Zum Welt-Braille-Tag am 04. Januar

Zur Erinnerung an den Erfinder Louis Braille

Bücher lesen

Es sind Sommerferien, und der kleine Louis sitzt Stunde um Stunde in der Werkstatt seines Vaters und hantiert mit verschiedenen Werkzeugen und Lederstückchen. Er spielt nicht mit diesen Materialien, sondern er möchte etwas erschaffen, er hat eine kühne Idee. Es wird dämmrig draußen und in dem Raum wird es langsam dunkler, zu dunkel um etwas sehen zu können. Den Jungen berührt das nicht, denn ihm würde die hellste Lampe nichts nützen, er ist völlig blind.

Sein Leiden begann, als er vier Jahre alt war und sich ein Auge mit einer Ahle verletzte. Die aufkommende Entzündung griff auch auf das gesunde Auge über und zerstörte so die Sehfähigkeit des aufgeweckten Jungen, der sich mit der Beschränkung nicht abfinden will und einen Weg sucht, das Lesen für Blinde zu ermöglichen.

In der Schule für Blinde, die er besuchte, hatte ein Mitschüler ihn auf eine Idee gebracht, als er von geprägten Buchstaben erzählte, die er daheim auf einer Karte erfühlt hatte. Der Lehrer griff diesen Gedanken dankbar auf und ließ Drucke herstellen, die mit erhabener Schrift versehen waren. Der Nachteil dieses Verfahrens lag in der Größe der Lettern, denn sie mussten mindestens 2,5 Millimeter messen, um fühlbar zu sein.

Den jungen Louis Braille ließ der Gedanke nicht mehr los, für ihn und seine Leidensgenossen die Literatur zugänglicher zu machen, also nicht auf Vorleser angewiesen zu sein. Mit den Lederstücken, die er in geometrische Formen schnitt, kam er nicht so weit, wie er sich das gedacht hatte - nur eines wusste er mit ziemlicher Sicherheit: Die Antwort lag nicht in der allgemeinen Schrift, sondern in Symbolen, die man variieren konnte.

Aber das Schicksal meinte es gut und Louis machte die Bekanntschaft eines Artilleriehauptmannes, Charles Barbier mit Namen, der ihn die eigens für das Heer entwickelte "Nachtschrift" lehrte. Das System sollte es erlauben, in völliger Dunkelheit Nachrichten lesen zu können und war eine tastbare Variante. Die Schrift war allerdings recht kompliziert, da sie sich - außer kleinen Punkten - vor allem der Silben bediente, und taugte so nicht allzu gut für das, was Louis sich vorstellte. Also setzte er sich damit auseinander und vereinfachte die Schrift, indem er die Silben durch Buchstaben ersetzte.

Im Jahre 1825 hatte der junge Erfinder mit gerade eben sechzehn Jahren seine Blindenschrift konstruiert. Sie war logisch aufgebaut und einfach zu lernen, aber trotz der Vorteile konnte sie sich erst einmal nicht durchsetzen. Braille tat alles, um seine Schrift bekanntzumachen. Er übertrug die Werke des Dichters John Milton in Blindenschrift, um beweisen zu können, dass man recht schnell damit lesen könne. Doch man wollte oder konnte nicht glauben, was so offensichtlich war - man argwöhnte, er habe die Texte auswendig gelernt. Hinzu kam auch, dass der neue Direktor der Schule die Brailleschrift schlichtweg verbot unter dem Vorwand, die Blinden würden sich durch eine für Sehende nicht lesbare Schrift isolieren. Es ist anzunehmen, dass der Mann gerade das Gegenteil fürchtete ... eine nicht erwünschte Emanzipation der Blinden. Zudem war der Direktor selber Erfinder und wollte seine Konstruktion, eine Art Führmaschine für die Hand, eingesetzt wissen.

Doch viele Schüler benutzten die Brailleschrift weiter, die von ihrem Erfinder auch durch eine Notenschrift erweitert wurde. Louis spielte selber Orgel und wollte die Grundlage für Blinde schaffen, sich ihren Lebensunterhalt als Berufsmusiker zu verdienen. Der Blindenschrift ging es wie vorher - auch nach vielen im Grunde verblüffend einfachen, notwendigen und doch revolutionären Neuerungen wollte man sie nicht anerkennen. Aber trotz aller Widerstände setzte sie sich endlich durch und wurde 1850 an den französischen Blindenschulen als offizielle Schrift eingeführt, etwas später - im Jahre 1879 - auch in Deutschland, und schließlich in der ganzen Welt.

Louis Braille, der so unermüdlich gekämpft hatte, erlebte seinen späten Triumph leider nicht. Er starb mit dreiundvierzig Jahren an der Tuberkulose. Heute gibt es nichts, das nicht auch in Blindenschrift verlegt würde, von klassischer Literatur bis zu Fachbüchern und Lexika. Ein Buch in Braille ist sehr viel umfangreicher als eines in Normalschrift, so kommt zum Beispiel der Duden auf achtzehn Bände.

Um der Besonderheit Rechnung zu tragen, versendet die Deutsche Post Blindensendungen mit entsprechender Kennzeichnung portofrei. Was für die Sehenden selbstverständlich war, nämlich den Geist durch das Lesen zu erhellen, hat ein kluger Junge für Blinde ebenso möglich gemacht. Blindenschrift

© Text zum Welt-Braille-Tag am 04. Januar: , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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