Glaubensschwester sucht Glaubensbruder

Kurzgeschichte von Heidrun Böhm

Buch lesen: Glaubensschwester sucht Glaubensbruder

Der Zug, in den ich erwartungsvoll eingestiegen war, ratterte in gleichmäßigem Takt über die Schienen. Das Raucherabteil war voll besetzt. Nervös zündete ich mir eine Zigarette an, ich hatte an diesem Wochenende viel vor. Ich wollte nach Mainz zu meinem Vater.

In einer anspruchsvollen Frauenzeitschrift waren Frauen gesucht worden, die ihren Vater erst als Erwachsene kennengelernt hatten. Da ich zu diesen Frauen gehörte, schrieb ich an die angegebene Adresse. Bald darauf wurde ich zu einem Fototermin mit meinem Vater nach Mainz gebeten. Ich war sehr zufrieden mit mir. Andere Leute verreisten auf eigene Kosten. Ich ließ mir die Fahrkarte von der Redaktion bezahlen.

Lässig lehnte ich mich in meinem Sitz zurück, zupfte an meiner neuen schicken Lederjacke und schlug elegant die Beine übereinander. Trotzdem hatte ich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Ich war nervös.

Ein sehr gut gekleideter Mann, der mir schräg gegenüber saß, fiel mir auf. Er steckte in Anzug und Weste, seine Hose hatte tadellose Bügelfalten und auch sonst war er auf Hochglanz poliert. Innerhalb kurzer Zeit ging er, mit einer Dose Haarspray bewaffnet, dreimal zur Toilette. Seine ohnehin eng anliegenden blonden Locken bedurften scheinbar einer besonderen Pflege. Dann setzte er sich auf seinen Platz und schlug ebenfalls die Beine übereinander. Seine blauen Augen hefteten sich an mir fest. Mit langsamen, betont lässigen Bewegungen zog er ein Pfeifchen aus der Westentasche und zündete es an. Ich fühlte, er beobachtete mich. Ich sah demonstrativ zum Fenster hinaus, um ihm mein Desinteresse an seiner Person zu zeigen.

Während grün gelbe Herbstwälder und rotweiße Häuschen an mir vorbei flogen, kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn dieser Mann ein Fotograf, oder gar ein Redakteur war? Vielleicht war heute mein Glückstag und ich wurde endlich als die Frau entdeckt, die ich in meinen geheimsten Träumen war. Ich sah mich als Glossen und Satireschreiberin in einer bekannten Zeitschriftenredaktion. Sogar Elke Heidenreich erwähnte mein humoristisches Talent lobend in ihrer Fernsehsendung.

Als meine Werke zu einem Buch zusammengefasst wurden, das natürlich ein Bestseller war, hielt der Zug an der nächsten Bahnstation.

Mir gegenüber saß plötzlich der Mann mit der Pfeife. "Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken", sagte er höflich. "Ich werde auch sofort wieder gehen. Doch wenn Sie mir eine Frage beantworten könnten, wäre ich sehr dankbar." So lässig wie möglich zog ich meine Lederjacke zurecht und zupfte meine Haare in irgendeine Richtung. Verdammt, warum hatte ich nicht noch mal in den Spiegel gesehen! "Nun gut, wenn es Ihnen nützt", antwortete ich mit cooler Stimme.

"Ach, es nützt mir sehr. Sie ahnen nicht, wie es mir geht. Doch ich wusste nicht, ob ich es wagen sollte, Sie anzusprechen", lamentierte er. Ein schrecklicher Verdacht kam in mir auf. Ich dachte daran, dass ich diesen Zug in dreißig Minuten verlassen musste, und sah mich schon mit einer Versicherungspolice oder dem Abonnement für eine Zeitschrift aussteigen.

Der Mann zog heftig an seiner Pfeife. Seine Hände zitterten. Dichte Rauchwolken hüllten sein Gesicht ein. "Darf ich Sie fragen, wie groß Sie sind?" "Ungefähr ein Meter sechzig", antwortete ich verblüfft. Er nickte bedächtig und musterte mich. War er doch ein Fotograf? "Darf ich auch wissen, wie viel Sie wiegen?" "Vierundfünfzig Kilo", sagte ich großzügig. Zwei oder drei Kilo würden bestimmt nicht ausschlaggebend sein.

Der Mann zog heftiger an seiner Pfeife. Der Tabakrauch stieg mir in die Nase. Ich musste niesen.

"Entschuldigung", sagte er, während sich seine festgeklebten Haare langsam aufstellten. "Vierundfünfzig Kilo", wiederholte er. Seine Mundwinkel fielen nach unten. Trotz meiner fantastischen Vorstellungen verlor ich die Geduld. "Was wollen Sie von mir?", fragte ich. "Das ist so", der Mann griff mit zitternden Fingern in seine Brusttasche, zog einen zerknitterten Brief heraus und hielt ihn mir unter die Nase. Am Briefkopf war eine Bekanntschaftsanzeige befestigt, auf der stand: "Glaubensschwester sucht Glaubensbruder". Sein Gesichtsausdruck ähnelte dem eines Schafes, das seine Herde verloren hat.

"Ich bin der Bruder, welcher der Schwester auf ihre Anzeige geantwortet hat", erklärte er. Das unangenehme Gefühl in der Magengegend verwandelte sich in eine mühsam zurückgehaltene Lachsalve. Ich blies die Backen auf und räusperte mich laut.

"Heute findet das erste Rendezvous statt", sagte er. Verständnis heuchelnd sah ich auf seine zitternden Hände. "Und nun sind Sie sehr aufgeregt", stellte ich fest.

"Habe die halbe Nacht nicht geschlafen. Ich brauche wieder eine Frau, bin schon zwei Mal geschieden, dieses Mal muss es klappen", stammelte er. "Dabei kann ich Ihnen nicht helfen", sagte ich. Aber der Mann hörte nicht auf mich, sondern fuhr mit seiner Litanei fort.

"Die Frau ist so groß wie Sie, wiegt aber fünfundsechzig Kilo. Und sie hat mir am Telefon gesagt, sie habe einen großen Busen. Meinen Sie, dass sie sehr dick ist? Außerdem hat sie eine halbe Stunde lang mit mir telefoniert. Ist es möglich, dass sie das Geld nicht zusammenhalten kann?", bohrte er weiter.

Die mühsam zurückgehaltene Lachsalve stieg wieder auf, meine Augen tränten, ich suchte vergeblich nach einem Taschentuch. Der Mann stocherte in seiner Pfeife. "Ich hatte gehofft, sie sähe Ihnen ähnlich", sagte er mit niedergeschlagenen Augen.

"Frauen telefonieren gerne mal länger. Außerdem sind zehn Kilo mehr, wenn sie richtig verteilt sind an einer Frau nichts Nachteiliges", antwortete ich diplomatisch, ohne auf seine vorherige Bemerkung einzugehen.

"Übrigens, was ist eine Glaubensschwester?" Da ich diesen Ausdruck noch nie gehört hatte, interessierte es mich. "Wir gehen einmal die Woche zur Kirche, stehen also im Glauben", erklärte er. Sein Schafblick wurde intensiver. Zögernd wiederholte er: "Ich brauche eine Frau." Ich begriff nicht, was er wollte. Ich sah ich mich im Geiste immer noch in der Redaktion der Frauenzeitschrift sitzen.

"Und deshalb wollte ich Sie fragen, ob ich Sie anrufen darf, wenn es mit der Glaubensschwester nicht klappt."

"Nein, das dürfen Sie nicht", antwortete ich energisch und schoss empörte Blicke auf seine blauen bittenden Augen und die Bügelfalten ab. Als Ersatz für eine großbrüstige Glaubensschwester war ich mir zu schade.

Seine Haare standen wieder in allen Richtungen vom Kopf ab. Große Schweißperlen standen auf seiner Stirn, dunkle Rauchwolken entwichen seiner Pfeife.

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Er starrte mich schweigend an. "Ich muss an der nächsten Station umsteigen", sagte ich, griff nach meiner Tasche und flüchtete mich auf die Toilette. Dort betrachtete ich mich im Spiegel und lachte so lange, bis der Zug in Stuttgart angekommen war.

Der Zug nach Mainz stand auf dem Bahnsteig gegenüber. So schnell es ging suchte ich mir einen Platz darin, denn der Glaubensbruder verfolgte mich und setzte sich wieder in dasselbe Abteil, dieses Mal aber hinter mich. Dort rutschte er wieder nervös auf seinem Sitz hin und her, ging noch ein paar Mal mit seinem Haarspraydöschen zur Toilette und würdigte mich keines Blickes mehr. Schließlich hatte ich ihm eine Abfuhr erteilt, wo er doch so dringend eine Frau brauchte. Kurz vor mir stieg er mit käsig bleichem Gesicht aus dem Zug.

Ich werde nie erfahren, ob er die richtige Glaubensschwester gefunden hat. Doch wenn sie nicht allzu viel wiegt, nicht verschwenderisch ist und scharfe Bügelfalten machen kann, stehen die Chancen für sie gut.

Übrigens hat die Illustrierte den Fototermin eingehalten. Mein Vater und ich wurden zwei lange Stunden durch eine Parkanlage gejagt und abgelichtet. Trotzdem ist der Artikel nicht erschienen. Man kann eben nicht alles haben.

Hinweis: Die Kurzgeschichte "Glaubensschwester sucht Glaubensbruder" ist in der Anthologie Mein Zeichen ist ein Feuerscheit im Rediroma-Verlag 2008 erschienen.

© "Glaubensschwester sucht Glaubensbruder" - Kurzgeschichte und Foto von Autorin Heidrun Böhm; zur Autorenseite von Heidrun Böhm bei Amazon

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