Hugin und MuninErzählung von I. E. Schwartz |
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Der Stuhl steht nah am offenen Fenster, die Abendsonne hat noch ein wenig Gold übrig, das sie wie einen Gruß auf das schmale, hölzerne Sims legt. Der Alte sieht hinaus, aber sein Blick ist nicht auf das gerichtet, was vor dem Fenster liegt, sondern scheint sich in weiter Ferne zu verlieren. Ein Auge ist mit einem milchigen Schleier überzogen, so dicht, dass es wirkt wie aus Porzellan. Seine beiden Lieblinge sind auf seine Schultern gehüpft und schnäbeln freundlich am dünnen, weißen Haar des Mannes. Der neigt den Kopf abwechselnd dem einen Vogel zu, dann wieder dem anderen. Wer hier in diesem Raum wäre, könnte das leise Kichern und die geflüsterten Worte hören: "Ist das so?", und "Was gibt es noch, mein Guter?" Dann senken sich die Lider und der Mann seufzt tief auf, sein Atem geht schwer und ein wenig rasselnd. "Nein, das können sie doch nicht tun...", keucht er - ein im Selbstgespräch versunkener Greis.
Fernab von allen Menschen sitzt er hier und ist dazu verdammt, alles zu erfahren, was geschieht, alle Fäden im Muster zu sehen und seine Trauer darüber nicht beenden zu können. Seine Zeit wäre längst zu Ende gegangen, aber dann brach ein neues Zeitalter an... und es gab Maschinen, die Worte und Gedanken verbreiten konnten... immer neue Wunder kamen auf, bis Worte so schnell reisen konnten wie Gedanken. Und ein wahnsinniger Wirrwarr von Worten und Nachrichten wie ein Netz, das jede Stunde engmaschiger wird, die Erde bedeckte und sogar den Himmel einspann. Das war es, das ihn hielt, und das ihn daran hinderte, fortzugehen wie die anderen. Sein immer noch mächtiger Geist war fähig, diesen aufblitzenden und sternenzähligen Strängen zu folgen, sie zu lesen und das Muster zu erkennen - und dieses Unglück war sein Fluch geworden.
Der Alte verglich die Menschen, die Worte in die Maschinen strömen ließen, mit Narren, welche das Ei auf die Erde warfen und dann die Schale aufhoben und für wertvoll hielten. "Geblöke und zielloses Gekrakel um nichts und wieder nichts, und sie verderben die eigene Wohnstatt, die sie haben." Diese Worte zischte der Alte vor sich hin, dann setzte er die beiden schwarzen Vögel sachte auf die hohe Lehne seines Stuhles und erhob sich, um an das Fenster zu treten und es zu schließen. "Für heute soll Ruhe sein, morgen fliegt ihr aus und bringt mir, was ich schon wissen werde - ich wollte, ihr tätet es nicht." Dann setzte er sich wieder in seinen Stuhl, zu Hugin und Munin, den Raben des Odin, und starrte still in den dämmrigen Raum. © Ilona Elisabeth Schwartz für Pressenet Die Abbildung zeigt die zwei Raben Hugin und Munin auf Odins Schultern (Quelle: Wikipedia, Lizenz: gemeinfrei) Lesen Sie auch Eine ausgedachte Vorweihnachtsgeschichte
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