Aurora Sea: Todeskampf

Leseprobe aus dem Fantasy Roman von Nadine Stenglein

Buch der Autorin Nadine Stenglein

Auf dem Nachhauseweg musste ich dennoch wieder an die Kurznachrichten denken, die ich von dem Unbekannten erhalten hatte. Was wenn doch etwas dran war? Wenn es stimmte und er wirklich ...?

Ich seufzte und musste den Kopf über mich selbst schütteln. Nein, wahrscheinlich hatte Mel recht. Ich ging ein wenig schneller, weil ich fror und ich mich nach Tante Tillis Gesellschaft sehnte. Ihre Gegenwart war für mich gleich einer wohlig warmen Decke, die mir Schutz bot vor den Widrigkeiten des Schicksals, weil sie die Einzige war, die meine innere Traurigkeit am besten auffangen konnte.

Wenig später konnte ich bereits das Reetdach unseres Hauses hinter den Dünenhügeln aufblitzen sehen. Ich dachte an die Großstadt, in der ich vorher mit meinen Eltern gewohnt hatte.

In meiner Anfangszeit auf Sylt hatte ich ihren lauten Atem vermisst, der hektisch durch die Straßen pulsierte und nie verebbte. Mit der Zeit jedoch hatte ich ihn beinahe vergessen und die Freiheit lieben gelernt, die mir die Insel bot.

Plötzlich hörte ich den Klingelton meines Handys - ein James-Blunt-Song. Hatte ich es nicht abgeschaltet? Mein Herz begann wild zu pochen, als ich danach griff, es herauszog und einen Blick auf das Display warf. Mr. Unbekannt hatte mir geschrieben.

Langsam wurde das Ganze mehr als unheimlich. Für einen Augenblick überlegte ich, die Nachricht zu ignorieren, entschied mich letztendlich aber dagegen und las.

Keine Antwort von dir. Ich kann es dir nicht verdenken. Doch tu mir einen Gefallen. Geh an den Strand und lausche den Wellen. Deine Mutter hat sie gebeten, dir ein Lied zu schicken, das sie dir als Kind oft vor dem Schlafengehen vorgesungen hat. Hin und wieder habt ihr es auch gemeinsam gesungen, sagte mir deine Mutter. Und die Stimmen, die hast du doch sicher schon mehrfach gehört. Bitte, Emma! Vertrau mir. Wir sind noch da! Gib uns nicht auf! Ich weiß, dass das alles schwer zu glauben ist. Ich kann nicht mehr schreiben. Wenn sie es entdecken - nicht auszudenken. J.

Meine Schläfen begannen, mit meinem Herzschlag um die Wette zu pochen. Konnte Piet sich so etwas wirklich ausdenken? Und woher sollte er wissen, dass ich manchmal einen Gesang zwischen den Meereswellen hörte? Und wer um alles in der Welt waren "sie", wem gehörten diese Stimmen?

Auf einmal war die Kälte, die mich bis dahin eingehüllt hatte, verschwunden und ich begann zu rennen. Auf dem Weg zum Strand überschlugen sich meine Füße beinahe.

Irrsinn oder nicht, ich musste wissen, ob es stimmte. Lebten Mom und Paps etwa noch? Waren sie Gefangene - irgendwo? Neue Hoffnung tat sich auf und ich schwor, würde sich doch ein Scherz hinter allem verbergen, würde ich denjenigen finden und ihm eine gehörige Lektion erteilen.

Luftholend hielt ich dicht am Strand inne und starrte aufs Meer hinaus. Sanfte Wellen rollten heran, es war fast windstill. Himmel und Wasser verschmolzen miteinander, sie hatten an diesem Tag die gleiche zartblaue Farbe.

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Ich schloss die Lider und lauschte. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten. Nichts Ungewöhnliches war zu hören. Dennoch harrte ich voller Hoffnung weiter aus.

"Da bist du ja wieder, Schatz." Ich drehte mich zu meiner Tante um, die auf der Veranda stand und zu mir herübersah.

"Ich komme gleich", antwortete ich und wollte gerade den Rückzug antreten, da hörte ich es. Erst leise, dann immer lauter. Ein helles Summen, so schön, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

Ich kannte die Melodie. Sie gehörte tatsächlich zu dem Lied, das meine Mutter und ich meistens beim Zubettgehen zusammen gesungen hatten, als ich noch ein kleines Mädchen war. Sie liebte meine Stimme, wenngleich ich sie wenig besonders fand. Aber es machte mir immer Spaß, mit ihr im Duett zu singen. Manchmal sang ich auch gerne alleine, nur so vor mich hin, am liebsten, wenn ich am Strand entlangspazierte.

Bilder aus längst vergangener Zeit stiegen in mir auf. Ich sah Mom direkt vor mir, ihre glänzenden, großen Augen, mit denen sie mich ansah. Ich glaubte sogar, ihr Parfum zu riechen. Sie duftete immer nach Veilchen und Vanille. Tiefer und tiefer sank ich in die Vergangenheit und es war mir, als spüre ich alle Liebkosungen meiner Eltern auf einmal auf meiner Haut. Die Sehnsucht nach ihnen war größer als das Universum, größer als jede Vorstellung.

Erst das Surren des Handys riss mich aus meiner Gedankenwelt. Mein Herz machte einen Satz. Eine neue Nachricht von Jamie. Meine Hände waren so feucht vor Aufregung, dass mir das Handy fast aus den Fingern glitt. Der Gesang erlosch.

Hast du es gehört? Es ist wahr, was ich dir schreibe. Und bitte - halt dich vom Meer fern, Emma! Ich melde mich bald wieder.

In mir tobte ein Orkan, der meinen Verstand völlig durcheinanderfegte. Das Ganze war real, ich hatte den vorhergesagten Gesang wirklich gehört und langsam änderte sich meine Meinung. Das alles konnte kein Scherz sein. Vor Aufregung schaffte ich es kaum, Jamies Nummer für einen Rückruf zu aktivieren.

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Verdammt, ich musste mit diesem Jungen sprechen. Es war zum Verrücktwerden - die Verbindung schlug abermals fehl. Wieder und wieder probierte ich eine Verbindung herzustellen - ohne Erfolg. Das durfte doch nicht wahr sein!

Ich ließ das Handy sinken und schrie voller Verzweiflung aufs Meer hinaus: "Dann sagt mir, wo ihr seid. Bitte! Wie kann ich euch helfen, wenn ich euch nicht erreichen kann?"

Ich ließ mich auf die Knie fallen und robbte voran, da fielen mir Jamies Worte wieder ein. Ich sollte mich vom Meer fernhalten. Warum? Hatte meine innere Stimme recht? Gab es da draußen etwas, das mir meine Eltern gestohlen hatte? Wenn dem wirklich so war, wer steckte dahinter?

Ich rief mir jedes Wort, das Jamie mir bisher geschrieben hatte, in Erinnerung. Es waren Worte, aus denen große Angst und Verzweiflung sprach. Einfach hier zu stehen und nichts tun zu können außer Abwarten, machte mich beinahe wahnsinnig.

Ich steckte das Handy ein, ohne es abzuschalten. Im Hintergrund hörte ich Tillis Stimme. "Meine Güte, Georg. Du siehst ja schrecklich aus. Was ist denn passiert?"

Ich drehte mich zu ihr um. Georg stieg in gebeugter Haltung die Treppe zur Veranda hoch, auf der meine Tante weilte. Sie streckte ihm die Hand entgegen, denn er schien jede Sekunde in sich zusammenzusacken.

Er sagte etwas zu ihr, aber ich verstand nicht was. Seltsam! Ich rappelte mich auf, während Mathilda nach mir schrie, weil sie Hilfe brauchte. Sofort eilte ich zu den beiden. Georg sank auf die Knie und presste eine Hand gegen den Brustkorb. Er rang nach Luft. Sein faltiges Gesicht war aschfahl und auf seiner Stirn glänzte Schweiß.

Tilli und ich tauschten entsetzte Blicke. Gemeinsam zogen wir ihn ein wenig hoch und brachten ihn ins Haus. Vielleicht hatte er einen Herzanfall. Das Adrenalin jagte noch schneller als vorhin durch meine Adern. Innerlich betete ich für Georg. Ich mochte ihn, auch wenn seine Art manchmal so rau war wie das Wattenmeer.

"Ich konnte ihnen nicht helfen. Verdammt noch mal", stammelte Georg, als wir ihn auf Tillis giftgrüne Samtcouch hievten. Noch nie hatte ich ihn so aufgewühlt gesehen. Er griff nach Mathildas Händen und drückte sie fest. Dabei zitterte er am ganzen Leib.

"Beruhige dich, Georg. Was ist denn passiert?", fragte sie ihn. Inzwischen glich ihre Gesichtsfarbe der von Georg, der nach Krabben und Seetang roch. Er trug noch immer seine Fischerkluft. Da draußen musste etwas Schreckliches geschehen sein. Ein mehr als ungutes Gefühl durchzog meinen Magen und ließ ihn grummeln.

Georg schnappte nach Luft, als wäre er gerade aus den Tiefen des Meeres getaucht und riss die Augen auf. In ihnen lag ein Ausdruck, der mich frösteln ließ. Pures Entsetzen!

"Wir waren mit dem Kutter und einem kleineren Boot draußen. Lief erst alles wie immer. Dann plötzlich ein Geschrei von Olles Boot aus, das mir bis ins Knochenmark fuhr. Er, Sören und Benedict waren ein paar hundert Meter von meinem Kutter entfernt. Sie wollten die Netze prüfen, weil sich irgendwas Größeres drin verheddert zu haben schien."

Er holte abermals Luft und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, sah ich, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Für einen Moment ließ er Tillis Hand los und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Dann suchte er erneut ihre Hände, aber dieses Mal war sie schneller und ummantelte seine mit ihren. Wir hingen beide an Georgs bebenden Lippen.

"Das Boot begann zu schaukeln wie bei hohem Wellengang. Die Jungs beugten sich über den Bootsrand. Sie schrien durcheinander. Ich verstand nur, dass sie einander zuriefen, man müsse es töten. Ich machte mich sofort auf den Weg zu ihnen, doch der Kutter sprang erst nach ein paar Versuchen wieder an. Verdammtes Ding!"

Für einen Augenblick biss er die Zähne wütend zusammen und erlag danach erneut seiner Verzweiflung.

"Ich sag euch, was dann geschah, war so grauenhaft. Sören griff nach einer Harpune, während ich ihm und den anderen zurief. Sie gaben mir keine Antwort. Ich sah, dass erst Benedict und gleich darauf Olle über Bord gingen. Das Wasser um das Boot herum schäumte nur so. Sie kämpften dort mit irgendwas. Ich werde ihre Schreie nie vergessen. Gott, es war, als hätte sich die Hölle über dem Meer aufgetan."

Er wischte sich das schweißnasse Gesicht mit einer Hand. "Sören beugte sich über den Rand des Bootes und stieß mit der Harpune zu. Wieder und immer wieder. Wie ein Wahnsinniger."

Mathilda und ich waren wie erstarrt. Das alles klang wie aus einem Horrorfilm. Georgs Stimme wurde immer undeutlicher. Es fiel ihm schwer, noch Worte über die Lippen zu bekommen.

"Dann wurde das Wasser ums Boot herum rot. Ich hörte ein Quietschen, das mir in den Ohren wehtat. Das war nichts Menschliches. Von Olle und Ben war nichts mehr zu sehen. Etwas schien sie nach unten gezogen zu haben. Sören rief, da sei noch so ein Ding und stieß mit letzter Kraft die Harpune erneut ins Wasser. Endlich sprang der verdammte Kutter an. Als ich ankam, rettete sich Sören sofort auf den Kutter."

Georg drehte den Kopf zur Seite. "Mein Gott!"

"Mein Gott!", wiederholte meine Tante seine Worte wie in Trance.

"Benedict und Olle ... Sie tauchten plötzlich wieder auf. Rücklings im Wasser treibend, die Augen weit aufgerissen. Sie lebten."

"Gott sei Dank", stieß Tilli aus, doch Georg schüttelte den Kopf und sah sie an. Ich schlug eine Hand vor den Mund.

Ich kannte Olle und Benedict seit Jahren. Sie gehörten zu Tinnum wie die Fische zum Meer. Zwei muskelbepackte, gesunde Männer, Mitte 50, verheiratet und Väter von tüchtigen Jungs. Waren sie nun etwa tot? Ich musste schlucken, doch der Kloß, der in meinem Hals steckte, ließ sich nicht vertreiben.

"Ihre Leiber waren brutal zugerichtet. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Ich ... werde den Anblick mein Lebtag nicht vergessen können. Meine Freunde, getötet von einer Bestie."

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© Bei der Autorin Nadine Stenglein bedanken wir uns für die Leseprobe "Aurora Sea: Todeskampf" sowie die Abbildung des Buchcovers.

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