Der Swing der JugendTanzen verboten im Deutschen Reich |
|
|
Aktuelles
|
Die Frau am Tisch schloss in gequälter Pose die Augen. "Sag du doch endlich einmal etwas, Karl." Der Angesprochene schob den Stuhl zurück und erhob sich, um mit seinem Sohn das Zimmer zu verlassen. "Lass gut sein, Mutter, die Haare sind nicht wirklich das Problem." Draußen, vor der Wohnungstür, sah er dem trotzig dreinblickenden jungen Mann in die Augen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Pass auf dich auf, Werner." Dann drückte er ihm einen Schein in die Hand.
Im Jahr 1941 waren öffentliche Tanzveranstaltungen mehr oder weniger verboten, vor allem aber solche, bei denen "Entartete Musik" gespielt wurde, und der Swing, Werners ganze Leidenschaft, wurde von den Machthabern so eingestuft. Es war die Musik, der Rhythmus und die Atmosphäre, die ihn anzogen, aber es war auch etwas anderes: die Rebellion gegen alles, was von der HJ beziehungsweise vom "Führer" kam. Gleichschritt, Drill im Zeltlager und deutsche Wanderlieder waren etwas, das auf einen anderen Planeten gehörte. Die Parties in den Swingkellern waren so etwas wie ein Ausbrechen aus der zunehmend graubraunen und bedrohlichen Realität. Seit man nicht mehr öffentlich swingen durfte, traf man sich eben privat. Zu den Swing-Boys und -Girls gehörten Jugendliche aus allen Schichten, das Gros machten allerdings die eher bürgerlichen Söhne und Töchter aus. Manche Eltern hatten Verständnis dafür, so wie Werners Vater - aber Angst hatten alle. Die "Swings" mit ihren unangepassten Klamotten und den trotzig benutzten Anglizismen wurden immer mehr als Gefahr angesehen. Das Abschneiden der Haare oder Prügel waren das Mindeste, was auf die Betroffenen zukam.
Die nichtpolitischen Swings änderten ihre Einstellung mit der Zeit, einige nahmen später Kontakt mit Gruppen wie der Weißen Rose auf. Die Mitglieder wurden vermehrt verfolgt, verhaftet und in Konzentrationslager überstellt, denn ihre Liebe zum Swing wurde als zersetzend angesehen. Diese Art Musik war mit Sicherheit das genaue Gegenteil von allem, was sich die damaligen Machthaber für die Jugend vorstellten. Nach dem Krieg, als die Trümmer mühsam fortgeräumt wurden, brachten die Besatzer genau das wieder ins Land, das man so verzweifelt versucht hatte auszusperren: den Swing und später den Rock 'n' Roll. Die Jungen, die überlebten, hatten die Nase voll vom Gleichschritt - außer auf der Tanzfläche. Lesen Sie auch Hammerhart (Erzählung)
Werden Sie Autor bei Pressenet und schreiben Sie Fachartikel. Info: Autor werden Hinweis: eBooks von Pressenet gibt es auf dem Portal xinxii.com. Bestellung auch direkt über uns möglich. |