Landtagswahl 2011: Das Tauschgeschäft

Zur Aussagekraft von Wahlplakaten

Landtagswahl 2011

(März 2011)   Dieser Tage sind manche Städte bunter als sonst, vor allem der vielen verschiedenen Werbeplakate wegen, die für den kommenden Wahltag ihre Botschaft noch einmal so richtig in aller Kürze an die Bürger und die Bürgerinnen bringen wollen. Das kennt man und denkt sich nichts dabei - man sieht nach einiger Zeit nicht mehr so richtig hin, weil man die Sprüche im Schlaf hersagen könnte und sowieso kein Wort glaubt, von dem was da steht.

Ob nun schwarz, grün oder rot - jeder will richtig was tun gegen das, was nicht so toll ist in der Republik und drückt das so aus, dass es wie ein Versprechen wirkt, aber keines ist ... man kann sich ja nicht festnageln lassen.

Wie wir wissen, wählen die Leute ja meist die sympathischsten Gesichter und nicht das Parteiprogramm, das hinter den Kandidaten steht. Aber das am Rande, bleiben wir doch bei den Plakaten und ihren Botschaften. Die sind meist kurz, prägnant und verständlich. Es gibt aber auch Exemplare, die den Betrachter oder die Betrachterin vor Rätsel stellen, weil die Botschaft nicht klar zu erkennen ist. So zeigt ein Wahlplakat der NPD ein geheimnisvolles Bild, auf dem in einer Art Rebusrätsel mehrere Dinge zu sehen sind. Eine wahrscheinlich junge Schönheit - das Gesicht ist durch die Haare verdeckt - dreht dem erstaunten Betrachter halb den Rücken zu in einem Outfit, das gewisse Schlüsse auf den Beruf der Abgebildeten zulässt. Der Eindruck wird verstärkt durch die Pose, welche aber auch auf chronische Nierenschmerzen hinweisen könnte. "Klar", wird der Bürger sagen, "wenn sie SO ein knappes Röckchen trägt ..."

Wie auch immer, die in schwarzer und sehr stoffsparender Kleidung abgebildete Frau teilt sich die Bildfläche mit einer Art Cartoon, das wahrscheinlich ein stürzendes Minarett zeigt. Es könnten aber auch Raketenköpfe oder Injektionsspritzen sein, die das Auge des Vorbeigehenden fangen wollen. Bei näherem Hinsehen könnte man auch an ein phallisches Symbol denken, was einseitig belastete Menschen allerdings in jedem Turm sehen wollen. Jedenfalls zeigt das wankende, schmale und lange Teil auf die knapp geschürzte Dame, was in gewisser Hinsicht tatsächlich auf eine Freudsche Auslegung hinweist - aber als kleine Hilfe gibt es ja noch den Schriftzug. Der ist weiß, sticht auf dem in flammendem Rot gehaltenen Hintergrund gut hervor und lautet: "Minirock statt Minarett".

Spätestens jetzt kommt einige Verwirrung auf, denn es muss ja ein Bezug hergestellt werden. Gebildete Menschen verfügen über Hintergrundwissen bezüglich der verschiedenen Kulturen und können tatsächlich Querverbindungen ausmachen, denn das Wort "Minarett" gehört zu "Moschee", und damit zum Islam. Was nicht zum Islam gehört, ist ein Minirock. Das weiß man zwar - was man aber nicht weiß ist, wieso das eine durch das andere ersetzt wird. Also wird das beanspruchte Gehirn versuchen, aus dem ihm vorliegenden Fragmenten so etwas wie eine Aussage zusammenzusetzen und kommt unter anderem auf Dinge wie: wenn es keine Minarette mehr gibt, gibt es dafür mehr Miniröcke. Oder vielleicht auch: reißt die Minarette ab und baut Boutiquen für Minimode. Wie wäre es mit: nackte Beine schützen vor Überfremdung und Zwangsmissionierung. Denkbar wäre auch: wer ein Minarett nachweislich kaputtgemacht hat, bekommt im Tausch einen Minirock.

Wird hier tatsächlich versucht, an die Männerwelt zu appellieren, indem man die rabenschwarze Vision einer minirocklosen Welt heraufbeschwört, wenn nicht diesen langen und schlanken Türmen Einhalt geboten wird? Will die NPD die Freizügigkeit retten und die deutschen Frauen vor dem Schleier bewahren? Spätestens hier ist der mit Wissen belastete Betrachter bzw. die Betrachterin vollends verwirrt. Denn ebendieses Wissen sagt ihm/ihr, dass das Frauenbild der Rechten viele erstaunliche Merkmale besitzt - dass aber Freizügigkeit mit Sicherheit nicht darunter ist. Eher im Gegenteil wird der Aufgabenbereich der Geschlechter eher säuberlich getrennt, so wie anno dazumal, als Braun die Farbe der Macht war. Keusch hatte die deutsche Frau zu sein, klug durfte sie sogar auch sein - aber mit Sicherheit nicht klüger als ihr Ehemann. Und ihre Intelligenz sollte sie - bitteschön - völlig in den Dienst ihres Landes, ihrer Familie und vor allem in den ihres Mannes stellen. Der war schließlich so etwas wie der Stellvertreter des Führers in der Familie. Das ist vielleicht Malzkaffee von gestern, aber im Kern hat sich nicht viel geändert.

Mit dem Versuch, die Dame auf dem Plakat wenigstens annähernd mit dem Frauenbild der Rechten zusammenzubringen, wächst die Verwirrung - und das Kopfschütteln nimmt zu. Hier und da mag auch Gelächter aufkommen, aber mit Sicherheit freuen sich alle auf die Zeit nach der Wahl, wenn solche und ähnliche geistige Glanzleistungen wieder aus dem Straßenbild verschwinden.

Lesen Sie auch: Der Wahlsonntag ... oder die Angst des Politikers ...

© Text und Foto zu "Landtagswahl 2011: Das Tauschgeschäft": , 2011.

Hinweis: Die Aussage des abgebildeten Wahlplakates spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider.

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