Hexentanz auf dem Blocksberg

Essay

Hexentanz

Die Nacht auf den ersten Mai ist angebrochen und jeder gottesfürchtige Mensch schließt die Läden und verrammelt die Tür. Ein Wind kommt auf und lässt die Hufeisen, die an die Pforten genagelt sind als Schutz vor Hexen und Dämonen, klappern und gegen das Holz schlagen.

Die Dunkelheit fällt und der Wind wird stärker. In den Stuben drängen sich die Menschen aneinander und beten, während der Wind zum Sturm wird und Stimmen mit sich bringt. Da ist erst ein Flüstern und dann Schreien, ein Gejohle und Gekreische, und der Mond verdunkelt sich. Mit Brausen und Blitzen rauscht es über die Wipfel - es sind die Hexen, die zum Tanzplatz fliegen auf ihren Reisigbesen zum unheiligen Sabbat des Bösen. Und wehe dem, der sie sieht.

Halt. Jetzt erst einmal die Filmrolle wechseln.

Wiederum die Nacht auf den ersten Mai, die Bewohner des Dorfes gehen den Berg hinauf zu dem Heiligtum im Wald. Der ganze Tag war mit Festlichkeiten erfüllt, es ist das Frühlingsfest. Die Natur hat den langen Schlaf hinter sich und gebiert wieder aufs Neue. Nach dem Winter sind alle erleichtert, das Leben wird wieder ein wenig leichter.

Überall im Land lodern die Maifeuer und je nach Stamm oder Region wird der Tag und die Nacht begangen. Die "Zaunreiterinnen" der Germanen, die Hagazussen, befragen im heiligen Hain das Orakel, was das Jahr bringen wird an Gutem oder Schlechtem. Die Kelten begehen das Fest ähnlich. Überall wird gesungen und gefeiert - überall ist der Sinn derselbe: die Begrüßung des Lebens.

Aber die Mönche der Christen kommen ins Land und verbreiten ihre Lehre des Lichtes. Ihre Botschaft ist die Ausschließlichkeit, alle Kraft und alles Leben kommt von dem einen Gott.

Die neue Lehre verbreitet sich, die Heiligtümer vereinsamen in den Wäldern und Hainen, die weisen Männer und Frauen werden misstrauisch beäugt. Im Schutz der Dunkelheit klopft man immer noch an die Türen der Heiler und Besprecher, wenn Mensch oder Vieh krank geworden sind. Die Kirche hat an Macht gewonnen und beginnt, die alte Ordnung zu demontieren.

Wo man früher mit den Geistern der Natur im Einklang war, treiben nun Teufel und Dämonen ihr Unwesen und die Orte sind verflucht. Das alte Wissen gilt als Einflüsterung des Teufels und ist zu meiden. Der Reisigbesen, seit jeher ein Symbol der Reinigung und des damit verbundenen Schutzes, wird gar zum dämonischen Beförderungsmittel.

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Nach der dunklen Zeit der Verfolgung der "Hexen" brach eine neue Karriere an: die hässliche Alte mit der Warze auf der Hakennase. Wahlweise mit einer schwarzen Katze oder einem Raben auf der schief gewachsenen Schulter. Gut für Märchen, einiger DEFA-Filme, und als fragwürdiges Erziehungsmittel, da traditionell zarte Kinder auf dem Speiseplan der Hexen ganz oben stehen. Und auch heute noch ist das Verbrennen in den Märchen und Sagen Programm.

Eine Variante der fürchterlichen Alten ist so etwas wie eine Barbiepuppe in hautengem geschlitzten Kleid ohne allzu viel Stoff, den Spitzhut leicht schief auf den feuerroten Locken und lässig den Besen haltend, eine Hand in der Hüfte gestützt. Das ist das erotische Modell für Männer, die es ein wenig frecher mögen. In diesem Zusammenhang ist der Ausspruch "sie ist eine richtige Hexe" als Kompliment zu verstehen.

Der neueste Stand in Sachen Hexerei sind die "Neuen Hexen". Frauen und Männer, die nach einem langen Blick auf die Zivilisations- und Glaubensgeschichte neue Wege suchen und dafür die alten erforschen. Naturheilkunde und die Rückbesinnung auf ganzheitliche Heilungsverfahren und Therapien, sowie das Aktivieren innerer Kräfte sind ein Merkmal der Bewegung. Warzen und schwarze Tiere sind nicht zwingend notwendig.

So gesehen könnte sich der Kreis langsam schließen, denn viele Menschen besuchen die Blocksberge und Hexentanzplätze in dem Bewusstsein, ein altes Naturheiligtum vor sich zu haben. Die Natur als einen Teil von uns selbst wirklich erfahren, sich einfach darauf einlassen und genießen ist ganz bestimmt ein schönes Erlebnis.

Merke: Im Einklang sein mit sich und der Welt ist keine Hexerei. Hexentanz

© Text zum Essay "Hexentanz auf dem Blocksberg": , 2009. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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