"Feuerhaut" - Leseprobe von Marcus Richter

Die Horror- und Phantastik-Anthologie "Zwielicht II"

Horror- und Phantastik-Anthologie Zwielicht II

"A ssejfer on a hakdome is wi a guf on a neschome."
Ein Buch ohne Vorwort ist wie ein Körper ohne Seele.

Als der Besucher das Zimmer betritt, hört er des Kinderatems Flüstern. Der kleine Brustkorb hebt und senkt sich wie ein Uhrwerk. Wie ein kleiner, prustender Mechanismus.

Ein und aus, wispert's aus den Lungen.

Ein und aus.

Und er lauscht und riecht den warmen Atem, der von den schmalen Lippen fort geblasen wird.

Macht einen großen, gespreizten Schritt und bleibt plötzlich starrend stehen, als das Kind sich einen Augenblick im Schlaf bewegt. Und sieht sich um.

Der Kleiderschrank steht offen, und die Schnürsenkel kleiner Schuhe lugen heraus. Auf dem Tisch am Fenster steht ein Glas mit Wimpeln. Eine Autorennbahn, ein Schaukelpferd, daneben ein Ball, hingerollt.

Er betrachtet alles sehr aufmerksam und wendet den Kopf abermals dem Jungen zu, der schon wieder ruhig seinen heißen Atem bläst. Dann macht er einen zweiten Schritt, noch gewaltiger als den ersten, legt die Hand an die Bettdecke und zieht sie vorsichtig zurück.

Dann das Benzin. Ganz langsam. Ganz vorsichtig aufgeträufelt. Die Pupillen des Kindes bewegen sich unter den Augenlidern hin und her, während er die Flüssigkeit wie Weihwasser verteilt. Von rechts nach links. Wie das Pendel einer Uhr, die die Sekunden rückwärts zählt.

Und Stille; seelenruhige Stille.

Er hebt die Hand und schnippt mit den Fingern.

"Es werde Licht, mein Kind", flüstert er und beugt sich über das ahnungslose Bündel, das langsam aus dem Schlaf erwacht.

"Es werde Licht ..."

"Geh einfach, Gaspar."

Elli hat sich von ihm abgewandt, bevor er sie mit den Fingerspitzen berühren kann.

Alans Hand fährt ihm kraftvoll in den Unterarm.

"Lass sie in Ruhe!" Sein englischer Akzent ist Gaspar schon immer auf die Nerven gegangen.

"DU WICHSA NIMMST SIE MIR NICHT WEG!!"

Einen Augenblick versucht sich Gaspar gegen Alan zu stemmen und die kraftvollen Unterarme auseinander zu brechen. Aus dem linken Auge weint er, als Alan seine Gegenwehr zum Erliegen bringt.

"Geh einfach, Gaspar", flüstert Elli, ohne ihn anzusehen.

Gaspars Augen funkeln wütend zu Alan, dann zu Elli und schließlich auf seine vernarbten Hände, die manchmal so tot und metallisch wirken wie die des Terminators.

Gaspar sieht zur Seite.

"Sag mir, dass es nicht mein Gesicht ist, Elli. Sag, dass ich ein Mistkerl bin und deine Freundschaft nicht verdient habe."

"Aber das hast du!"

Gaspar spürt eine Wut in sich aufsteigen, die einem Feuer gleicht.

"SAG ES!", zischt er.

"Hör auf, Gas!"

Gaspar macht einen Schritt auf sie zu und ängstlich zuckt die junge Frau zusammen.

"Mistkerl", schreit sie plötzlich. "Elender Mistkerl!"

Sie bricht in Tränen aus, verliert den Halt und Alan greift sie gerade noch bei den Schultern und drückt sie an sich.

"Es reicht jetzt", sagt er leise und bedrohlich, als Gaspar zur Schrankwand geht und seine Skimaske aus dem Regal reißt.

Er streift sich die schwarze Wollmaske über den Schädel, so dass nur noch die Augen zwischen den Schlitzen zu sehen sind.

"Ich hätte sie niemals abnehmen sollen, Elli", sagt er, während Elli vor Alan in die Knie geht und da sitzen bleibt.

Gaspar sieht den hoch aufragenden Alan, der sich nieder bückt und die zierliche Frau abermals in die Arme nimmt.

"Pass auf sie auf, Arschloch", flüstert Gaspar und zeigt mit dem narbigen Finger auf ihn.

Dann dreht er sich um und flüchtet in die Nacht. ...

Wenn man etwas über das Feuer sagen kann, dann dass es schnell kommt und dass es nicht wartet wie ein Köter vor dem Haus, an der Leine. Ein Bullterrier kann sich von seinem Herrn innerhalb eines Augenblickes losreißen und ist in wenigen Sekunden über dir, beißt sich fest, reißt dich zu Boden und geht dir dann an den Hals und ans Gesicht. Wie ein Schnappfrosch schlägt das Gebiss vor deinen Augen wieder und wieder zu, bis du nur noch Blut siehst und dann gar nichts mehr.
Blut siehst du beim Feuer überhaupt nicht und du riechst nur dich selbst und spürst, wie deine Haut zu schreien anfängt, während dir das Feuer die Luft aus den verdammten Lungen saugt.
Dann brennt es dort auch.
Es brennt überall an dir.

"Zwielicht II": History der Horror- und Phantastik-Anthologie

"Zwielicht II" erschien 2010 bei Eloy Ediction und wurde mit dem Vincent Preis 2010 als "Beste Anthologie" im Genre "Horror" und "Unheimliche Phantastik" ausgezeichnet. Seit 2017 ist es als Neuauflage erhältlich.

Das Titelbild entwarf Detlef Klewer, die Illustrationen wurden von Lothar Bauer beigesteuert. "Zwielicht II" ist hier als E-Book und als Taschenbuch erhältlich.

Als Bonus finden sich in der Neuauflage zusätzlich die Listen Horror 2008 und 2009 mit den deutschen Erstveröffentlichungen der erschienenen Horrorwerke. Und wie man unschwer erkennen kann, hat "Zwielicht II" ein neues Gesicht erhalten.

Die Magazin-Reihe "Zwielicht" und "Zwielicht Classic", die seit 2009 Kurzgeschichten und Textbeiträge in Taschenbuchform der Genres "Horror" und "Unheimliche Phantastik" bringt, wird von Autor Michael Schmidt herausgegeben.

Im Autorenprofil von Michael Schmidt finden Sie alle Bücher dieser Magazin-Reihe und noch viel mehr.

Geschichten in "Zwielicht II":
Christian Weis - Mia
Sabine Ludwigs - Kaltblütig
Peter Nathschläger - Exit Criteria
Martin Clauß - Das Idyll
Antje Ippensen - Eisig
Jakob Schmidt - Im Himmel
N.T. Neumann - Die Nacht der Kraniche
Walter Diociaiuti - Magic Potion
Markus Niebios - Pechmarie
Michael Schmidt - Der Tod ist dir sicher
Torsten Scheib - Motten
Lothar Nietsch - Unsterblich
Marcus Richter - Feuerhaut

Textbeiträge in "Zwielicht II":
Daniel Neugebauer - Twighlight Zone
Markus Mäurer - House of Leaves
Torsten Scheib - Repairman Jack
Michael Schmidt - Vincent Preis 2008 und 2009
Michael Schmidt - Horror 2008 und 2009 (nur in der Neuauflage enthalten)

© Dem Herausgeber und den beteiligten Autoren / Autorinnen danken wir herzlich für diese Leseprobe und das Coverbild, 10/2018.

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