Vorahnungen - ein leichter Schatten in meinen Gedanken

Kurzgeschichte

Vorahnungen: Die Zeit

Ich habe wieder eine dieser Vorahnungen, die mich ein- bis zweimal im Jahr heimsuchen, seit ich erwachsen bin. Heute Morgen war es noch wie ein leichter Schatten in meinen Gedanken und ich konnte es an den Rand drängen. Aber das funktioniert nur eine Zeit - dann wird aus dem grauen Schatten ein schwarzer Tunnel, an dessen Ende die Gewissheit steht: heute noch wird jemand sterben. Es ist immer gleich: Wenn ich zu Bett gehe, weiß ich noch nichts, aber am Morgen wache ich auf und zittere am ganzen Körper. Schweißgebadet bin ich und seltsam matt, so als käme ich aus der Sauna.

Meine Träume - ich erinnere mich nie an sie, aber sie müssen furchtbar sein, besonders die vor diesen Tagen. Und heute Morgen schleppte ich mich ins Bad, ich hatte diesen fad-süßen Geschmack auf der Zunge, wie von Blut. Alles dringt nur wie gedämmt zu mir, ich habe sekundenlang immer wieder diesen Tunnelblick, diesen Fokus, der auf die Schwärze gerichtet ist. Fast mechanisch ziehe ich mich an: Overall und Mütze, Gürtel mit dem Schlüsselbund und der Schraubenziehertasche. Während ich das tue, denke ich zwanghaft darüber nach, wie ich es vielleicht doch verhindern könnte, dass jemand stirbt - wenigstens dieses eine Mal. Aber wie soll ich das können? Ich weiß ja nur, dass jemand stirbt. Ich weiß auch, dass es in meinem Umfeld geschieht - aber wer es ist, das weiß ich nicht.

Als ich im Aufzug nach unten fahre, zum Erdgeschoss, starre ich verzweifelt auf die Etagenknöpfe. Zwölf Stockwerke, drei Wohnungen auf jedem. Es könnte jeder einzelne von den Bewohnern des Hauses sein - und ich müsste mich an die Fersen jedes einzelnen heften, den ganzen Tag lang. Ich müsste mir jemanden aussuchen ... es wäre wie ein Haupttreffer im Lotto. Nein, ich habe niemandem je etwas davon gesagt. Es klingt zu verrückt, zu durchgedreht. Ich habe mir Bücher besorgt über Vorahnungen und Hellseherei, aber das hat mir nicht wirklich geholfen. Ich weiß ja nie wirklich etwas, außer dem Ende. Ich weiß weder wo, noch habe ich eine Ahnung wer.

Meine Liste für heute ist lang, ich habe sie in die Vordertasche meines Overalls gesteckt, gleich neben dem Stift, um abhaken zu können. Wenn ich solch eine Nacht hatte, bin ich nicht sehr konzentriert, kann mir nichts so richtig merken. Eigentlich mag ich meinen Job als Hausmeister, vor allem hier in diesem großen Bau - es ist abwechslungsreich und man kommt viel mit Menschen zusammen. Das mache ich seit einem halben Jahr und es gefällt mir. Seltsam ... es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, wo ich vorher war, aber es wird mir einfallen, sobald ich diesen Kopfdruck los bin. Die erste Aufgabe des Morgens, die alte Frau Bentziger mit ihrem Wasserhahn. Sie hat schlimme Gicht, kann nicht recht zudrehen, weil ihre Hände so geschwollen sind. Ich habe ihr angeboten, einen dieser Druckhähne im Bad einzubauen, den sie nicht drehen muss. Aber das Teil musste bestellt werden und das dauert. Jetzt kontrolliere ich täglich, ob es keine Überschwemmung gegeben hat und halte ein Schwätzchen mit der alten Dame. Ich mag sie recht gern, und ich frage mich plötzlich, ob sie es ist. Ich werde noch einmal nach ihr sehen heute, sobald ich fertig bin mit den anderen Mietern.

Dann bei Zinnecker, der unangenehme Kerl meckert an allem und weiß alles besser. Ist noch feucht hinter den Löffeln und glaubt, er kann mir erzählen, wie ich ein Schloss auszuwechseln habe. Seine Kinder haben wieder einen Schlüssel abgebrochen. Obwohl ich ein wenig vor dem Gedanken erschrecke, hätte ich kein allzu großes Problem, wenn er derjenige wäre, der den heutigen Tag nicht überleben wird. Ich bin froh, als ich aus der Wohnung raus bin. Die Schlampe mit der kaputten Klospülung kostet mich fast meine Beherrschung - sie steht fast in Unterwäsche da und schnauzt mich an, weil ich nicht schon vor Stunden da war. Als ob sie nicht noch gepennt hätte, als ich mit der Arbeit angefangen habe. Schwarze Haare, teigiges Gesicht und die Schminke von gestern noch fingerdick auf den Augen. Sie sieht aus wie Alice Cooper und grölt auch so. Mir wird rot vor den Augen und ich hoffe, dass es das letzte Mal war, dass ich mich von diesem Miststück anpissen lassen musste. Als ich raus bin, muss ich mich erst einmal an die Wand lehnen, weil mir so schwindelig ist. Tief atmen ... noch vier oder fünf Jobs für heute Vormittag. Dann ist erst mal Ruhe, bis das Hausmeistertelefon klingelt.

Eine freundliche Stimme dringt durch die roten Schleier, es ist die junge Frau aus dem Parterre. Eine der wenigen hier, die wirklich freundlich ist. Ob ich mir ihr Küchenfenster einmal ansehen könnte, sie kann es nicht mehr kippen, ohne dass es aufschwingt. Das steht nicht auf dem Plan, aber weil ich diese Anja wirklich mag, gehe ich mit. Ob es mir gut geht, fragt sie - ich würde ein wenig blass aussehen. Mir wird richtig warm ums Herz und ich wiegle ab. Jedenfalls hänge ich das Fenster wieder ein und trinke auch im Stehen den Tee, den sie mir aufnötigt. Es wäre schrecklich, wenn meine Ahnung sie betreffen würde. Ich bemühe mich, ebenfalls sehr nett zu ihr zu sein, obwohl ich noch an die keifende Stimme der Schwarzhaarigen denken muss. Meine Kopfschmerzen haben sich seitdem verschlimmert, und ich könnte dieses Miststück umbringen dafür.

Im Fahrradkeller müssen zwei Birnen ausgetauscht werden, das hatte ich gestern nicht mehr geschafft. Dann ist endlich Pause, und ich kann mich in meiner Wohnung ausruhen - ein wenig hinlegen vielleicht und an etwas anderes denken als an den Tunnel und die Schwärze, die darin lauert. Aber ich gebe schnell auf, ich kann nicht liegen ... ich habe Angst. Gerade, als ich aus dem Bad komme, legt das Telefon los - man ruft nach mir. Es handelt sich um ein junges Ehepaar, das ein Problem mit dem heißen Wasser hat - ich gehe runter und spüre in meiner Hosentasche einen weichen Ball, ein Knäuel. Ich erinnere mich nicht, so etwas eingesteckt zu haben. Aber bevor ich nachsehen kann, was das wohl ist, geht die Wohnungstür auf und ich mache meinen Job. Der Installateur muss gerufen werden und das erledige ich gleich. Dann muss ich in den Waschkeller - und niemand anderes als meine verpennte Freundin vom Morgen hat nach mir verlangt.

Auf das Schlimmste gefasst fahre ich runter, gehe in den Raum, wo die Waschmaschinen stehen. Und höre das Weib schon vor der Türe zetern. Ihr Waschmaschinenschlauch ist geplatzt, es hat eine kleine Überschwemmung gegeben, die sich aber bereits durch den Abfluss im Boden verflüchtigt. Was kann ich denn dafür, dass die dumme Kuh den Wasserzulauf nicht abdreht? Diese Stimme hallt mir im Schädel wie eine Glocke - und da kommt Anja herein. Sie hat einen Wäschekorb dabei und sieht mit großen Augen auf die Szene. Dann ergreift sie tatsächlich meine Partei, sagt, dass ich ja wohl keine Schuld daran haben kann. Da dreht die Schwarze endgültig durch. Ich wusste, dass die aus der alleruntersten Schublade kommt, aber auf das, was sie jetzt von sich gibt, war ich dann doch nicht gefasst. Sie kreischt, reißt Anja den Korb aus den Händen und schmeißt ihn auf den Betonboden - droht ihr Prügel an.

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Ich sehe fassungslos zu - bin nicht fähig, mich zu rühren. Dann dreht sie sich plötzlich um und rauscht aus dem Keller, knallt die Türe zu. Dann ist Stille. Ich sehe zu Anja, sie steht an ihrer Waschmaschine, stützt sich auf dem Deckel ab. Sie zittert und ist totenbleich geworden. Ich lasse sie nicht aus den Augen, gehe langsam auf sie zu. Im Gehen taste ich nach dem weichen Knäuel in meiner Tasche, ziehe es heraus. Ich spüre mehr, als dass ich sehe, wie sich der dünne Schal in meiner noch herabhängenden Hand entrollt. Anja richtet sich jetzt auf und sieht mir in die Augen, sie streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn, lächelt mir unsicher zu. Es tut mir leid, es tut mir so sehr leid, aber sie ist es, die heute sterben wird. Und ich könnte es nicht verhindern - selbst wenn ich wollte, nicht.

© "Vorahnungen - ein leichter Schatten in meinen Gedanken" - eine Kurzgeschichte von , 2011. Bildnachweis: pixabay.com, CC0 (Public Domain Lizenz)

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