ein geeignetes Forschungsobjekt für jeden Chaostheoretiker. Natürlich gibt es herrlich aufgeräumte Arbeitsflächen. Heftklammern, Klebestreifen und Stifte befinden sich in den dafür vorgesehenen Utensilos, Scheren und Brieföffner selbstverständlich auch. Fein geordnete kleine Blöckchen warten auf die Notizen, die darauf stehen werden, und ein oder mehrere Kugelschreiber sind im Notfall zur Hand. So sieht es aus, bevor das Chaos hereinbricht. Denn während man mit einer Hand den Drucker startet, klingelt das Telefon.

Die Notizblöcke sind irgendwie unter der täglichen Post verschwunden, und deshalb kritzelt man die Telefonnummer, die übermittelt wird, auf ein altes Briefkuvert ... das heißt, man würde, fände sich ein Kugelschreiber, der funktioniert. Was man in die Hand bekommt, ist ein ungespitzter Bleistift. Eine Hand fummelt aber noch am Drucker, der eine leere Farbpatrone meldet. Das Telefon zwischen Schulter und Backe eingeklemmt, wühlt man hektisch die sich wie aus dem Nichts bildenden Papier- und Bananenschalenhaufen (wo kommen die eigentlich her?) durch und einigt sich dann auf einen Rückruf. Da man die halbleere Kaffeetasse dann auch umgestoßen hat - sie war von einem Ordner verdeckt - muss man wichtige Briefe und die Tastatur vor dem ausgelaufenen Kaffee retten. Dabei wird die leere Farbpatrone vergessen, bis zu dem Zeitpunkt nämlich, an dem man wirklich dringend etwas ausdrucken muss.

Schreibtische und Chaos gehören zusammen. Es gibt einfach zu viele Einzelteile, die man dringend braucht. Wieso man allerdings beim monatlichen Entmüllen des Arbeitsplatzes papierkorbweise Abfall entsorgen kann, bleibt ein Rätsel - ein immer nachwachsendes Rätsel. Doch tatsächlich gibt es ordentliche Kleiderschränke, Schreibtische, Küchenarbeitsflächen ... sogar solche, die es bleiben. Bei anderen Leuten zum Beispiel. Wahrscheinlich kennen die ein Geheimnis, das sie nicht teilen wollen. Oder sie sind einfach ordentliche, organisierte Menschen. Ordnungstheoretiker eben. Beneidenswert.

© Text zu "Chaostheorie für Fortgeschrittene": , 2014. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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